TRANSSEXUALITÄT: «Ich will endlich zu mir stehen»

Jahrzehntelang führte er ein Doppel­leben. Jetzt wirft Jörg Lüscher seine letzten Männerkleider weg und wird offiziell das, was er schon immer sein wollte: eine Frau.

Annette Wirthlin
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In der neuen Rolle: Jil Lüscher, die heute zum letzten Mal noch Jörg Lüscher ist. (Bild Pius Amrein)

In der neuen Rolle: Jil Lüscher, die heute zum letzten Mal noch Jörg Lüscher ist. (Bild Pius Amrein)

«Jörg wird jetzt eine Frau.» Dieser Satz wurde schon seit Wochen hinter vorgehaltener Hand durch unsere Büroräume geflüstert. Wie bitte? Dieser gross gewachsene und in keinster Weise weibisch wirkende Arbeitskollege, der zudem, wie manche wussten, Vater einer erwachsenen Tochter ist – transsexuell? Das wollte einem nicht so recht in den Kopf. Das allgemeine Staunen und die Verwirrung waren gross. Auch ich fragte mich: Werde ich ihn – beziehungsweise sie – überhaupt erkennen, wenn er nach den Ferien als Frau zurückkommt? Wenn ja, mit welchem Namen soll ich grüssen? Treffe ich ihn dann im Frauen-WC an? Und wie um Himmels Willen das heikle Thema ansprechen?

Wenn es dann so weit ist, wird es einfacher als erwartet. Denn der Betroffene hat sich für absolute Transparenz entschieden – in seinem privaten Umfeld sowie am Arbeitsplatz. «Ich will Schluss machen mit der ewigen Lebenslüge», sagt er, als wir uns in der Cafeteria zum Gespräch für diesen Artikel gegenübersitzen. «Ich will keine Mogelpackung mehr sein.» Ohne Umstände stellt er gleich zu Beginn klar: «Jetzt bin ich noch der Jörg, aber ab Montag, dem 15. Juli, bin ich eine Sie, trage nur noch Frauenkleidung und heisse dann Jil Lüscher. An meiner beruflichen Funktion ändern sich nur zwei Buchstaben: Jetzt bin ich noch Leiter, dann Leiterin der LZ-Verlagsredaktion und der Redaktion des ‹Anzeigers Luzern›.» Er habe sich für diesen Weg entschlossen im vollen Wissen darum, dass es Widerstände und Abneigungen geben werde. Doch der Drang zur Veränderung sei um ein x-Faches grösser gewesen als die Angst vor Tuscheleien.

Handbewegungen einer Frau

Jörg sieht nicht mehr ganz so aus, wie ich ihn als Arbeitskollegen beiläufig kannte. Die weiblichen Hormone, die er seit einem halben Jahr über ein auf die Haut aufgetragenes Gel verabreicht bekommt, haben seine Gesichtszüge weicher werden lassen. Die Stimme, wenn auch zart, erinnert an einen Mann, dafür sind die Handbewegungen die einer Frau. An den Fingern sitzen zwei filigrane Ringe mit Perlen, doch das leicht schüttere Haar ist immer noch das eines 56-jährigen Mannes. Ich denke: Vor mir sitzt weder ein Mann noch eine Frau, sondern einfach ein Mensch – und zwar ein sehr sympathischer.

Dieser erzählt mit bewundernswerter Offenheit: von seinem Elternhaus in ländlicher Umgebung, in dem Sexualität nie Thema sein durfte, von den kläglichen Aufklärungsversuchen seines Vaters und von seiner Mutter, die mit Sicherheit bemerkte, dass er schon als Zehnjähriger im Versteckten die Kleider seiner Schwestern anzog, jedoch nie etwas sagte. Und davon, wie er als Kind von seiner nicht einzuordnenden Gefühlswelt hin- und hergeworfen und damit allein gelassen wurde.

Wenn auch von der Biologie her klar ein Bub, zog es Jörg, seit er denken kann, unbewusst in die feminine Welt. «Ich hielt mich am liebsten unter Mädchen auf», erzählt er, «und zwar nicht aus sexueller Anziehung, sondern weil ich ihre Interessen teilte und eine von ihnen sein wollte.» Er konnte aber auch Fussball spielen, recht gut sogar, denn er sagte sich: Wenn du ein Bub sein sollst, dann musst du auch «tschutten» können. Er versuchte, diese Rolle zu spielen und so seinem Umfeld gerecht zu werden. Und er erstickte fast an seinem schlechten Gewissen, wenn er im Geheimen doch mit Puppen spielte.

Militär mit Widerwillen absolviert

Weil sein Knochenbau und seine Gesichtszüge so fein waren, musste er immer wieder Leuten erklären, dass er kein Mädchen sei. Und später im Militär, welches er mit viel Widerwillen absolvierte, platzte einmal einer damit heraus: «Dich könnte man gut umbauen.» «Mein Gott, jetzt wirst du in deiner Abartigkeit entlarvt», dachte Jörg damals. Den Begriff Transsexualität kannte er noch nicht einmal. Etliche Male versuchte er die Frau in sich zu unterdrücken, indem er die gesamte angesammelte Frauengarde­robe entsorgte, sich im Krafttraining abrackerte oder einen Arzt anflehte, er möge ihm männliche Hormone verschreiben, um wenigstens einen rechten Bartwuchs zu bekommen. Nichts davon gelang. «Zum Glück! Wohl fühle ich mich bis heute immer nur dann, wenn ich mich in die weibliche Rolle begebe», sagt Jörg. Also führte er jahrzehntelang ein Doppelleben. Er wechselte täglich zwischen Männer- und Frauenkleidung hin und her, das Auto war seine Garderobe. Solange er alleine wohnte, standen zwei Kleiderschränke in der Wohnung, später versteckte er die Schminksachen und Frauenunterwäsche hinter den Jeans und Hemden. Er zog vom Land weg in die Stadt, wo ihn niemand kannte; in der Freizeit ging er als Frau shoppen. «Ich war sehr einsam und in ständiger Angst, erkannt zu werden.»

