Luzernerin, deren Tochter bei der Geburt verstarb: «Ein Teil von uns fehlt für immer»

Eine Mutter aus Luzern hat vor vier Jahren ihre Tochter bei der Geburt verloren. Mit ihrer Geschichte setzt sie sich auch dafür ein, dass das Thema enttabuisiert wird.

Roseline Troxler
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Über Totgeburten wird in der Gesellschaft noch immer oft geschwiegen.

Über Totgeburten wird in der Gesellschaft noch immer oft geschwiegen.

Bild: Getty

«Ich stelle mir oft vor, wie Mia jetzt Guetzliteig essen oder ihren Bruder rumkommandieren würde», sagt Anita Müller* (Name geändert). Ihre Tochter wäre bald vierjährig. Wäre. Denn sie starb bei der Geburt völlig unerwartet. Die Todesursache fand man nie heraus. Nichts hatte darauf hingedeutet.

«Es war eine Bilderbuchschwangerschaft», sagt Anita Müller. Bei der Geburt bemerken die Ärzte dann, dass mit den Herztönen der Kleinen etwas nicht stimmt. Sie entscheiden sich für einen Notkaiserschnitt. «Bei der Vorbereitung spürte ich plötzlich, dass es zu spät ist.» Als sie aus der Narkose aufwacht, hält ihr Mann Mia in den Armen und muss ihr das Unbegreifliche mitteilen. Mia ist gestorben. So viele Emotionen auf einmal kommen in ihr auf. Sie erzählt:

«Ich war glücklich, meine Tochter zu sehen, verspürte Stolz. Gleichzeitig waren da Fassungslosigkeit und ein enormer Schmerz.»

Sie habe nicht gewusst, wie sie die nächsten Tage überleben sollte.

Was die Familie bis heute nicht begreifen kann: Schon kurz nach Mias Tod wollte die Staatsanwaltschaft sie mitnehmen, um den Todesfall zu untersuchen. Obwohl die Eltern gebeten hatten, dies zu unterlassen. Die Hebammen hätten sich eingesetzt, dass sie noch etwas mehr Zeit mit Mia bekamen. «Heute noch fehlen mir weitere Stunden mit ihr. Ich hätte gerne ihre Gesichtszüge genauer angeschaut, mir jedes Detail zu merken versucht, ihr übers Haar gestrichen und die Kleine ihren Grosseltern gezeigt.»

Ganz anders sieht es mit den Mitarbeitern im Spital aus. «Sie gaben uns enormen Halt, Kraft und Zeit.» Zudem boten sie an, dass ihr Mann mehrere Nächte bei ihr schlafen konnte und verlegten sie auf eine andere Station, «wo wir nicht bei den Mamis und Babys sein mussten». Einige Hebammen seien gar zur Beerdigung gekommen, und sie stünden heute noch in Kontakt.

Was dem Paar aber teils fehlte, waren ganz praktische Informationen – etwa zur Art der Bestattung, zur Aufbahrung zu Hause oder dazu, wie man den Tod Freunden kommuniziert.

Eltern erzählen den Söhnen von Mia

Anita Müller und ihr Mann haben seither zwei weitere Kinder bekommen. «Wir sind sehr dankbar für die zwei Wunder», betont sie. «Mia ist stets präsent, und wir erzählen den Buben von ihrer Schwester», sagt die Luzernerin, während sie das Geburtskärtchen von Mia zeigt, das auch gleich eine Todesanzeige ist. Auf den Bildern wirkt es, als schlafe sie friedlich.

Mit ein Grund, dass Anita Müller bereit ist, hier ihre Geschichte zu erzählen, ist die Tabuisierung des Themas Totgeburten. Sie sagt:

«Viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.»

Auch die Müllers mussten akzeptieren, dass sich einstige Freunde abgewendet haben. Dabei brauche es gar nicht so viel – schon gar nicht grosse Worte. Besonders dankbar sei sie gewesen, wenn jemand etwas mit ihr unternahm, ihr einen Blumenstrauss sandte oder einfach an sie dachte. Worte wie «du bist ja noch jung und kannst noch Kinder haben», seien hingegen alles andere als hilfreich. «Von unserer Familie wurden wir oft sehr getragen und gestützt. Es war aber manchmal einfacher, Hilfe von etwas weniger Nahestehenden anzunehmen – zum Beispiel Arbeitskolleginnen.»

Anfangs zweifelte Anita Müller, je wieder glücklich sein zu können. Als es dann mal wieder fröhliche Momente gab, hatte sie oft ein schlechtes Gewissen. Die Luzernerin sagt:

«Auch heute habe ich manchmal den tiefen Wunsch, bei ihr zu sein. Gäbe es Besuchszeiten im Himmel, wäre ich die erste, welche sie nutzen würde.»

Durch den Verlust wurde der Glaube noch wichtiger. «Ich habe oft mit Gott geschimpft.» Die Wellen der Trauer kämen noch, aber seien schwächer und seltener geworden. Sinnbildlich sagt die Mutter: «Ein Jahr nach Mias Tod kaufte ich einen Weihnachtsbaum. Er war perfekt bis auf zwei fehlende Äste. Ich schmückte ihn und merkte, dass er unsere Familie widerspiegelt. Egal, was wir tun, ein Teil von uns fehlt für immer.»

Hinweis: Die Fachstelle Kindsverlust bietet Betroffenen und Fachpersonen kostenlose Beratung an. Ab Januar starten in Luzern Gesprächsgruppen. Weitere Infos finden Sie hier.

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