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So kam es zum Unglück am Titlis

Was hat sich beim tragischen Zwischenfall an der Gondelbahn Titlis Xpress ereignet? Die CEOs von Garaventa und den Titlisbahnen nehmen Stellung. Und sagen, es sei nicht am Zeitdruck gelegen.
Kilian Küttel
Die von der Polizei abgesperrte Unfallstelle nach dem Unglück bei den Revisionsarbeiten am Mittwoch, 5. Juni 2019. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Die von der Polizei abgesperrte Unfallstelle nach dem Unglück bei den Revisionsarbeiten am Mittwoch, 5. Juni 2019. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Am Wochenende vom 12. Dezember 2015 wurde sie eröffnet: die erste Sektion der Gondelbahn Titlis Xpress zwischen dem Dorf Engelberg und dem Trübsee. Ins kollektive Gedächtnis brennt sich aber der 5. Juni 2019 ein. Als Tag der Trauer.

Bei Revisionsarbeiten an der Bahn kommt es am Mittwoch im Gebiet Gerschnialp zu einem schweren Arbeitsunfall. Ein 58-jähriger Mann verliert sein Leben, sechs weitere werden verletzt – zum Teil schwer. Am gleichen Tag spricht Hans Wicki, Verwaltungsratspräsident der Titlisbahnen, vom schwärzesten Tag der Unternehmensgeschichte.

Doch wie konnte es zum Unglück kommen, was ging bei den Revisionsarbeiten schief? «Auch jetzt ist die genaue Ursache noch unklar», sagt Arno Inauen, CEO des Goldauer Seilbahnherstellers Garaventa auf Anfrage unserer Zeitung.

Das Seil sollte gekürzt werden

Fakt ist, dass einige Arbeiter vom Förderseil getroffen wurden, welches unvermittelt nach oben geschnellt ist. Deren Aufgabe war es, das Seil der Gondelbahn zu kürzen, die auf einer Strecke von 4680 Metern eine Höhendifferenz von 1425 Metern überwindet. «Solche Kürzungen werden zwei bis drei Mal pro Lebensdauer eines Seils durchgeführt. In Betrieb unter Spannung verlängert sich das Seil mit der Zeit», so Inauen. Deshalb hätten die 19 Arbeiter, die im Einsatz standen, das Seil um 2,8 Meter verkürzen müssen.

Die Vorrichtung versagte

Zu diesem Zweck werden zwei Klemmplatten montiert und mit Flaschenzügen versehen. «Mit dem Flaschenzug wird das Seil zwischen den beiden Klemmplatten entspannt, sodass es am Boden aufliegt», sagt Inauen. Im Fall des Titlis Xpress geschah das auf einer Strecke von rund 100 Metern.

Die Arbeiter hätten das aus sechs Seillitzen bestehende Kabel auseinanderflechten, kürzen und wieder zusammenfügen sollen. Dieser Vorgang wird Spleissen genannt. Bei Beginn dieser Spleissarbeiten aber versagte offenbar die Vorrichtung – mit den bekannten, tragischen Folgen.

Das Seil muss zum Teil in der Luft sein

Weshalb dieses Vorgehen, das mit Risiken verbunden ist? Es wäre wenig sinnvoll, das ganze Seil von der Luft an den Boden zu verlagern, so Inauen: «Um die Spleissarbeiten machen zu können, muss das Förderseil nur im Arbeitsbereich am Boden liegen. Alles Weitere bringt nichts.»

Zwischen Engelberg und Trübsee, wo das Unglück geschah, war es die zweite Seilkürzung. Ein erstes Mal wurde es im Frühling 2016 gekürzt, damals um 4,10 Meter. In der zweiten Sektion der Gondelbahn zwischen Trübsee und der Station Stand wurde bisher eine Seilkürzung vorgenommen – im Frühling 2017, um 3,10 Meter.

Waren die Arbeiter gestresst?

Und was ist mit der Frage nach dem Druck? Mussten die Arbeiten aus Zeit- und Kostengründen schnell erledigt werden? Zu schnell? Dazu sagt Arno Inauen: «Die Arbeiten wurden seriös geplant und vorbereitet.» Und Norbert Patt, CEO der Titlisbahnen:

«Ich kann guten Gewissens sagen, dass kein Zeitdruck geherrscht hat.»

Für die Revision seien vier Tage eingeplant gewesen, von Montag bis und mit Donnerstag. «Das Zeitfenster war eng, doch mit genügend Reserven. Wir haben immer gesagt: Wenn es Freitag wird, dann wird es eben Freitag.» Es sei bekannt, dass solche Revisionen Zeit brauchen würden. Das werde in den Vorbereitungen berücksichtigt, die Arbeiten seien seit Längerem geplant geworden, so Patt: «Wir haben den Montageauftrag Mitte April erteilt, also vor eineinhalb Monaten.»

An der Pressekonferenz vom Mittwoch sagte Inauen, einen solchen Unfall habe er in seiner gut 25-jährigen Karriere noch nie erlebt. Diesen Eindruck bestätigt die schweizerische Untersuchungsstelle Sust. «In der vorhandenen Datenbank der Sust konnte kein vergleichbarer Fall gefunden werden. Insgesamt werden pro Jahr nur rund etwa zwei bis drei Vorfälle im Zusammenhang mit Seilbahnen bei der Sust gemeldet. Seilbahnen in der Schweiz dürfen als sehr betriebssicher eingestuft werden», sagt Markus Lüthi von der Sust.

Am aktuellen Fall ist die Untersuchungsstelle nicht beteiligt, da sie nur eingeschaltet werde, um die Betriebssicherheit zu erhöhen. Weil die Anlage nicht in Betrieb war, ist die Sust nicht zuständig.

Staatsanwalt beauftragt externen Gutachter

Zuständig sind aber die Staatsanwaltschaft des Kantons Obwalden sowie die Suva. Wie der verantwortliche Staatsanwalt Bernhard Schöni auf Anfrage sagt, lägen noch keine neuen Erkenntnisse vor. Ein externer Gutachter sei mit den Abklärungen betraut worden: «Wir haben ihm das Material zugestellt. Ob es Tage, Wochen oder Monate dauert, bis wir Erkenntnisse haben, kann ich nicht sagen.» Gleiches gelte für die Suva, auch von dieser Stelle gebe es noch keine Neuigkeiten.

Hersteller zieht sich aus Verantwortung

Derweil weist der Hersteller des Drahtseils, die Romanshorner Fatzer AG, eine mögliche Verantwortung für das Unglück von sich. Einerseits, weil das Förderseil nicht gerissen ist. Und: «Mit den Abspannarbeiten, im Rahmen derer sich das Unglück vermutlich ereignete, waren wir nicht beauftragt», so Fatzer-Projektleiter Philipp Büche.

Der Titlis Xpress verfügt über 164 Kabinen, kann pro Stunde 2475 Personen befördern und kostete im Bau 50 Millionen Franken. Die Revisionsarbeiten wurden am Donnerstag wieder aufgenommen. Mit anderen Teams, aber auch mit Mitarbeitern, die am verhängnisvollen Mittwoch schon im Einsatz standen, und die explizit gewünscht hatten, wieder arbeiten zu dürfen. Geplant ist, dass die Gondelbahn ab Samstag wieder fährt.

Weitere aktuelle Informationen zum Unglück:

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