Todesfahrer vom Ibach fordert milderes Urteil und sagt: «Natürlich tut es mir leid»

Im August 2017 ist ein Autofahrer im Industriegebiet Ibach mit seinem BMW in drei Männer polnischer Nationalität gefahren – einer starb, ein weiterer wurde schwer verletzt. Das Kriminalgericht verurteilte den heute 27-Jährigen zu 9 Jahren Gefängnis. Dieser zog das Urteil ans Luzerner Kantonsgericht weiter.

Roseline Troxler
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Bei der Einfahrt zur Kehrichtverbrennungsanlage Ibach kam es in der Nacht auf den 6. August 2017 zu einem schweren Unfall mit einem Toten und einem Schwerverletzten.

Bei der Einfahrt zur Kehrichtverbrennungsanlage Ibach kam es in der Nacht auf den 6. August 2017 zu einem schweren Unfall mit einem Toten und einem Schwerverletzten.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 6. August 2017)

Am Luzerner Kantonsgericht fand am Mittwochmorgen die Berufungsverhandlung über die Todesfahrt beim Industriegebiet Ibach statt. Im August 2017 fuhr ein schweizerisch-kroatischer Doppelbürger aus der Region an der Reusseggstrasse in der Nähe der früheren Kehrichtverbrennungsanlage in drei polnische Männer im Alter von 37, 38 und 44 Jahren. Der älteste Mann verstarb auf der Unfallstelle, ein weiterer wurde schwer verletzt, während der dritte touchiert wurde.

Das Kriminalgericht hatte den heute 27-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Wie es im Urteil vom 13. Februar 2020 heisst, wurde der Mann der eventualvorsätzlichen Tötung und der mehrfachen versuchten eventualvorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen. Hinzu kommen mehrfache grobe Verletzung der Verkehrsregeln und Widerhandlungen gegen das Waffengesetz. Die Staatsanwältin hatte in der Anklageschrift zunächst eine Freiheitsstrafe von 6 Jahren gefordert, diese im Plädoyer aber auf 8 Jahre erhöht. Das Kriminalgericht ging mit 9 Jahren gar noch weiter.

Damit ist der Unfallfahrer nicht einverstanden. Er plädiert auf fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung und fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten mit einer Probezeit von 2 Jahren.

Dem Unfall ging ein Streit beim Strassenstrich voraus

Der Beschuldigte – gross gewachsen, kurze Haare, knallblauer Kapuzenpullover und Jeans – wurde am Kantonsgericht nochmals zur Tatnacht befragt. Immer wieder sagte der 27-jährige Lüftungsmonteur mit eigener Firma allerdings, dass er Erinnerungslücken habe. Dem Unfall, der an einem frühen Sonntagmorgen geschah, ist eine Auseinandersetzung vorausgegangen. Als der Beschuldigte um zirka 2 Uhr in seinem BMW die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nahm, sei sein Cousin, der auf der Strasse wartete, von drei alkoholisierten Polen beschimpft und angegriffen worden. Sie sollen dem Cousin einen Gegenstand an den Kopf geworfen haben. Schliesslich entfernten sich die Polen. Doch der Beschuldigte, der leise und knapp auf die Fragen des Richters antwortete, sagte:

«Wir waren verängstigt. Ich habe mich erst zu Hause wieder sicher gefühlt.»

Wie der Vertreter der Privatkläger ausführte, «war das bis zu diesem Zeitpunkt eine Auseinandersetzung zwischen jungen Männern, wie sie 1000-fach vorkommt. Doch der Beschuldigte, in seiner Macho-Ehre verletzt, entschied sich zu einem Frontalangriff und wollte es den drei Männern richtig zeigen». Die vorgebrachten Erinnerungslücken seien eine Schutzbehauptung.

«In der Folge liess ich das Lenkrad los»

Der Beschuldigte, der am Abend Alkohol konsumiert hatte, dem jedoch keine Trunkenheit nachgewiesen wurde, soll danach in seinen BMW gestiegen und diesen auf 60 bis 80 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben. Der Mann räumte ein, dass er «schnell nach Hause wollte». Via Kreisel fuhr er Richtung Seetalplatz – in dieselbe Richtung wie die drei Polen. Er gab an, dass er dann glaubte, einer der Polen wolle etwas aufs Auto werfen: «In der Folge liess ich das Lenkrad los.» An eine aktive Bewegung des Lenkrads zum Trottoir, wie sie in einem forensischen Gutachten festgehalten wurde, könne er sich ebenso wenig erinnern wie an den Aufprall. Bloss einen Knall habe er vernommen, ohne zu wissen, woher dieser kam. Ob er angehalten habe, wollte der Richter wissen: «Ich glaube nicht, ich kann mich aber nicht genau erinnern.» Der Beschuldigte wurde am Sonntagmittag von der Polizei verhaftet.

Für die Staatsanwältin gibt es diverse Ungereimtheiten bei den Schilderungen. «Der Beschuldigte nahm den Tod der drei Polen in Kauf. Dem Zufall ist es zu verdanken, dass eine Person beinahe unverletzt blieb.» Wer alkoholisiert mit 60 bis 80 Kilometer pro Stunde auf eine Gruppe zurase, könne nicht darauf vertrauen, eine Kollision noch verhindern zu können. Der Vertreter der Privatkläger sagte vor Gericht: «Er musste damit rechnen, dass ein so schweres Auto mit dieser Geschwindigkeit als Waffe wirkt.» Ausserdem stellte an der Berufungsverhandlung eine Genugtuungsforderung über 300'000 Franken für den verletzten Polen sowie je 50'000 für die Mutter, die Lebensgefährtin und die Tochter des Opfers.

«Den kompletten Abend hätte es nicht gebraucht»

Der Verteidiger betonte in seinem Plädoyer: «Der Nachweis, dass der Beschuldigte absichtlich mit Wissen und Willen in die Gruppe gefahren ist, fehlt.» Mehrmals verwies er auf das Gutachten: «Dieses kommt zum Schluss, dass der Beschuldigte vor der Kollision den Entschluss fasste, das Auto nach links zu lenken.» Die Bewegung sei aber erst nach der Kollision wirksam geworden. Der Beschuldigte habe nicht eventualvorsätzlich, sondern fahrlässig gehandelt.

Zur Frage des Richters an den Beschuldigten, wie er über den Abend denke, sagte dieser: «Den kompletten Abend von A bis Z hätte es nicht gebraucht. Natürlich tut es mir leid. Ich habe ziemlich viele schlaflose Nächte deswegen.» Das Urteil des Luzerner Kantonsgerichts wird schriftlich eröffnet.