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TOY-PARTYS: Dick im Geschäft mit Sexspielzeugen

An sogenannten Toy-Partys werden Sexspielzeuge für den neuen Schwung im Schlafzimmer verkauft – oft in ländlichen Gegenden. Zentralschweizer greifen überdurchschnittlich oft zu. Warum? Eine Spurensuche in Altdorf.
Christian Hodel
Perrine Haller zeigt, wie die Sex-Toys funktionieren, bevor die Teilnehmerinnen diese selber begutachten (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

Perrine Haller zeigt, wie die Sex-Toys funktionieren, bevor die Teilnehmerinnen diese selber begutachten (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

In einem pinken Reisekoffer rollt die Lust daher. Perrine Haller (27) aus Hochdorf, Mutter zweier Töchter, zieht den «Tiger» heraus, legt das 22 Zentimeter lange Stück neben den schwarzen «Big Boss» und wischt den Staub von der Spitze. Dann zückt sie den Running Gag jeder Party: Der «Ramsey Rabbit» – ein kleiner Vibrator mit Hasenohren.

15 Frauen sind in den Coiffeursalon in Altdorf gekommen, es ist Samstag, 20.15 Uhr. Die Urnerinnen sind angeheitert, eine von ­ihnen wird bald heiraten – und heute wird gepoltert. Die Sexspielzeugberaterin erklärt die Spielregeln. «Als Erstes sage ich euch, was auf dem Tisch alles rumliegt. Dann könnt ihr die Sachen anfassen, und am Schluss nehme ich eure Bestellungen auf.» Drei Stunden später hat sie Vibratoren und Dildos, Lust­kugeln und Stimulationsgele im Wert von 2000 Franken an die Frauen gebracht. Mit Küchengeräten und Tupperware lässt sich heutzutage weniger verdienen.

Die Nachfrage steigt seit Jahren an

Die Zentralschweiz trägt wesentlich dazu bei, dass das Geschäft mit Sexspielzeugen derzeit einen eigentlichen Höhenflug erlebt. So verkauft der auf Sexspielzeuge spezialisierte Onlinehändler Amorana pro Kopf in der Schweiz nirgendwo so viele Dildos, Vibratoren und dergleichen wie in ländlichen Kantonen. 15 Prozent mehr als im Schweizer Durchschnitt sind es etwa im Kanton Schwyz – auch Nidwalden, Luzern und Obwalden liegen teils deutlich darüber (siehe Kasten). Bei Amorana steigt der Umsatz seit der Gründung vor drei Jahren jährlich um 50 Prozent – dieses Jahr wird das Unternehmen ­einen zweistelligen Millionen­betrag umsetzen (Ausgabe vom 1. Mai).

Und auch die Firma Toys­4woman in Wangen an der Aare, in deren Namen Perrine Haller, die Spielzeuge an die Frau bringt, wächst. Die Nachfrage nach Partys sei in den vergan­genen Jahren «markant gestiegen», sagt Inhaber Philip Beyrer, ohne genaue Zahlen zu nennen. Nur so viel: Bestand Toys4woman bei der Gründung im Juli 2009 aus ihm und seiner Frau, arbeiten heute 60 Beraterinnen für Beyrer. Perrine Haller war eine der Ersten, als sie vor sieben Jahr mit Toy-Partys begann. Sie arbeitet auf eigene Kasse, bezieht zu günstigeren Konditionen über die Firma Sexspielzeuge und verkauft diese an ihre Kundinnen weiter. Bis zu sechs Partys macht sie im Monat.

«Clone a Willy» – Basteln für Erwachsene

In Altdorf lassen die Frauen gerade die Korken knallen. Sie nippen am Prosecco, während Perrine Haller das «Clone a Willy»-Kit vorstellt. Mit einer Silikonmasse kann Frau das beste Stück ihres Liebsten nachbilden – wie ein Gipsabdruck, quasi Basteln für Erwachsene. «Man sieht nachher jedes Fältchen, jede Sehne», sagt Haller, während sich die Wangen der Urnerinnen rötlich färben.

Die Frauen, die meisten zwischen 25 und 30 Jahre alt, flüstern sich etwas in die Ohren und lachen verschmitzt. Perrine Haller läuft derweil zur Höchstform auf. Sie greift sich gebogene, gerade, dicke und dünne Stücke, gelbe und schwarze Dildos – und einen Vibrator mit Elektrostössen. «Extrem prickelnd», sei dieser. Die Frauen machen grosse Augen. Als Nächstes kommen Cremes und Ringe dran, Ketten und Stäbe. Manches ist mit den verzierten Elefantenköpfen kaum von Babyspielzeug zu unterscheiden. Die «gängigen und hochwertigen Sex-Toys» – auf diese Beschreibung legt Haller wert – seien schon längst aus der Schmuddelecke hervorgekrochen.

Von der Enkelin bis zur Grossmutter

Laut Studien besitzen gut drei Viertel aller Schweizer ein solches Spielzeug. Vor allem junge Frauen, viele Hausfrauen, aber auch ältere Semester. Toys4woman bietet auch Generationenpartys an – die 18-jährige Enkelin sitzt dann neben der 85-jährigen Oma. «Das haben wir alles schon gehabt.» Von wegen verklemmte Zentralschweiz. «Innerschweizer sind nicht prüde. Aber sie fallen nicht mit der Tür ins Haus», sagt Haller. Vieles passiere im Verborgenen, nicht mal den besten Freundinnen werde alles erzählt. An ihren Party aber würden die Frauen locker, sagen, was ihnen Spass macht, wie es um ihr Liebesleben steht. Besonders beliebt sind die Veranstaltungen auf dem Land. «Vielleicht sind die Frauen hier versauter», sagt Haller, lacht und fügt an: In Tat und Wahrheit habe sie keine Erklärung für das Interesse in ländlichen Gebieten. Vielleicht habe der Event hier eine höhere Bedeutung, vielleicht liege es daran, dass die Leute zuerst was Handfestes halten wollen, bevor sie es kaufen – was in einem Onlineshop nicht möglich ist. Und traditionelle Erotikartikel-Shops gibt es auf dem Land kaum. In Altdorf spricht die ­Toys-Beraterin jetzt von G-Punkt und A-Punkt, von doppelten und dreifachen Orgasmen. Lustkugeln und Beckenbodentraining.

Die 15 jungen Frauen sind schon längst von Prosecco auf Bier und Schnäpse umgestiegen. Runde eins ist vorbei. Jetzt lassen die Urnerinnen die Motoren surren. In der einen Hand halten sie Getränkebecher, in der anderen ein Stück Freude für zwischendurch. Unbedarft sieht das nicht aus. Die meisten sagen, sie hätten schon Erfahrungen mit solchen Lustmachern. Nur eines kennen die wenigsten: Stimulationsgels für den Intimbereich. Die Frauen nehmen ein paar Büchsen davon auf die Toilette mit. Zum Ausprobieren. Die Substanz regt die Durchblutung an. Die Katze im Sack will hier niemand kaufen.

Laut Studien besitzen gut drei Viertel aller Schweizer ein solches Spielzeug. (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

Laut Studien besitzen gut drei Viertel aller Schweizer ein solches Spielzeug. (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

Die Zentralschweiz trägt wesentlich dazu bei, dass das Geschäft mit Sexspielzeugen derzeit einen eigentlichen Höhenflug erlebt. (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

Die Zentralschweiz trägt wesentlich dazu bei, dass das Geschäft mit Sexspielzeugen derzeit einen eigentlichen Höhenflug erlebt. (Bild: Roger Gruetter (Altdorf, 29. April 2017))

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