Zum letzten Mal einen Anzug trug Lüscher mit 33 Jahren, an seiner Hochzeit. Es war ihm ein Gräuel. Seine damalige Ehefrau hatte sein Geheimnis zwar entdeckt, verdrängte es jedoch in der Hoffnung, er würde sich noch ändern. Als die Tochter auf die Welt kam, schickte er sich ihr zuliebe in die Vaterrolle, jedoch nur vordergründig. «Ich wollte ihr ein guter Vater sein», sagt Jörg, «was mir wohl auch recht gut gelang. Trotzdem merkte meine Tochter bald mal, dass ich ein etwas komischer Papi war.»

Beispielsweise fragte sie ihn einmal, ob er schwul sei. Wahrheitsgetreu verneinte er. Er hat im Gegenteil geradezu eine Abneigung gegen körperliche Nähe zu Männern. «Kuscheln mit einem Mann? Furchtbar.» Er erklärt sich das als eine Art Abwehrreflex, weil Männer das verkörpern, was er an sich selber nicht mag. Eine «Manneskraft» hat er als biologischer Mann ein Leben lang zwar besessen, «funktioniert» hat es in der Sexualität. Aber Jörg sagt: «Was ich dabei gefühlt habe, steht auf einem anderen Blatt.»

Die heute 20-jährige Tochter erfuhr die Wahrheit vor drei Jahren – und nahm es überraschend leicht. «Ich bin glücklich, solange du das auch bist», habe sie gesagt. Bedeutend schwieriger ist es für seine langjährige Lebenspartnerin, mit der und deren zwei Kindern er seit sieben Jahren zusammenlebt. Als sie es vor zwei Jahren durch provokativ liegen gelassene Frauen­sachen erfuhr – um es ihr direkt zu sagen fehlte Jörg der Mut –, war sie zuerst schockiert, fürchtete, von der Gesellschaft geächtet zu werden, doch mittlerweile gibt sie Jörg auch schon mal «von Frau zu Frau» einen Shopping-Tipp. Was aber nicht heisst, dass die beiden künftig eine lesbische Liebesbeziehung führen werden. «Es wäre unverschämt, wenn ich das von ihr verlangen würde», ist sich Jörg bewusst.

Menschen kann man nicht umpolen

Schliesslich weiss er aus Erfahrung, dass man Menschen nicht umpolen kann. Er geht deshalb davon aus, dass sie sich früher oder später von ihm lösen und einen neuen Mann kennen lernen wird. «Ich gebe für ein neues Leben, von dem ich nicht genau weiss, was es mir bringen wird, mein Heim, meine Beziehung, unser ganzes Umfeld auf. Aber ich kann nicht anders.» Als er das sagt, steigen ihm die Tränen in die Augen, doch er fügt mit einem traurigen Lächeln hinzu: «Wir haben uns als Menschen unheimlich gerne und werden sicher immer Freunde bleiben.»

Dass er heute öfters mal weint, gehört ebenso zu den Veränderungen, die Jörg an sich feststellt, wie die Tatsache, dass ihm Brüste wachsen, die Haut feiner wird, dass er Bier nicht mehr wirklich mag und dass er keine Lust mehr hat, stundenlang die Sportresultate zu diskutieren. Ob alles direkt mit der Hormontherapie zusammenhängt, weiss er nicht. «Vielleicht habe ich auch einfach endlich aufgehört, mich in eine Rolle zu zwängen.» Jedenfalls nimmt er die Veränderungen mit Freude zur Kenntnis.

Auch sein Denken, meint er, sei ganz ein anderes geworden. Beispielsweise war er vor einem Jahr noch der Meinung, keine endgültige Operation zur Geschlechtsumwandlung zu wollen. Jetzt ist er überzeugt: «Das Ding muss weg.» Der Termin dazu steht, wie auch die operative Kopfhaarverdichtung und die Passveränderung bereits fest – Ende Jahr. Was das für seine zukünftige sexuelle Orientierung heissen wird, weiss Jörg selber nicht. Stand hier und jetzt schliesst er eine Beziehung zu einem Mann kategorisch aus. Vielleicht dann mit einer lesbischen Frau oder einer transsexuellen Person wie er selber? «Ich lasse es auf mich zukommen.»

«Hey, Chica»

Fest steht, dass Jörg am Montag und in Zukunft, sowohl im Büro als auch in der Freizeit, nur noch als Jil auftritt. Dezent geschminkt, in Jupe und Bluse, vorerst noch mit Perücke und mit höherer Stimme, so, wie er es im Logopädie-Unterricht seit Monaten gelernt hat. Und schon bald, so hofft Jil, wird sein bester Freund zu ihr am Telefon nicht mehr aus Witz, sondern ganz selbstverständlich «Hey, Chica» sagen. Jetzt zeigt Jil ein schönes und ja – frauliches – Lachen. Den Humor hat sie offensichtlich nicht verloren.

Auf meine Frage, weshalb sie nicht den Job wechselt und anderswo ganz von vorn beginnt, antwortet Jil: «Weil ich meine Arbeit liebe, und weil ich nicht das Gleiche tun will wie immer, nämlich abhauen und mich verstecken. Ich will endlich zu mir stehen, wie ich bin. Und zwar als Frau Lüscher.»