Trauriger Rekord bei den Gewässerverschmutzungen im Kanton Luzern

Luzerns Gewässer werden immer öfters durch Baustellenabwasser verunreinigt. Der Silberstreifen: Es gibt weniger Fischsterben.

Ismail Osman
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Es ist eine traurige Höchstmarke, die 2019 erreicht wurde: 88 Fälle von Gewässerverunreinigungen hat die Luzerner Polizei im vergangenen Jahr registriert. Das sind so viele wie selten je zuvor – zudem kann eine Dunkelziffer an nicht bekannt gewordenen Vorfällen nicht ausgeschlossen werden. Zur Einordnung: Zwischen 2010 und 2019 kam es im Durchschnitt zu rund 74 Gewässerverschmutzungen pro Jahr, wobei die Kurve über diesen Zeitraum fast konstant gegen oben zeigte.

Die Umweltschutzpolizei (Teil der Luzerner Polizei) weist die registrierten Vorfälle regelmässig in vier Hauptkategorien aus: Landwirtschaft, Industrie- und Gewerbe, Diverse und Unbekannt. Zusätzlich werden noch Angaben zu zwei Unterkategorien gemacht (Gülle in der Landwirtschaft und Baustellenabwasser im Bereich Industrie- und Gewerbe. Gemäss diesen Zahlen fallen heuer die Verunreinigungen durch Baustellenabwasser besonders ins Gewicht.

Insgesamt 20 solcher Gewässerverschmutzungen durch Baustellenabwasser registrierte die Luzerner Polizei vergangenes Jahr. Gegenüber dem Vorjahr (13 Vorfälle) bedeutet dies eine prozentuale Zunahme von über 50 Prozent).

Betonwasser in Abfluss gepumpt

Ein Beispiel: Vergangenen April fliesst über mehrere Studen eine «weissgetrübte Substanz» in die ARA Surental, wie die Luzerner Polizei im Nachgang mitteilte. Messungen vor Ort stellen beim Abwasser einen alkalischen pH-Wert von 10 fest. Das liegt über dem erlaubten Mass für Abwasser, die in Gewässer oder die Kanalisation geleitet werden. Solch hohe pH-Werte können nicht nur die Biologie der ARA stören, sonder auch Fischsterben verursachen.

Beim Vorfall in Triengen vermutete die Luzerner Polizei eine grössere Menge an Betonwasser, welche aus einer Baustelle in die Kanalisation gepumpt wurde. Wo genau der Verursacher sich befand, war in der Folge nicht mehr eruierbar. Vermutet wurde er im Einzugsgebiet der Gemeinden Sursee, Schenkon, Eich, Hildisrieden, Oberkirch Nottwil und Mauensee. Wenig überaschend handelt es sich dabei um Gemeinden in denen teilweise rege gebaut wird.

Bereits 2019 wies der Kanton auf die mangelnde Sorgfalt im Zusammenhang mit Baustellenwasser hin. Als Reaktion wollte die Dienststelle Umwelt und Energie (UWE) in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und dem Zentralschweizer Umwelt-Baustelleninspektorat die Beratungen und Kontrollen auf Baustellen verstärken.

Kanton und Verbände suchen gemeinsame Kommunikation

Ob diese verstärkte Zusammenarbeit tatsächlich zu Stande kam – und ob der Anstieg an registrierten Vorfällen darauf zurückzuführen ist – lässt sich nicht sagen. Der Kanton beantwortet momentan keine Fragen zu den Gewässerverunreinigungen. Dies werde man erst tun, wenn eine entsprechende Medienmitteilung ausgearbeitet sei, wie es auf Anfrage heisst. Diese soll voraussichtlich bis Ende Januar erscheinen. Speziell: Darin wollen sich die involvierten Dienststellen des Kantons, der Bauernverband und der Fischereiverband darin erstmals gemeinsam äussern. Entsprechend beantworten auch die genannten Verbände (noch) keine Fragen unserer Zeitung. Dieses Vorgehen dürfte weniger mit den rekordhohen Verschmutzungszahlen zu tun haben, als mit der Tatsache, dass sich die Bauern und Fischer in vergangenen Jahren öfters scharf (um nicht zu sagen giftig) angegangen sind, nachdem die Jahreszahlen zu den Gewässerverschmutzungszahlen erschienen.

Stabilisierung in der Landwirtschaft

In der Vergangenheit lag der Fokus beim Thema Gewässerverschmutzungen den auch meist voll und ganz beim Thema Gülle. Auch 2019 kam es wieder zu 19 registrierten Vorfällen:

So etwa Ende August, als ein Landwirtschaftsbetrieb die Schwemmkanäle spülte. Eine nicht geschlossene Abdeckklappe führte dazu, dass Gülle über eine Wiese gelangte und schliesslich in den Würzenbach floss. Dort wurde der Fischbestand, vorwiegend Bachforellen, auf einer Strecke von rund 3,5 Kilometern teilweise vernichtet. Der Landwirt wurde angezeigt.

Dennoch, die 19 Gülleunfälle sind gleich viele wie im Jahr zuvor und gegenüber Vorjahren eine deutliche Abnahme. 2009 kam es noch zu 37 Gülleunfällen. Seit 2013 (35 Vorfälle) nimmt diese Zahl konstant ab.

In den vergangenen Jahren haben offensichtlich viele Landwirte ihre Anlagen saniert. Dies auch, weil ab diesem Jahr dem Gewässerschutz in der Landwirtschaft besonderes Augenmerk geschenkt wird: Neu wird die Gewässerschutzsituation der Betriebe im Rahmen der ÖLN-Kontrollen (Ökologischer Leistungsnachweis) überprüft. Die teilweise unangemeldeten Hofkontrollen haben einen Einfluss auf die Höhe der Direktzahlungen. Der Luzerner Bauernverband machte vergangenen November darauf aufmerksam und verwies auf ein entsprechendes Merkblatt.

Weniger Fischsterben

Eine weitere positive Entwicklung ist bei der Zahl der Fischsterben auszumachen. Seit 2016 (18 Fälle) tendiert die Kurve konstant gegen unten – und dies trotz der insgesamt sehr hohen Anzahl an Verunreinigungen. Die Anzahl der Fälle von Fischsterben alleine sagt selbstredend noch nichts über deren schwere, beziehungsweise die Anzahl toter Tiere, aus. Dennoch scheint der Trend aber in die richtige Richtung zu zeigen. Vergangenes Jahr wurden den «nur» noch acht Fälle von Fischsterben durch Gewässerverunreinigungen bekannt.

Offen bleibt nun, wie der Kanton mit den vorliegenden Zahlen – insbesondere jener zu den steigenden Verunreinigungen durch Baustellenabwasser – umzugehen gedenkt. Griffige Massnahmen sind gefordert. Die Landwirtschaft hat gezeigt, dass es möglich ist. Was hingegen keine Option sein darf: Abzuwarten bis der aktuelle Bauboom auf der Landschaft abflacht und darauf zu hoffen, dass das Problem mit giftigen Baustellenabwassern in Luzerns Bächen damit abnimmt.