TRAUMBERUF: Der lange Weg zum Militärpiloten: «Die Ungewissheit war hart»

Zwei Luzerner und ein Schwyzer sind am Ziel ihrer Träume – und können nun durchstarten: Nach zehnjähriger Ausbildung werden sie heute zu hauptberuflichen Militärpiloten befördert.

Kilian Küttel
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Peter «Benji» Schmidlin (25), Tobias «Töpper» Fritschi (28) und Peter «Yeti» Gmür (27) haben die Pilotenausbildung bestanden.Bild: Pius Amrein (Emmen, 14. Dezember 2016)

Peter «Benji» Schmidlin (25), Tobias «Töpper» Fritschi (28) und Peter «Yeti» Gmür (27) haben die Pilotenausbildung bestanden.Bild: Pius Amrein (Emmen, 14. Dezember 2016)

Der Himmel ist grau. Der Nebel hängt tief über der Landschaft. Die Sicht ist schlecht. Zu schlecht. Es ist ruhig in Emmen. Zu ruhig für einen Flugplatz: «Bei diesem Wetter ist nicht ans Fliegen zu denken», sagt Leutnant Tobias Fritschi und blickt hoch. Er hofft, doch noch irgendwo einen Fetzen blauen Himmels zu sehen. Dorthin zieht es ihn – zum Himmel, in die Luft.

Der 28-Jährige aus dem schwyzerischen Reichenburg gehört zu einer exklusiven Berufsgruppe. Er ist Militärpilot. Jüngst hat er die Pilotenschule abgeschlossen. Heute wird er in Weggis brevetiert und zum Oberleutnant befördert. Er erhält das Abzeichen mit den goldenen Flügeln, das ihn offiziell zu einem von 200 Berufs-Militärpiloten der Schweiz macht. Zusammen mit ihm haben zwei andere Zentralschweizer die harte Ausbildung überstanden: Peter Gmür (27) aus Hochdorf und der Stadtluzerner Peter Schmidlin (25). Anders als Fritschi sitzen sie nicht im Flugzeug-, sondern im Helikoptercockpit. Doch das macht keinen Unterschied. Pilot ist Pilot, der Weg hierhin war gleich anstrengend, gleich lang.

Wenn Fritschi, Gmür und Schmidlin in den Overall steigen, legen sie ihre zivile Identität ab – und ihre Namen gleich mit. Sie werden zu «Töpper», «Yeti» und «Benji». Die drei vereint ein Traum, der vor rund zehn Jahren begonnen hat – mit einem ersten Eignungstest in Dübendorf. Zu diesem traten sie zusammen mit 700 anderen jungen Männern und Frauen an. Am Ende blieben elf übrig – 1,5 Prozent. «Benji» Schmidlin blickt auf die sechseinhalb Jahre seiner Ausbildung zurück: «Die Ungewissheit war hart. Die Ausbildung ist lang, und man muss immer damit rechnen, aussortiert zu werden.» Die anderen pflichten bei, der Hochdorfer Gmür ergänzt: «Es ist viel Druck. Jeder einzelne Flug wird bewertet. Wenn du einmal keine Topleistung ablieferst, bist du weg.»

Sie bringen Opfer für ihren Beruf

Doch Fritschi, Gmür und Schmidlin sind noch da und können heute das tun, was sie am meisten lieben. «Als Kind sah ich in den Bergen Helikopter fliegen. Von da an hat es mich gepackt», sagt Gmür, der ursprünglich aus dem sanktgallischen Amden stammt. Des Pilotenberufs wegen zog er in den Kanton Luzern. Auch Fritschi hat seine Heimat verlassen. Für die Ausbildung verlegte er seinen Wohnsitz erst nach Baar. Von dort geht es weiter nach Payerne, wo er vom PC-21, den er jetzt fliegt, auf den F/A-18-Jet umgeschult wird: «Für unseren Beruf gibt man schon viel auf – auch den Wohnort», sagt er. Aber: «Als ich den Vertrag unterschrieben habe, wusste ich ja, was mich erwartet.» Für seine Freundin, die ihm ins Welsche folgt, sei der Schritt sicher schwieriger. Die Piloten sind ihrem Umfeld dankbar. Deshalb freuen sie sich auf die Brevetierung von heute. Schmidlin: «Mit der Feier kann ich meiner Familie ein wenig von dem zurückgeben, was sie mir gegeben hat. Sie hat viel mit mir durchgemacht.» Das werden die Angehörigen auch in Zukunft tun. Denn wer mit einem 8 Tonnen schweren Helikopter in die Lüfte steigt oder mit Überschallgeschwindigkeit den Himmel entlangdonnert, lebt gefährlicher als der Durchschnitt. «Natürlich ist unser Beruf weniger sicher als ein normaler Bürojob», sagt Gmür. Die Angst sitzt aber nicht mit im Cockpit: «Wenn du dich fürchtest, musst du gar nicht erst einsteigen.»

