Trotz Arbeit arm: Zahl der Working Poor im Kanton Luzern nimmt zu

Im Kanton Luzern sind zwar weniger Menschen auf Sozialhilfe angewiesen. Doch immer mehr leben trotz Arbeit in Armut. Auch, weil sich die Bedingungen in den Niedriglohnbranchen verschärft haben.

Christian Glaus
Hören
Drucken
Teilen
Die Reinigung gehört zu den klassischen Niedriglohnbranchen.

Die Reinigung gehört zu den klassischen Niedriglohnbranchen.

Bild: Getty

Endlich kann der Kanton Luzern bei der Sozialhilfe Positives vermelden: 2018 war die Sozialhilfequote erstmals seit 2011 rückläufig (wir berichteten). Eine andere Entwicklung aber beschäftigt den Kanton stark: Es gibt mehr Working Poor. Menschen, die trotz Arbeit in Armut leben und auf Sozialhilfe angewiesen sind. 9775 Personen wurden 2018 mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unterstützt, darunter 1400 Erwerbstätige, wie diese Grafik zeigt:

Von den erwerbstätigen Sozialhilfebezügern hatten 233 Personen einen Vollzeitjob, was 16,6 Prozent entspricht. Weitere 372 Personen waren zu über 50 Prozent beschäftigt – und trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren unter den Sozialhilfebezügern 180 Personen mit Vollzeitjob.

«Die Thematik Working Poor ist in den vergangenen Jahren fast aus der öffentlichen Diskussion verschwunden, diese Menschen gibt es aber immer noch», sagt Edith Lang, Leiterin der kantonalen Dienststelle Soziales und Gesellschaft. Wenig verändert hat sich die Risikogruppe. Es sind die sozial schwachen, schlecht gebildeten Menschen. Auch mangelnde Sprachkenntnisse und Grundkompetenzen erhöhen das Risiko, die Existenz nicht selbstständig bestreiten zu können.

Direkt mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat Josef Lingg. Er ist Leiter des Jobcenters der Stadt Luzern und hilft Langzeitarbeitslosen, eine Stelle zu finden. Lingg stellt fest, dass heute mehr Menschen in den Niedriglohnbranchen arbeiten. Dazu zählt er etwa das Gastgewerbe, die Reinigungs- oder Logistikbranche. Dort hätten sich die Bedingungen verschärft.

«Die Arbeitsverträge werden unverbindlicher. Es gibt mehr befristete Stellen. Oder die Arbeitnehmer werden nur noch auf Abruf oder auf Stundenlohn-Basis eingestellt.»

Dies erschwert auch die Arbeit im Jobcenter. In der Sozialhilfe gilt das Prinzip der Schadensminderung: Es muss alles unternommen werden, damit die Betroffenen möglichst wenig staatliche Hilfe benötigen. Gleichzeitig spielt der Faktor Mensch eine wichtige Rolle. «Wir drücken niemanden in kritische Arbeitssituationen», sagt Lingg zu diesem Dilemma. «Menschen bleiben längerfristig an ihrer Arbeitsstelle, wenn sie motiviert sind. Das ist bei prekären Arbeitsbedingungen nicht gegeben.»

Mehr Selbstständige unter den Working Poor

1400 Personen sind im Kanton Luzern auf staatliche Unterstützung angewiesen, obwohl sie einer Arbeit nachgehen. Dazu gehören auch gut 80 Selbstständigerwerbende. Gemäss Edith Lang von der kantonalen Dienstelle Soziales und Gesellschaft ist deren Zahl in den letzten Jahren steigend. Diese Personen würden sich teils falsche Hoffnungen machen, sagt Lang. Denn nicht immer gehe Selbstständigkeit mit Wohlstand einher: «Für Erwerbslose aus Niedriglohnbranchen oder Wirtschaftsbereichen mit starken konjunkturellen Schwankungen ist die Selbstständigkeit nicht immer existenzsichernd, auch wenn sie auf den ersten Blick verlockend erscheint.» Wer eine Firma gründet, benötigt gute Qualifikationen und zudem finanzielle Sicherheiten.

Schweizerin schlägt sich mit mehreren Teilzeit-Jobs durch

Solche prekären Arbeitsbedingungen kennt Heidi Ragonesi, Sozialarbeiterin bei der Caritas Luzern. Sie betreut unter anderem eine Schweizerin mittleren Alters. Die Frau hat nie eine Ausbildung abgeschlossen und hat heute grösste Mühe auf dem Arbeitsmarkt. Einen Vollzeitjob erhält sie nirgends, nur Kleinpensen, damit die Firmen nicht für die berufliche Vorsorge aufkommen müssen. «Sie hält sich mit drei Teilzeitjobs über Wasser», erzählt Ragonesi. Das kann im Moment einigermassen funktionieren. Aber spätestens bei der Pensionierung kommen ohne berufliche Vorsorge neue Probleme auf die Frau zu. Sie sei kein Einzelfall, sagt Ragonesi. Auch die Sozialarbeiterin stellt fest, dass Jobs mit tiefen Pensen oder auf Abruf zunehmen. Dadurch können Firmen, wie im genannten Fall, Kosten sparen und die Mitarbeiter nach ihren kurzfristigen Bedürfnissen einsetzen. Werden die Menschen also ausgenützt? «Zum Teil sicher, ja», antwortet Ragonesi.

