Tobias' grösster Wunsch ist eine Lehrstelle

Bei einem Velounfall erleidet der 14-jährige Tobias schwerste Hirnverletzungen. Die Ärzte rechnen mit dem Schlimmsten. Für seine Familie ist das eine ganz schwierige Zeit, auch finanziell. Heute freut sich Tobias: «Es geht wieder obsi.»

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Tobias mit seiner Hündin Cyndi und seiner Familie. (Bild: Roger Grütter/Neue LZ)

Tobias mit seiner Hündin Cyndi und seiner Familie. (Bild: Roger Grütter/Neue LZ)

Nein, ich habe absolut keine Erinnerung an meinen Velounfall», sagt Tobias am Küchentisch auf dem Bauernhof seiner Eltern in einer Entlebucher Gemeinde. Passiert ist es im August 2011. Tobias, damals 13-jährig, will zur Nachbarin fahren und stürzt nahe seinem Elternhaus kopfvoran auf die Strasse.

Er ist sofort bewusstlos, hat ein sehr schweres Schädel-Hirn-Trauma und einige Schürfwunden. Die Rega versetzt den Jugendlichen in ein künstliches Koma und fliegt ihn nach Luzern. Er kommt zuerst ins Kinderspital, anschliessend auf die Intensivstation im Kantonsspital. «Die Ärzte haben uns offen gesagt, wir müssten mit allem rechnen.

Dass Tobias sterben oder schwerst behindert werden könnte», erzählt sein Vater Ferdy V. Die Ungewissheit, das Warten sei sehr belastend gewesen. Seine Lebenspartnerin Maya T. ergänzt: «Wir lebten in einer dauernden Angst. Und gleichzeitig musste das Leben zu Hause ja weitergehen.»

Das Leben zu Hause: Ferdy V. und Maya T. bilden mit ihren je zwei Söhnen zwischen 14 und 18 Jahren eine Patchwork-Familie, die es seit rund zehn Jahren «gut hat zusammen und gemeinsam nach vorne schaut», wie Maya T. sagt.

Täglich ins Spital

Obschon Tobias während rund eines Monats im Koma liegt, hilflos, nicht ansprechbar, fahren Ferdy V. und Maja T. täglich zu ihm nach Luzern. «Das war für uns selbstverständlich. Tobias ist unser Kind, auch wenn er auf der Intensivstation liegt und an zahlreiche Schläuche angeschlossen ist», sagt sein Vater. Er betont: «Die Ärzte und das Pflegepersonal haben uns sehr stark unterstützt.»

Nach gut drei Wochen habe der Dorfpfarrer Tobias im Spital besucht und ihm die Krankensalbung gegeben. «Als er zurückkam, sagte er zu uns: Es geht bergauf mit Tobias.» Zwei Tage später sprechen die Ärzte davon, dass sie nun Tobias aus dem Koma aufwecken würden.

Riesige Erleichterung

Auch an dieses Aufwachen kann Tobias sich nicht erinnern. Maya T. erzählt: «Es dauerte etwa sechs Tage, bis er wieder richtig da war. Er war sehr, sehr müde. Für uns bedeutete es eine riesige Erleichterung, als er uns dann wieder erkannt hat.»

Für Tobias beginnt nun ein langer und anstrengender Weg. Er kommt für mehrere Monate in eine Kinder-Rehaklinik im Kanton Zürich. Bedächtig erzählt er: «Ich musste alles wieder lernen, das Atmen, Essen und Trinken, Sprechen, Gehen. Mit dem Gehen ging es rascher voran als mit dem Sprechen.»

Aufmunterndes Plakat

Die Zeit in der Reha mit den vielen Therapiestunden ist ihm sehr lang geworden. Erst als sein Zustand stabil war, durfte er die Wochenenden zu Hause verbringen. «Darauf habe ich mich immer sehr gefreut, denn zu Hause traf ich ja auch meine Brüder», erzählt er. An Ostern 2012 ist es so weit: Tobias kann definitiv nach Hause, und er kann wieder in die Schule gehen.

Seine Klasse hatte ihm bereits während der Reha-Zeit ein aufmunterndes Riesenplakat mit guten Wünschen gemalt. Hirnverletzungen brauchen Zeit und Geduld – das weiss Tobias, dessen Kurzzeitgedächtnis ihm noch heute Mühe macht. Er behilft sich, schreibt alles Wichtige auf Zettel und hängt diese auf. Manchmal habe er noch eine «lange Leitung», sagt er. Er brauche Zeit, bis er etwas richtig gut verstehe.

In der Schule ist er «nicht mehr so gut wie früher», bekommt private Nachhilfestunden, speziell in Mathematik. «Dadurch geht es nun besser», freut er sich. Velo fahren hat er übrigens auch wieder lernen müssen; und inzwischen hat er ein Töffli. Im Sommer 2014 wird seine Schulzeit zu Ende sein. «Ich möchte einen Beruf lernen, bei dem ich meine Hände und meine körperlichen Kräfte einsetzen kann», sagt er.

Er konnte bereits beim Strassenbau schnuppern, das hat ihm gefallen. Nun hofft er auf weitere Schnupper-Möglichkeiten und hat den grossen Wunsch, «dass ich eine gute Lehrstelle finde».

Dank an die Spender

Für Ferdy V. und Maya T. waren die Monate nach dem Unfall von Tobias auch finanziell eine schwierige Zeit. Obschon Ferdy V. neben dem Bauernhof eine Anstellung auf dem Bau hat, kann die Familie «keine grossen Sprünge machen» und lebt bescheiden. Die Fahrten ins Spital und in die Reha und die damit verbundenen Spesen für auswärtige Mahlzeiten haben das Budget sehr belastet.

Die LZ-Weihnachtsaktion hat letztes Jahr – dem Gesuch der Gemeinde entsprechend – einen Entlastungsbeitrag geleistet. «Dieser Beitrag hat uns riesig gefreut und sehr unterstützt», sagt Maya T. «Wir sind nicht eine Familie, die grosse Wünsche hat, wir waren zum Beispiel noch nie alle gemeinsam in den Ferien.»

Wichtig sei für sie und Ferdy V., dass ihre Kinder die gleichen Chancen haben wie die anderen Kinder im Dorf und nicht abseits stehen müssen bei Freizeitaktivitäten. So spielt Tobias Saxofon bei der Kadettenmusik. Sein Vater sagt: «Ich möchte den Spendern der LZ-Weihnachtsaktion von Herzen danken, bitte schreiben Sie das unbedingt.»

Treue Begleiterin

Jetzt ist der Fotograf eingetroffen. «Meine Hündin Cyndi muss auf jeden Fall mit aufs Bild», sagt der sonst eher zurückhaltende Tobias lebhaft und bestimmt. Sein Vater hat ihm die quirlige treue Begleiterin gekauft, als er sah, wie gut sein Sohn in der Reha auf die Therapie mit einem Hund angesprochen hat.

Tobias schaut zuversichtlich aufs neue Jahr: «Ich mache kleine Fortschritte, das spüre ich selber. Ich wünsche mir, dass es weiter bergauf geht. Nicht von null auf hundert, aber immer echli besser.»

Ruth Schneider

Grosse Dankbarkeit

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