TRANSPORT: Gute Noten für FCL-Fanzüge

Die Schäden in Fussball-Extrazügen sind stabil bis abnehmend, sagt der Dachverband der Fanarbeit – die SBB sagen das Gegenteil. Einigkeit herrscht indes über das Benehmen der FCL-Fans.

Alexander von Däniken
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Am Samstag um 17.25 Uhr besteigen die FCL-Fans in Luzern den Extrazug nach Zürich für das Auswärtsspiel gegen den FCZ. Was vor zehn Jahren noch undenkbar schien, hat sich etabliert. Dennoch: Der in diesen Tagen veröffentlichte Jahresbericht der Dachorganisation Fanarbeit Schweiz fasst auf 15 Seiten zusammen, wie unterschiedlich die bisherigen Erfahrungen mit Extrazügen gewertet werden. Christian Wandeler, Geschäftsleiter des Fanarbeit-Dachverbands und Stellenleiter der Fanarbeit Luzern, verhehlt nicht, dass es «Problemfahrten» gibt, betont indes: «Es gibt aber auch die problemlosen Fahrten – und diese sind zum Glück immer häufiger auszumachen.» Ganz anders lässt sich Jörg Brack, Produktmanager Fantransporte bei den SBB, in einem Interview zwei Seiten weiter hinten zitieren: «Im Gesamten ist eine Steigerung der Ereignisse vorhanden.» Näher will Brack auf Nachfrage nicht eingehen: «Fakt ist aber, dass die Ereignisse in den Fan-Extrazügen punktuell teilweise deutlich zugenommen haben.»

Notbremse in jedem achten Zug

Ein Blick in die Statistik, welche die Fanarbeit Schweiz nach dem Interview ausrollt, gibt Aufschluss über die unterschiedlichen Meinungen. Für die Fans spricht, dass in der Hinrunde 2014/15 knapp 80 Prozent aller Extrazüge ohne Sachschaden verlassen wurden, was dem Durchschnitt der letzten Saison entspricht (siehe Tabelle). Für die SBB spricht, dass mehr als bei jedem vierten Extrazug Knallpetarden gezündet werden und dass in der letzten Hinrunde bei jedem achten Extrazug (12,5 Prozent) missbräuchlich die Notbremse gezogen wurde, mehr als in der Rückrunde 2013/14 (5,9 Prozent).

Der häufige Gebrauch von verbotenem Pyromaterial ist gemäss Christian Wandeler auf einzelne Clubs beschränkt, wobei die FCL-Fans nicht dazuzählen würden. «Es liegt nun an den jeweiligen Vereinen und Fanarbeitern, diese Probleme zu lösen.» Das gehe weniger über eine engere Begleitung der Fans als über das Setzen von Schwerpunkten in Gesprächen.

«Deutliche Verbesserung» beim FCL

Jörg Brack will die Statistik nicht kommentieren, beurteilt aber die Situation in den Fanzügen als «sehr labil». Bei einzelnen Vereinen fänden unverändert Fahrten «mit sehr vielen Gefährdungen» statt. Bisher haben sich die SBB mit der Nennung der Vereinsnamen zurückgehalten. Nun macht Brack beim FC Luzern eine Ausnahme. Bei diesem sei eine «deutliche Verbesserung» festgestellt worden. Brack vermutet, dass die aktive Pflege der direkten Kontakte zwischen den SBB und den lokalen Ansprechpersonen zur Verbesserung beigetragen hat. Für Fanarbeiter Wandeler ist der positive Befund der SBB keineswegs überraschend: «Wir leisten in Luzern schon seit Jahren gute Arbeit, und die Fans halten sich mit wenigen Ausnahmen sehr gut an die Regeln. Neu ist nur, dass das jetzt auch von einer anderen Seite honoriert wird.» Negativ in der Bilanz: Der Vorfall vom 15. Februar dieses Jahres, als eine Gruppe FCL-Anhänger in einem Extrazug von St. Gallen nach Luzern drei Transportpolizisten angegriffen hatte.

FCL-Sprecher Max Fischer erklärt auf Anfrage: «Es freut uns, dass die Extrazüge mit FCL-Fans von den SBB positiv beurteilt werden. Wir führen das auf die gute Zusammenarbeit und den Dialog zwischen der Fanarbeit, den Fans, dem FCL und den SBB zurück. Die Abwicklung der Extrazüge liegt in den Händen der Fanarbeit, die einen hervorragenden Job macht. Bei Problemen kann sie aber sofort auf das gesamte Netzwerk zurückgreifen. Hinzu kommt, dass die Selbstregulierung der Fans mit wenigen Ausnahmen bestens klappt.»

SBB halten an YB-Modell fest

Dass Fanarbeit und SBB nicht auf dem gleichen Gleis fahren, macht sich auch beim sogenannten YB-Modell bemerkbar. Die YB-Fans sorgen in den Extrazügen selber für Ordnung. Für allfällige Schäden haftet YB nicht. Dafür stellt der Club rund 20 eigene Sicherheitsleute, welche die Fanzüge begleiten. Die sogenannten «Stewards» sind Fans, welche von Bahn- und Sicherheitsspezialisten ausgebildet worden sind. Das erspart den SBB den Einsatz der Bahnpolizei.

Die SBB loben das Modell als mustergültig, versuchen aber seit Jahren vergeblich, es auch anderen Clubs schmackhaft zu machen. «Die Haftungsfrage ist umstritten», erklärt dazu der SBB-Fantransportmanager Jörg Brack. Die Fanarbeit hingegen hält Lösungen, die auf die jeweiligen Fan- und Clubbedürfnisse abgestimmt sind, für sinnvoller. Doch das hat unter anderem nun zur Vertragsauflösung per Ende 2014 zwischen dem Dachverband und den SBB geführt.

Neue Rolle für Dachverband unklar

Hauptzweck des Vertrags war es, die Extrazüge und deren Begleitung durch geschultes Personal zu etablieren, was nun erreicht wurde. Gleichzeitig arbeiten die Vereine vermehrt direkt mit den SBB zusammen – ohne den Dachverband. Beide Partner wollen aber auch in Zukunft zusammenarbeiten. «Die neue Rolle muss aber noch definiert werden», so Brack.

Die Schweizer Fussballliga will sich derzeit nur grob zu den Extrazügen äussern. Dies, weil laut Sprecher Philippe Guggisberg im kommenden Oktober ein nationaler runder Tisch mit allen Beteiligten zu diesem Thema stattfinden wird – als Konsequenz dafür, dass die von den SBB gewünschte Revision des Personenbeförderungsgesetzes vom Parlament an den Bundesrat zurückgewiesen wurde.