TRIENGEN: Er gibt seit 47 Jahren den Takt an

Ob Beruf oder Hobby: Für Fred Aregger bedeutet die Musik Leidenschaft und Faszination zugleich. Doch im Leben des 69-Jährigen gibt es noch andere Werte mit hoher Priorität.

Ernesto Piazza
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Seit 47 Jahren Dirigent des Musikvereins Triengen: Fred Aregger. (Bild: Dominik Wunderli (Triengen, 29. Dezember. 2016))

Seit 47 Jahren Dirigent des Musikvereins Triengen: Fred Aregger. (Bild: Dominik Wunderli (Triengen, 29. Dezember. 2016))

Ernesto Piazza

ernesto.piazza@luzernerzeitung.ch

Grössere und kleinere Trompeten – eine sogar im Taschenformat aus China: Auf seinem Stubentisch liegen auch ein ES-Althorn, eine Tuba, verschiedene Geigen und ein beim Abbruch eines Bauernhauses noch gerettetes rund 150-jähriges Schwyzerörgeli mit acht Bässen. Die Liste ist aber längst nicht abschliessend. «Es sind mehrere Dutzend Instrumente», sagt Fred Aregger.

Mittlerweile ist der Musiklehrer pensioniert. Doch dies hindert ihn nicht daran, seine grosse Leidenschaft weiter auszuleben. Unter anderem dirigiert er seit nunmehr 47 Jahren den Trienger Musikverein Harmonie. Und wenn man ihn so reden hört, fällt sofort auf: In ihm schlummert ein fast unermesslicher Fundus an Geschichten. Der zweifache Familienvater, der seit 43 Jahren mit Marie-Theres verheiratet ist, hat viel erlebt und auch überlebt. So beispielsweise eine seltene Krebserkrankung.

«Es herrschten bei uns ärmliche Verhältnisse»

In Hergiswil am Napf, auf einem «Heimetli» eine dreiviertel Stunde Fussmarsch vom Dorf weg, erlebte Fred Aregger als uneheliches Kind eine schwierige Jugendzeit. Zwei illegitime Kinder, kein Strom, sondern Petrollampen, eine fehlende Hofzufahrt, anfänglich vier Betten für sieben Personen: «Es herrschten bei uns ärmliche Verhältnisse. Zusammen mit Grossvater, Grossmutter, Onkel, Mutter, Cousine und Bruder Walter waren wir eine frühe Patchwork-Familie.» Seine im letzten Jahr im Alter von 92 Jahren verstorbene Mutter sei eine starke Frau gewesen. Als Akkordarbeiterin sicherte sie mit ihrem Lohn die Existenz der Familie.

Aregger hat früh gelernt, sich durchzusetzen. Er kann auch als aufmüpfiger 68er bezeichnet werden. Kriege, Staatsstreiche sowie soziale Ungerechtigkeiten hätten dazu geführt, dass sich viele Jugendliche mit Bürgerrechtlern solidarisierten, sagt er. Aregger gehörte ebenfalls dazu. Mittlerweile ist es aber politisch viel ruhiger um ihn geworden.

1956, in der 3. Klasse, hatte der junge Fred begonnen, Geige zu spielen. Zwei Jahre später bekam er ein eigenes Instrument. Alfred Zemp, sein erster Geigenlehrer, habe mitgeholfen, dieses zu finanzieren. Später spielte Fred Aregger auch verschiedene Blech- sowie weitere Streichinstrumente. Am Seminar in Hitzkirch liess er sich zum Primarlehrer ausbilden. Anschliessend erwarb er an der Musikakademie in Zürich das Blasmusikdirektionsdiplom. Mit 18 Jahren absolvierte Aregger erfolgreich den Dirigentenkurs des eidgenössischen Musikvereins.

Diverse Arbeitsverhältnisse als Musiklehrer an Musikschulen folgten. «Fehlende Pensensicherheit, problematische Anstellungsbedingungen: Oft war es schwierig – und so ist es bis heute geblieben», erklärt Aregger. Der 69-Jährige ist zwar kein Mann der lauten Töne – dafür sind seine Worte umso deutlicher. So hat er zum Musikunterricht an den Volksschulen ebenfalls eine klare Meinung. «Dieser sollte von Beginn weg durch professionelle Fachlehrkräfte mit einem klaren Konzept stufengerecht geführt werden.» Den Instrumentalunterricht an den Kantonsschulen künftig an die Musikschulen auszulagern, gehe hin zu mehr Kosten für die Eltern und damit in die falsche Richtung. «Künftig können sich nur noch Wohlhabende die steigenden Beiträge leisten.»

Ausländische Kontakte erweitern den Horizont

Auch nach rund 50 Jahren in diversen Funktionen tätig, fasziniert ihn die Musik noch immer. Kontakte zu Musikern aus Berlin, Prag, London und bis hin nach Philadelphia weiten seinen Horizont. Das Lucerne Festival bietet ihm die ideale Möglichkeit, solche Kontakte zu knüpfen.

Aktuell kämpft der Musikverein Harmonie Triengen, der 2016 das 120-Jahr-Jubiläum feierte, mit Nachwuchsproblemen. Diese Situation bereitet dem Dirigenten Sorge. Doch aufzuhören, ist für ihn kein Thema. «Musiker werden nicht pensioniert, Musiker sterben», sagt er und lächelt.