Die richtige Entscheidung im richtigen Moment

An diesem Grundsatz hätten auch die beiden Unglücksfälle von diesem Jahr nichts geändert: Im August stürzte eine F/A-18 im Sustengebiet am, im September ein Super-Puma am Gotthard. Spuren haben die Ereignisse dennoch hinterlassen: «Mir wurde wieder bewusster, dass ein einzelner Fehler grosse Auswirkungen haben kann», sagt Fritschi. Er weiss, was passieren kann. Deshalb hat er eine Regel: «Ich streite mich nie mit meiner Freundin, bevor ich das Haus verlasse.»

Man kann sich ohnehin nur schwer vorstellen, wie «Töpper» mit jemandem streitet oder wie er die Fassung verliert. Die Schweizer Luftwaffe setzt nur ausgeglichene Männer und Frauen hinter die Steuerknüppel. Sie will «gefestigte Persönlichkeiten». Ein Gespräch mit «Töpper», «Yeti» und «Benji» zeigt schnell: Ausgeglichen, ruhig und besonnen – das sind sie. «Beim Fliegen muss man vorausplanen und vieles gleichzeitig tun können; das macht es so schwierig», sagt Fritschi. «Du musst im richtigen Moment das Richtige machen.» Genau das können sie. Die drei strahlen Sicherheit und eine tiefe Ruhe aus. Sie sind keine Draufgänger. Wissen, was sie können, wo ihre Schwächen sind, woher sie kommen und wohin sie wollen. Im Film «Top Gun» von 1986 lauteten die ersten Worte, die Ausbildner Rick «Jester» Hearthley zu seinen Schülern sagt: «Gentlemen. Sie sind die Elite. Die Besten der Besten.» Fritschi, Gmür und Schmidlin gehören zum selben Kreis wie die Piloten aus «Top Gun». Doch von Elite wollen sie nichts wissen. Fritschi: «So etwas sagt man nicht gerne von sich. Der Beruf des Militärpiloten verlangt ein sehr spezielles Profil; man muss in eine besondere Form passen. Und das tun wir glücklicherweise.»

Die Geschichte der drei Piloten ist also nicht die, dass sich Fleiss und eiserner Wille auszahlen. Dass man alles schaffen kann, solange man nur genug will. Natürlich – ohne bedingungslosen Einsatz geht es nicht. Aber auch nicht ohne Glück: Die drei sind gut in dem, was sie tun, weil sie zu ihrem Beruf passen. Weil er zu ihnen passt.

Jetzt geht es für die Piloten erst richtig los. Fritschi fliegt demnächst Jet, Gmür und Schmidlin steigen im Sommer vom kleinen Eurocopter auf den Super-Puma um. In Zukunft warten auch Einsätze im Ausland auf sie – drei Wochen pro Jahr gehen sie in den Kosovo. Wenn die Hilfe der Schweizer Luftwaffe gefragt ist, fliegen sie humanitäre Einsätze im Ausland. Doch das ist Zukunftsmusik, heute sind sie vorerst am Ziel angelangt – auch wenn es erst der Start ist.

Armee: Neue Jets sind weiterhin Thema

Das Stimmvolk schickte 2014 die Anschaffung des Gripen bachab. Dennoch will das VBS bis 2030 neue Kampfjets beschaffen (wir berichteten). Die Luftwaffe verfügt derzeit über 30 Kampfflugzeuge des Typs F/A-18. Damit sie eingesetzt werden können, bis die neuen Flieger geliefert sind, sollen sie aufgerüstet werden. Ohne Verbesserung würden sie im Jahr 2025 das Ende ihrer Lebensdauer erreichen.

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch