Getöteter Pole im Ibach: Dem beschuldigten Unfallverursacher droht eine achtjährige Freiheitsstrafe

Im August 2017 hat ein Luzerner mit seinem BMW drei Polen angefahren – ein Mann erlag noch vor Ort seinen Verletzungen. Die Staatsanwältin fordert acht Jahre Gefängnis.

Evelyne Fischer
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Spurensicherung an der Reusseggstrasse.

Spurensicherung an der Reusseggstrasse. 

(Bild: Beat Kälin/newspictures.ch)

Der folgenschwere Vorfall ereignet sich in einer Samstagnacht im August 2017, auf der Reusseggstrasse, in der Nähe der früheren Kehrichtverbrennungsanlage: Drei Polen im Alter von 37, 38 und 44 Jahren laufen vom Industriegebiet Ibach in Richtung Seetalplatz, als sie um 2.15 Uhr von einem ihnen folgenden Auto angefahren werden. Am Steuer: ein schweizerisch-kroatischer Doppelbürger aus der Region. Die Frontscheibe klirrt, der Luzerner begeht Fahrerflucht. Der älteste Pole verstirbt noch vor Ort, ein zweiter wird schwer verletzt, der dritte touchiert.

Der heute 26-jährige Unfallverursacher hat sich am Donnerstag vor dem Luzerner Kriminalgericht verantworten müssen. Die Vorwürfe: vollendete und versuchte eventualvorsätzliche Tötung sowie Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz und das Waffengesetz. Der Beschuldigte, hager, grossgewachsen, die Haare zum Sidecut frisiert, ist nur teilweise geständig: Er sei zwar am Steuer des besagten BMW gesessen, habe den Wagen aber nicht absichtlich in die Polen gelenkt. Zuhause habe er seinem Vater vom Vorfall erzählt. «Vielleicht habe ich ihm gesagt, dass möglicherweise eine Person angefahren wurde. Ich weiss es nicht mehr.»

Grosse Erinnerungslücken

Bei der Befragung machte der Beschuldigte immer wieder geltend, er könne sich nicht mehr im Detail an den Vorfall erinnern. Gesichert ist: Während sein Cousin aus Kroatien auf der Strasse gewartet hat, nahm der Beschuldigte beim Strassenstrich im Ibach die Dienste einer Prostituierten in seinem Auto in Anspruch. Intus hatte er drei Halbliter Bier, wobei ihm bei der späteren Alkoholprobe keine Trunkenheit nachgewiesen werden konnte.

Als der Beschuldigte und sein Cousin danach eine Zigarette rauchten, tauchten drei Polen auf. Alkoholisiert und aggressiv, hätten sie ihn und den Cousin beschimpft und angegriffen. «Aus heiterem Himmel kam es zum Streit», sagte der Beschuldigte. Seinem Cousin habe man einen Gegenstand an den Kopf geworfen, offenbar ein Schlüsselbund, so dass sein Auge danach geblutet habe.

«Wir waren verängstigt, wollten bloss noch heim, so rasch wie möglich.»

Die schnellstmögliche Route führe über den Seetalplatz. Also habe er beschleunigt, innert Kürze zeigte der Tacho 60 bis 80 Stundenkilometer an. Danach klaffen Erinnerungslücken. Der Beschuldigte glaubte, einer der ebenfalls in diese Richtung laufenden Polen habe etwas auf das Auto werfen wollen. Er habe vermutlich im Schock das Steuer losgelassen, erinnere sich an einen Knall, wusste damals aber nicht, was diesen verursacht habe.

Die Aussagen des Beschuldigten führten bei der Richterin und den beiden Richtern zu vielen Fragezeichen. Einer hakte denn auch nach: «Im Schock lassen Sie das Lenkrad los? Das dünkt mich seltsam.» Zudem sei gemäss Gutachten erstellt, dass es eine aktive Lenkbewegung nach rechts Richtung Trottoir gegeben – und dass der Fahrer nicht gebremst habe.

Strafmass driftet weit auseinander

Dass der Beschuldigte glaubt, beworfen worden zu sein, taxierte die Staatsanwältin als Schutzbehauptung. Während in ihrer Anklageschrift noch von sechs Jahren Freiheitsstrafe die Rede war, erhöhte sie diese im Plädoyer am Donnerstag auf acht Jahre. Sie sagte:

«Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass nicht alle drei Personen getötet wurden.»

Der Beschuldigte habe den Tod einzelner Personen in Kauf genommen. «Er zeigt weder Einsicht noch Reue und bagatellisiert den Vorfall.» Für den selbstständigen Lüftungsmonteur spreche aber, dass er keine Vorstrafen besitze, in geordneten Verhältnissen lebe und schuldenfrei sei. Angerechnet werden sollen ihm die 303 Tage in Untersuchungshaft.

Anwesend war auch der Vertreter der Opfer und derer Angehörigen. Der Vertreter der Privatklägerschaft hält die acht Jahre für angemessen und konnte über das Verhalten des Beschuldigten nur den Kopf schütteln.

«Es erschreckt mich, dass der Beschuldigte derart abgestumpft ist.» 

Der Verteidiger hingegen forderte eine 18-montige Freiheitsstrafe in bedingtem Vollzug. Der Beschuldigte habe weder willentlich noch wissentlich einen Menschen töten wollen. Es gehe demnach um fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. «Ein Nachweis, dass der Beschuldigte in Absicht gehandelt hat, fehlt», betonte der Verteidiger, der wie gewohnt mit grossen Gesten und handschriftlichen Notizen sein Plädoyer hielt. Der Beschuldigte habe im frühestmöglichen Zeitpunkt entschieden, das Auto wieder nach links zu lenken. Doch er sei alkoholisiert gewesen und habe entsprechend verzögert reagieren können. 

Das Urteil steht noch aus und wird schriftlich eröffnet.

Polen waren im Autohandel tätig

Wie die Luzerner Polizei damals bekannt gab, hielten sich die Polen erst seit kurzem in der Schweiz auf und wohnten temporär bei einem Bekannten in einer Agglomerationsgemeinde. Sie waren im Autohandel tätig. In diesem Zusammenhang wurde über einen möglichen Racheakt spekuliert. Urs Wigger, Sprecher der Luzerner Polizei, dementierte: «Mit dem Autohandel hat dieser Vorfall nichts zu tun.»

Hier gelangen Sie zum damaligen Bericht von Tele 1:

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