Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Trotz gültigem Billett keine Hilfe: SBB erschweren Luzerner den Rollstuhltransport

Stefan Schmid kann einen Elektro-Rollstuhl nicht zu seiner Frau nach St. Urban bringen: Sein Billett sieht einen Umstieg in Reiden vor – der Bahnhof ist aber nicht behindertengerecht. Und den Umweg über Olten wollen die SBB nicht zahlen.
Alexander von Däniken
Längst nicht alle Haltestellen des öffentlichen Verkehrs sind behindertengerecht umgebaut. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 29. August 2016)

Längst nicht alle Haltestellen des öffentlichen Verkehrs sind behindertengerecht umgebaut. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 29. August 2016)

Das Schicksal meinte es nicht gerade gut mit Stefan Schmid (51) und seiner Frau Jolanda Huber (56). Das in Emmen lebende Paar ist von IV-Renten abhängig. Er wegen eines Rückenleidens, das er seit einem Arbeitsunfall hat. Sie wegen einer Polyarthritis. Auch wenn beide jeden Franken zweimal umdrehen müssen, haben sie sich arrangiert. Bis am vergangenen Karfreitag.

Wegen psychischer Probleme wurde Jolanda Huber mit der Ambulanz in die Psychiatrische Klinik St. Urban gebracht. «Sie ist aber auch dort auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen», sagt Schmid. Er wollte den Rollstuhl darum kürzlich zu ihr bringen. Mit dem Zug, weil er kein Auto hat. Doch der Rollstuhl ist noch immer nicht bei seiner Frau – und Stefan Schmid ist ausser sich. Was ist passiert?

Luzern–St. Urban via Olten retour kostet 60 Franken

Schmid hat ein Passepartout-Abo für Stadt und Agglomeration Luzern sowie ein Strecken-Abonnement Luzern–St. Urban über Reiden. Um mit dem rund 165 Kilo schweren Rollstuhl in Reiden umsteigen zu können, kontaktierte Schmid das Handicap-Call-Center der SBB. Dort beschied man ihm, dass der Bahnhof Reiden noch nicht behindertengerecht umgebaut ist. Und dass zu viele Helfer nötig wären, um den Rollstuhl aus dem Zug in den Bus zu hieven. Schmid soll via Olten und Langenthal reisen.

Doch dafür hat Schmid kein Billett, 60 Franken würde die Reise hin und zurück kosten. Er fragte darum die SBB an, ob er am Bahnhof Luzern vorbeikommen könne und man ihm gegen Vorweisen seines Abos das Billett aushändigt. «Darauf wollten die SBB aber nicht eingehen. Sie beharrten darauf, dass ich das Billett kaufe, mit der Möglichkeit, dass es zurückerstattet wird.»

Schmid kann sich einen nicht gesicherten Vorschuss des Billetts nicht leisten: «Ich brauche das Geld fürs Essen.» Für ihn ist es unverständlich, dass die SBB ihm nicht entgegenkommen – wobei das nur zeitlich gewesen wäre. Denn:

«Ich besitze ja schon ein gültiges Billett, und dass der Bahnhof Reiden nicht behindertengerecht ist, dafür kann ich nichts.»

Er habe auch beim SBB-Kundentelefon alles versucht. Vergeblich.

SBB entschuldigen sich für Fehlentscheid

SBB-Sprecher Raffael Hirt erklärt: «Die SBB sind in solchen Fällen wenn immer möglich kulant. In diesem Fall haben wir falsch entschieden und entschuldigen uns dafür.» Bei täglich bis zu 400 Anrufen an das Handicap-Call-Center schätzten die Mitarbeiter die Situationen «in Einzelfällen falsch ein». Die SBB planen, den Bahnhof Reiden 2020 behindertengerecht umzubauen (siehe Box). Im Moment läuft das Plangenehmigungsverfahren. Kantonale Zahlen zum Handicap-Call-Center gibt es nicht. Laut Hirt zählt allein der Bahnhof Luzern 7500 Hilfestellungen pro Jahr. Die Tendenz ist dank mehr behindertengerechter Züge sinkend.

Im Schnitt erhalten die SBB einmal am Tag eine Kundenreaktion zur Behindertengerechtigkeit von Bahnhöfen. Die Mehrheit betrifft andere Themen wie knappe Anschlüsse, Bedienzeiten, Platzangebot im Zug und die Bedienung der Website für Sehbehinderte, wie Hirt anmerkt.
Zurück zu Stefan Schmid: Mittlerweile hat er das Geld für das Billett aufgetrieben. Am Mittwoch lieferte er den Elektro-Rollstuhl nach St. Urban. Mit über einer Woche Verspätung. Und bis jetzt ohne Geld der SBB.

So steht es um die SBB-Bahnhöfe im Kanton Luzern:

Bereits barrierefrei: Baldegg, Baldegg Kloster, Ballwil, Buchrain, Ebikon, Ermensee, Eschenbach, Gelfingen, Gisikon-Root, Hitzkirch, Hochdorf, Hochdorf Schönau, Luzern, Luzern Verkehrshaus, Malters, Meggen Zentrum, Mosen, Nottwil, Root D4, Rothenburg Dorf, Sempach-Neuenkirch, Schüpfheim, Waldibrücke.

Umbau bis 2025: Emmenbrücke, Emmenbrücke Gersag, Entlebuch, Escholzmatt, Littau, Nebikon, Oberkirch, Reiden, Rothenburg, Schachen, Sursee, Wauwil, Wolhusen.

Kein Umbau: Brittnau-Wikon, Dagmersellen, Hasle, Meggen, St. Erhard-Knutwil, Werthenstein.

Hier gehts zur Karte der SBB

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.