Im Wahn den Zimmergenossen erschlagen: Beschuldigter wird stationär therapiert

Im April 2017 hat ein Kosovare in der psychiatrischen Klinik St. Urban einen 85-jährigen Mann erschlagen. Infolge Schuldunfähigkeit ordnet das Luzerner Kriminalgericht nun eine stationäre therapeutische Massnahme an.

Evelyne Fischer
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Im April 2017 hat sich in der Klinik St. Urban ein Tötungsdelikt ereignet.

Im April 2017 hat sich in der Klinik St. Urban ein Tötungsdelikt ereignet.

Bild: Pius Amrein (18. April 2017)

Im Falle des Tötungsdelikts von 2017 in der psychiatrischen Klinik von St. Urban kommt das Luzerner Kriminalgericht am Dienstag zum Schluss: Der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung ist erfüllt – der Beschuldigte ist allerdings schuldunfähig. Daher folgt das Dreiergremium dem Antrag des Staatsanwalts, für den heute 36-jährigen Kosovaren sei eine stationäre therapeutische Massnahme anzuordnen.

Ferner werden Genugtuungen fällig: Die Ehefrau des 85-jährigen Opfers erhält 10'000 Franken (gefordert hatte sie 35'000), Sohn und Tochter je 5000 Franken (statt 15'000 respektive 20'000 Franken). Das Urteil wurde im Anschluss an die knapp zweistündige Verhandlung mündlich eröffnet und ist noch nicht rechtskräftig.

Zwischen Klinikeintritt und Tat liegen rund 30 Minuten

Zur Erinnerung: Die Tragödie von St. Urban hatte am 13. April 2017, kurz vor Mitternacht, ihren Anfang genommen. Der Beschuldigte meldete sich in Begleitung des Vaters, eines Bruders und einem Schwager am Empfang der Klinik. Wegen «akuten psychosozialen Belastungsstörungen», wird die Luzerner Polizei später in einer Mitteilung schreiben.

Ein Pfleger quartierte den Beschuldigten in einem Doppelzimmer ein, in dem bereits ein 85-jähriger Mann schlief. Kurz nach Mitternacht ging der Kosovare auf diesen los. Klinikangestellte hörten verdächtige Geräusche und schlugen Alarm. Das Opfer wurde darauf hospitalisiert, erlag aber in den frühen Morgenstunden seinen Verletzungen. Der Beschuldigte floh, die Luzerner Polizei konnte ihn um 2.35 Uhr in Grossdietwil ohne Gegenwehr festnehmen.

Todesangst vor dem Satan

Der Beschuldigte, ein dreifacher Familienvater aus einer Luzerner Landgemeinde, ehemals ein erfolgreicher Kickboxer, machte im vollen Gerichtssaal keinen Hehl daraus: Er bereut seine Tat zutiefst. «Sie wird mich ein Leben lang begleiten», sagte er am Schluss der Verhandlung und entschuldigte sich bei der Familie des Opfers, das zehn Kinder hinterliess. Heute könne er nicht glauben, dass er die Tat gemacht habe.

«Ich war damals hoch psychotisch, hörte Stimmen, war fremdgesteuert.»

Als er im dunklen Zimmer den Senioren schnarchen gehört habe, sei er von Todesangst übermannt worden. «Die Stimmen in meinem Kopf sagten mir, dies sei der Satan. Würde er aufstehen, sei es fertig mit mir», sagt der Beschuldigte. Als der Mann dann aufwachte, erfolgte der Angriff. Der 85-Jährige habe wohl nur auf die Toilette gehen wollen, aber das habe er im damaligen Zustand nicht richtig erfassen können, sagte der Beschuldigte. Faustschläge und Fusstritte folgten.

Verteidiger pochte auf ambulante Massnahme

Hatte der Kosovare tatsächlich vorsätzlich getötet? Darüber waren sich der Staatsanwalt und der Verteidiger uneins, wie die Verhandlung zeigte. Ja, sagte der Staatsanwalt und verlangte infolge Schuldunfähigkeit eine stationäre therapeutische Massnahme. Nein, meinte der Verteidiger und forderte einen Freispruch – oder, eventualiter – eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung. Er pochte auf eine ambulante therapeutische Massnahme.

Der Staatsanwalt verwies in seinem Plädoyer unter anderem auf ein forensisch-psychiatrisches Gutachten vom September 2017. Dieses besagt: Zum Zeitpunkt der Tat litt der Beschuldigte an einer paranoiden Schizophrenie «von sehr schwerem Ausmass» – verbunden mit Wahn, Halluzinationen, massiven Ängsten und einer erhöhten Aggressionsbereitschaft. Ohne eine adäquate Behandlung sei gemäss Gutachten «von einem hohen Rückfallrisiko für erneute schwere Gewaltdelikte» auszugehen. Daher hielt der Staatsanwalt fest: Eine stationäre Massnahme sei «geeignet und notwendig». Der Beschuldigte habe sich – bei Einvernahmen, in der Klinik und im Gerichtssaal – stets vorbildlich und freundlich verhalten.

«Er ist therapiewillig und -fähig. Es ist ihm zu wünschen, dass ihm dies gelingt.»

Der Verteidiger hingegen argumentierte, der Beschuldigte mit tadellosem Leumund habe nie die Absicht verfolgt, einen Menschen zu töten. «Die Stimmen befahlen ihm, sich gegen den Satan, gegen das Böse zu wehren. Er kannte den Mann gar nicht und war in einem urteilsunfähigem Zustand in das Zimmer geführt worden.» Der Verteidiger strich hervor, der Beschuldigte habe sich – unter Tränen – selber zum Eintritt in die Klinik entschieden.

«Es gab keine Fremdeinweisung.»

Umso tragischer sei es, «dass die vermeintliche professionelle Betreuung in einem regelrechten Fiasko endete und er in einem Doppelzimmer untergebracht wurde». 

Ob der tragische Vorfall auch für die Klinik ein juristisches Nachspiel hat, wird sich zeigen: Die Staatsanwaltschaft Sursee führt in Bezug auf verantwortliche Personen der Luzerner Psychiatrie ein Strafverfahren. Die Strafuntersuchung ist laut Simon Kopp, Informationsbeauftragter der Staatsanwaltschaft, noch nicht abgeschlossen. Es wurde ein externes Gutachten in Auftrag gegeben, das im Frühling vorliegen dürfte.

Beschuldigter wünscht ambulante Therapie

Der Kosovare, der sehr gefasst und kontrolliert wirkte, befindet sich derzeit im vorzeitigen stationären Massnahmenvollzug in einer Klinik. Er ist sehr zuversichtlich, dass er mit einer ambulanten Therapie zurechtkäme. Die Medikamente seien gut eingestellt.

«Ich lebe seit zwei Jahren symptomfrei.» 

Sein Verteidiger hatte während des Prozesses den Antrag gestellt, es sei ein Ergänzungsgutachten einzuholen, um zu klären, welchen Mehrwert eine stationäre Massnahme bringe. Schon rein vom Erstellungsdatum her sei das derzeit vorliegende Gutachten «nicht mehr adäquat».

Diesen Antrag hatte das Gericht abgelehnt. «Im Vergleich zu anderen Fällen» sei ein gut zweijähriges Gutachten «nicht extrem» alt. Darauf könne man durchaus noch abstützen – insbesondere, weil auch im neusten Verlaufsbericht eine Fortführung der stationären Behandlung empfohlen werde. «Wir hätten kein Vertrauen in eine ambulante Massnahme», sagte der Richter. «Das Gefährliche an der Schizophrenie ist ja gerade, dass man nach aussen nicht krank wirkt.» 

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