Wenn die Betroffenen Kinder haben, kommen diese bereits in jungen Jahren mit Armut in Kontakt. Man spricht in diesen Fällen von der vererbten Armut. Ein Thema, das Heidi Ragonesi stark beschäftigt. Es komme nicht selten vor, dass die Kinder später selber wieder von der Sozialhilfe abhängig seien. «Die Eltern arbeiten so viel wie möglich, um genug Geld zu verdienen. Dabei bleibt keine Zeit mehr für Unterstützung, beispielsweise bei den Hausaufgaben.» Eine mangelhafte Ausbildung rächt sich später im Erwerbsleben. Ein Teufelskreis.

1000 Alleinerziehende sind auf Sozialhilfe angewiesen

Alleinerziehende Frauen sind unter den erwerbstätigen Sozialhilfebezügern übervertreten. Gemäss Lustat Statistik Luzern konnten gut 1000 Alleinerziehende im Jahr 2018 ihre Existenz nicht ohne Sozialhilfe bestreiten – Tendenz steigend. Das entspricht 21,5 Prozent der Haushalte von Alleinerziehenden. Die Gründe sind laut Edith Lang von der kantonalen Dienststelle Soziales und Gesellschaft vielfältig. So kann nur eine Person zum Haushaltseinkommen beitragen. Zudem kann eine alleinerziehende Person häufig keiner Vollzeitarbeit nachgehen. Und oft ist auch die externe Kinderbetreuung zu finanzieren. «Wenn die Kosten für die Kinderbetreuung über dem zusätzlich erzielten Einkommen liegen, fehlt der Anreiz zu einer ausgedehnten Erwerbsarbeit.»

Ragonesi stellt in ihren Beratungen noch einen anderen Trend fest, der ihr Sorgen bereitet. Es gebe vermehrt junge Leute, die nach der obligatorischen Schulzeit keine Ausbildung machen. «Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, weil sie so mehr Geld verdienen als ihre Kollegen in der Lehre. Doch langfristig geht diese Rechnung nicht auf.» Ohne Ausbildung ist die Chance, einen guten Job zu finden, verschwindend klein.

Hälfte der Sozialhilfebezüger hat keine Ausbildung absolviert

Im Kanton Luzern hat gut die Hälfte der erwachsenen Sozialhilfebezüger keinen nachobligatorischen Abschluss. «Wenn eine Person mit geringen Qualifikationen ihre Stelle verliert, reduzieren sich die Chancen für eine rasche Ablösung von der Sozialhilfe», sagt Edith Lang von der kantonalen Dienststelle Soziales und Gesellschaft. Das Problem der Working Poor und grundsätzlich der Armut lasse sich mit Aus- und Weiterbildungen «wirkungsvoll bekämpfen». Gemäss der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) haben fast 30 Prozent der Sozialhilfebezüger mangelhafte Grundkompetenzen, wozu beispielsweise das Schreiben oder Computerkenntnisse gehören. Die Skos hat im März dieses Jahres eine Bestandsaufnahme über Angebote zur Förderung der Grundkompetenzen in den Kantonen veröffentlicht. Demnach besteht im Kanton Luzern bei den Kursangeboten in den Bereichen Alltagsmathematik, Spracherwerb oder Informatik Nachholbedarf. So fehlten in der Informatik beispielsweise Angebote für ältere Menschen, Migranten oder Erwachsene ohne Berufsabschluss.

Dass Aus- und Weiterbildungen zentral sind, betont auch Ruth Ziörjen von den sozialen Diensten der Stadt Luzern. Die Bildungsschere gehe auf: «Das durchschnittliche Bildungsniveau steigt, die Wirtschaft verlangt vermehrt nach hoch qualifizierten Mitarbeitenden. Für Personen ohne nachobligatorische Bildung wird es so schwierig, ein sicheres Einkommen zu erzielen.» Die gezielte Aus- und Weiterbildung dürfe sich nicht nur auf Sozialhilfebezüger beschränken. Sie müsse alle Personen ansprechen, welche die heute nachgefragten Kompetenzen nur teilweise mitbringen. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Informatik, sagt Ziörjen. «Wer keinen Zugang zur IT hat, der hat keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt.»

Mehr zum Thema