TIERKORRIDOR: Kommen jetzt mehr Wildschweine?

Ab 2020 sollen Rehe und Hirsche bei Knutwil unter der A 2 durchlaufen können – aber auch Wildschweine, befürchtet der zuständige Jäger. Und: Auch Autofahrer werden den Bau der Tierpassage bemerken.

Niels Jost
Drucken
Teilen
Heute sind Wildschweine im Kanton Luzern eine äusserst seltene Erscheinung. (Symbolbild Getty)

Heute sind Wildschweine im Kanton Luzern eine äusserst seltene Erscheinung. (Symbolbild Getty)

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Die Autobahn A 2 ist für Wild­tiere eine künstliche Barriere. Seit den 1970er-Jahren trennt sie den Lebensraum des Wildes und ebenso den Kanton Luzern in ­einen östlichen und westlichen Teil. Ersteres soll sich künftig ändern. Das Bundesamt für Strassen ­(Astra) plant, in den kommenden Jahren drei Passagen für Wild­tiere zu bauen, damit sie sich künf­tig auf ihren Routen – den ­sogenannten Wildtierkorridoren – wieder grossräumiger bewegen können. Solche Passagen sollen bei Neuenkirch, Langnau bei ­Reiden und auf der Gemeindegrenze von Knutwil und Dagmersellen entstehen. Die Baupläne für Letztere liegen öffentlich auf und können noch bis am 21. Februar in den Gemeindekanzleien in Knutwil und Dagmersellen sowie beim Kanton Luzern eingesehen werden. Darin beschrieben ist auch das Projekt für den am selben Ort geplanten Gewässerschutz. Kosten: knapp 11 Millionen Franken.

Geplant ist, dass in Knutwil 2018 mit den Bauarbeiten der 32 Meter breiten und 5,5 Meter hohen Unterführung begonnen wird. Ab 2020 sollen die Tiere dann unter der A 2 durchlaufen können. Dies tun sie meist nachts. Dass für Rehe, Hirsche, Dachse oder Steinmarder diese künstliche Barriere aufgehoben wird, begrüsst Urs Kunz, Sektionspräsident der Revierjagd Hinterland. «Es stellt eine Bereicherung für unsere Fauna dar, wenn sich die Wildtiere wieder ‹ungehindert› in ihrer natür­lichen Umgebung und den ehemaligen Verbreitungsgebieten aufhalten können», sagt der CVP-Kantonsrat aus Luthern. Sorgen bereiten ihm aber die Wildschweine. Denn auch sie werden, aus Solothurn und vom Aargau her kommend, wieder vermehrt und einfacher in den Kanton Luzern gelangen.

Laut Kunz bieten den Wildschweinen etwa Mais- und Rapsfelder einen sehr guten Unterschlupf. Zudem sei auch Nahrung im Überfluss vorhanden. «Dadurch pflanzen sich die Wildschweine früher fort und haben mehr Junge. So kann eine Bache sogar zweimal pro Jahr werfen. So könnte die Population rasant ansteigen.» Wegen der dicht bewachsenen Felder sei es zudem schwieriger, die flinken Wildschweine zu bejagen und deren Bestand zu regulieren.

Bis zu 30 Wildschweine im Kanton

Schäden hat das Schwarzwild in den vergangenen Jahren ins­besondere im Kanton Aargau angerichtet, indem die Schweine bei der Futtersuche ganze Felder umgegraben haben. Auch im Luzerner Hinterland hat Urs Kunz bereits Flurschäden ausgemacht. Entsprechend sind die Betroffenen in Alarmbereitschaft: 2015 hat der Kanton gemeinsam mit dem Bauernverband, Jägern, Wissenschaftlern und Vertretern anderer Kantone eine Arbeitsgruppe «Schwarzwild» geschaffen. Ziel: Vorschläge zur Minimierung der Schäden und zur nachhaltigen Sicherung des Gesundheitszustandes der Luzerner Hausschweinebestände zu machen.

Wie viele Wildschweine es derzeit im Kanton Luzern gibt, kann nicht genau beziffert werden, heisst es auf Anfrage bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa). «Für 2016 wurden keine Nachweise gemeldet; auch kein Fallwild», sagt Matthias Merki, der für Arten und Schutzgebiete zuständig ist. «Wildschweine tauchen im Kanton Luzern bis jetzt nur sporadisch auf. Aufgrund der Meldungen der vergangenen Jahre gehen wir zum heutigen Zeitpunkt von kaum mehr als 20 bis 30 Tieren aus.»

Dass Wildtierpassagen Türöffner für Wildschweine sind, ­haben hiesige Politiker unlängst zum Thema gemacht. So hat der Parteikollege von Urs Kunz, Guido Roos (Wolhusen), vor gut einem Jahr in einem für erheblich erklärten Postulat gefordert, die Vergütung von Wildschäden zu überarbeiten. Und auch CVP-Kantonsrat Markus Odermatt (Ballwil) forderte, Massnahmen gegen die Übertragung von Krankheiten durch Schwarzwild zu ergreifen.

Während Bauarbeiten Tempo drosseln

Zurück zur geplanten Passage bei Knutwil: Das Astra sieht vor, für die Zufahrt zur Baustelle südlich der Autobahn diverse Bäume des dort angrenzenden Waldstücks zu fällen. Wie aus den aufliegenden Plänen zu entnehmen ist, hat sich das Astra dafür bereits mit dem betroffenen Grundeigen­tümer und der Lawa abgesprochen. Die Waldfläche werde nach Abschluss der Bauarbeiten wieder aufgeforstet. Weiter ist vor­gesehen, den derzeit noch ein­gedolten kleinen Bach unter der A 2 wieder freizulegen. Dadurch sollen die Tiere den Weg durch die Unterführung leichter finden. Zusätzlich werden noch Hecken und weitere Bäume gepflanzt. Doch nicht nur die Tiere am Boden, sondern auch jene in der Luft sollen von der neuen Passage profitieren. So werden an den Pfeilern der Unterführung Vogel- und Fledermauskästen angebracht. Für Menschen ist die Unterführung tabu.

Und was ist mit den Autofahrern? Auch sie werden die gut zweijährige Bauphase zu spüren bekommen. So wird das erlaubte Tempo zwischenzeitlich von derzeit 120 auf 80 Kilometern in der Stunde reduziert. Es sind aber beide Spuren zu jeder Zeit und in beide Richtungen befahrbar; der Verkehr wird zeitweise auf die Pannenstreifen gelenkt. Sehen wird man die Wildtierpassage vom Steuerrad aus allerdings kaum. Einzig ein 2 Meter hoher und rund 100 Meter langer Blendschutz wird am Strassenrand montiert. Ein Wildschwein wird man also kaum zu Gesicht bekommen – zumindest nicht auf der Autobahn.

Hinweis

Die Baupläne sind auch online unter www.rawi.lu.ch abrufbar.