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TRIBSCHEN: Der Glaube hilft ihr bei der schwierigen Arbeit mit Sans-Papiers

Marie-Ursula Kind leitet neu die Beratungsstelle für Sans-Papiers an der Luzerner Langensandstrasse. Für die schwierige Arbeit schöpft die Juristin Energie aus ihrem Glauben.
Marie-Ursula Kind (52), fotografiert im Seebistro Luz. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 22. Dezember 2017))

Marie-Ursula Kind (52), fotografiert im Seebistro Luz. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 22. Dezember 2017))

Seit einem Monat ist sie verantwortlich: Marie-Ursula Kind (52) hat im Dezember die Leitung der Luzerner Sans-­Papiers-Anlauf­stelle im Pfarreizentrum St. Anton an der Langensandstrasse übernommen (Ausgabe vom 12. Dezember). Sie ersetzte Regula Erazo, die das Angebot seit 2012 aufgebaut hat und in Pension ging.

Kind ist Juristin, lebt in Zürich und war lange im Ausland tätig. Die Expertin für humanitäres Völker- und Strafrecht war am UNO-Tribunal für Ex-Jugoslawien beschäftigt und hat sich danach in einem Projekt im Kosovo engagiert, in dem es darum ging, wie man mit Kriegsverbrechern umgeht – auch den eigenen. Nach 17 Jahren im Ausland zog es sie wieder zurück in die Schweiz.

862 Beratungen im Jahr 2016

Sans-Papiers leben und arbeiten zum Teil auch hier, haben aber keine Aufenthaltsbewilligung. Dies, weil etwa ihr Visum ab­gelaufen ist oder weil ihr Asyl­gesuch abgewiesen wurde und die Wegweisung noch nicht vollzogen werden konnte. In der Schweiz leben schätzungsweise zwischen 90000 und 250000 Sans-Papiers. Die Anlaufstelle in Luzern hat im Jahr 2016 total 862 Beratungen durchgeführt.

Kind trifft oft auf Frust, Verzweiflung, Wut, Angst. Den Menschen, die in die Beratung kommen, kann sie nicht immer helfen. Manchmal gehe es darum, Optionen aufzeigen, welche die Ratsuchenden jedoch auch nicht glücklich machen. Woher nimmt sie die Energie und den Enthusiasmus für diese Arbeit? «Ich bin ein gläubiger Mensch und sehe das Leben von Jesus als Vorbild. Menschlichkeit, Verbundenheit: Es ist mir wichtig, das zu leben. Dass ich hier in der Schweiz aufwachsen konnte, hierher zurückkehren kann, einen Job habe, das ist nicht selbstverständlich.» Es gehöre dazu, dass man sich damit abfinde, sich im Prinzip jeden Tag ein wenig schuldig zu machen, sagt Kind, die ihre Freizeit gerne mit Nichten, Neffen und Gottenkindern verbringt, ins Theater und in Konzerte geht und für ihre Freunde kocht.

Welche Anliegen haben die Sans-Papiers? «Die Menschen kommen aus Not zu uns. Ein wichtiges Thema ist ihr rechtlicher Status.» Etwa, wenn jemand eine Busse bezahlen muss, weil er noch nicht ausgereist ist. «Auch das Thema Bildung ist ein häufiger Beratungsgrund. Denn Kinder haben Anspruch auf Schulbildung», so Kind. Ein grosser Teil der Betroffenen lebe von der Nothilfe und befinde sich in der Warteschlaufe, nachdem sie einen negativen Asylentscheid bekommen hatten. «Durch so ­einen Entscheid verlieren sie die Möglichkeit, zu arbeiten.» Die Nothilfe beinhaltet ein zuge­wiesenes Bett, die Grundversi­cherung der Krankenkasse und 10 Franken pro Tag, um den Rest der Bedürfnisse zu decken.

Viele Tibeter kommen zur Anlaufstelle

«Auch wenn gewisse Bevölkerungsgruppen bei uns stark vertreten sind, wie beispielsweise die Tibeter, so hat doch jeder Ratsuchende ein Einzelschicksal zu bewältigen. Und deshalb ist es mir wichtig, dass wir diesen Menschen, auch wenn sie vielleicht den Kriterien, um Asyl zu bekommen, nicht genügen, mit Respekt begegnen», sagt Kind.

Sie muss sich aber auch abgrenzen können. Eine klare Kommunikation helfe dabei – ehrlich und deutlich, um auch den allenfalls zu hohen Erwartungen zu begegnen. Ausserdem sei es wichtig, richtig zuzuhören, denn zum Beispiel im Amt für Migration habe man nicht so viel Zeit, den Betroffenen etwa einen Strafbefehl zu erklären. Wenn die Sprache bei der Beratung ein Hindernis ist, müssen die Rat­suchenden in erster Linie selber jemanden organisieren, der übersetzen kann.

Die Sans-Papiers-Beratungsstelle wird von einem Verein getragen, die katholische Kirche bietet den «Unterschlupf», wie Kind sagt. Von der Politik wünscht sie sich manchmal einen respektvolleren Umgang mit der Realität der Menschen, die auf ihrer Suche nach einem besseren Leben in die Schweiz kommen, aber die Asylkriterien nicht erfüllen. «Und vielleicht würde ein System mit etwas mehr Flexibilität manchmal allen Seiten helfen und nicht eine Haltung, als ob diese Menschen uns unseren Wohlstand klauen wollen.»

Natalie Ehrenzweig

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Beratung: Dienstag/Donnerstag 14.00–19.00, Langensandstras­- se 1. Keine Anmeldung nötig. Infos: www.sans-papiers.ch

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