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TOURISTEN: China-Town in Ebikon sorgt für Ärger

Täglich werden bis zu 600 chinesische Gäste im Restaurant Maxim verköstigt. Nachbarn beklagen sich über Lärm, Gestank und spuckende Touristen. Der Betriebsleiter gelobt Besserung. Gleichzeitig schmiedet er neue Pläne.
Thomas Heer
Chinesische Touristen in Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Chinesische Touristen in Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Ebikon am letzten Sonntagabend kurz vor 19.30 Uhr. Der Chauffeur eines roten griechischen Reisecars versucht das schier Unmögliche – aus Richtung Dierikon kommend einen U-Turn bei der Verzweigung Luzernerstrasse hinauf zur Schlösslistrasse. Im ersten Anlauf will das nicht gelingen. Also Rückwärtsgang einlegen, um das Manöver im zweiten Versuch schliesslich erfolgreich zu beenden. Kurzzeitig blockiert der Car beide Fahrspuren auf einer Strasse, die maximal mit 60 km/h befahren werden darf. Nach der gewagten 180-Grad-Wende beschleunigt der Bus und biegt wenige Meter später links in die Zentralstrasse ab.

Vor und neben den Häusern mit den Nummern 10 und 12 stehen bereits sechs andere Cars. Es herrscht ein emsiges Treiben. Chinesische Touristen überall, vor den Geschäften auf der Strasse, in der Wendeltreppe hinauf zum Hof, dort, wo sich zwischen der Zentral- und der Schulhausstrasse das Restaurant Maxim befindet. Es sind weit über 100 Frauen, Männer und Kinder vor Ort. Nach einem anstrengenden Tag gilt es sich zu stärken. Gegessen wird an Tischen im Restaurant selber, aber auch draussen stehend oder auf der Bank sitzend, beim Eingang zu einem Kinderhort.

Chauffeur lässt die Hose runter

Im «Maxim» werden in den Sommermonaten täglich zwischen 500 und 600 Mahlzeiten zubereitet. Die Gäste: ausschliesslich Touristen aus China, die in zehn bis 15 Tagen durch Europa reisen. Seit 2010 wird das Restaurant vom Chinesen Wei Geng geführt. Der 38-Jährige hat das Lokal zu dem gemacht, was es heute ist, die wohl bestfrequentierte Beiz in Luzern.

Dieser Erfolg hat auch Schattenseiten. In der Nachbarschaft sorgt die Massenverköstigung für Wut und Ärger: «Während der warmen Jahreszeit können wir den Balkon nicht mehr benutzen. Der Lärm und der Gestank sind zu gross», ärgert sich ein Mann, der an der Schulhausstrasse in einer Mietwohnung lebt. Eine Geschäftsfrau sagt: «Die Gäste spucken überall hin. Wenn sie in Gruppen die Wendeltreppe hochsteigen, werde ich immer wieder angerempelt.» Und eine Mitarbeiterin der erwähnten Kinderbetreuungsstätte erzählt: «Regelmässig betreten Leute unsere Räumlichkeiten. Das ist unangenehm.»

Auch das Parkieren sorgt für Zoff. Ein Geschäftsmann sagt: «Die Cars versperren immer wieder die Zufahrt zur Garage.» Für rote Köpfe sorgen die teils aggressiven und rüpelhaften Chauffeure, welche die Chinesen auf ihrer Europatour begleiten. Der Geschäftsmann erinnert sich an folgende unangenehme Szene: Nachdem er sich bei einem griechischen Fahrer wegen Falschparkierens beschwert hatte, machte dieser, wild vor sich hin fluchend, einen auf Angus Young von AC/DC. Im Stil des Aussie-Gitarristen zog der Chauffeur die Hose runter und streckte dem perplexen Anwohner den Allerwertesten entgegen.

Auch Helfer in der Not

Wei Deng beschäftigt 10 Angestellte. Allesamt stammen sie aus China. Einquartiert sind die vier Frauen und sechs Männer in je einer Viereinhalb- respektive Dreieinhalbzimmerwohnung an der Schulhausstrasse. Eine Bewohnerin beklagt sich: «Die Waschmaschine benutzen die, wann immer es ihnen passt. Sie halten sich an keinerlei Pläne.»

Neben dem Restaurant führt Wei Deng noch einen Verkaufsladen. Das Lokal im Parterre an der Zentralstrasse 10 bietet vieles, was ein chinesischer Tourist als Souvenir mit nach Hause nehmen kann. Zum Beispiel Messer von Victorinox, Jacques-du-Manoir-Uhren, Koffer von Rimowa für über 1000 Franken das Stück, aber auch Schokolade und für die Kleinsten Bimbosan, Säuglings-milchnahrung. Die Gäste von Wei Geng können sich auf ihren Landsmann verlassen. Auch in Notsituationen steht er ihnen helfend zur Seite. So ist der Wahlschweizer mit diversen Spitälern in Kontakt und weist gesundheitlich angeschlagene Touristen nötigenfalls in die richtige Klinik ein.

Buch mit Anstandsregeln

Mit dem Maxim, das an 365 Tagen pro Jahr geöffnet ist und ursprünglich als Quartiercafé konzipiert war, ist Wei Geng zweifelsfrei auf Erfolgskurs. Er kooperiert mit chinesischen Reiseunternehmen. Die Touristen berappen die Mahlzeiten nicht vor Ort. Abgerechnet wird via Bankverbindung China/Schweiz. Für ein Essen erhält der Gastronom weniger als 10 Franken.

Der gelernte Koch und ausgebildete Hotelier ist sich durchaus bewusst, dass er mit seinem Betrieb in Ebikon eine kritische Grenze erreicht hat. Wei Geng sagt: «Ich halte meine Gäste immer an, sich anständig zu benehmen. Ich will auch mit den Nachbarn ein einvernehmliches Verhältnis.» Er sieht auch Handlungsbedarf. Künftig will Wei Geng den Touristen ein kleines Buch mit auf den Weg geben. Mit Bildern und Text wird den Gästen aus dem Reich der Mitte erklärt, wie sie sich auf ihrer Reise durch Europa zu verhalten haben, ohne negativ aufzufallen.

Zusammen mit der Liegenschaftsverwaltung, der Livit AG, und der Gemeinde Ebikon will Wei Geng nun weiter versuchen, die Situation zu verbessern. Livit, die sowohl die Häuser an der Zentral- wie auch jene an der Schulhausstrasse managt, hält in einer schriftlichen Stellungnahme fest: «Die Herstellung der Hausordnung (Umgebungspflege, Ruhezeiten, Waschplan etc.) ist bereits in der Umsetzungsphase. Diese Woche werden Gespräche mit dem Inhaber vom Restaurant Maxim geführt, um Probleme zu identifizieren und gezielte Lösungen zu diskutieren.»

Gemeinde kritisiert

Auch bei der Gemeinde kennt man die Situation rund ums «Maxim». Gemeinderat Peter Schärli sagt: «Die Situation ist so nicht tragbar. Dieser Standort ist nur möglich, wenn die Gästezahl markant sinkt.»

Auch Wei Geng macht sich diesbezüglich seine Gedanken. Er weiss: Früher oder später wird er sich um eine neue Lokalität umsehen müssen. Denn der Chinese ist überzeugt, dass sich der Reiseboom aus seinem Heimatland Richtung Europa in den kommenden Jahren noch verstärken wird.

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