Trotz menschenleerem Schwanenplatz: Luzerner Stadtparlament diskutiert über «Overtourism»

Soll die Stadt Luzern weiterhin die Luzern Tourismus AG subventionieren? Diese Frage wird ab 2022 aktuell. Viele Grossstadträte finden, dass es dabei keine Tabus geben darf.

Robert Knobel
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Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie halten am Schwanenplatz praktisch keine Cars mehr.

Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie halten am Schwanenplatz praktisch keine Cars mehr.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Wer heute durch die Luzerner Innenstadt läuft, kann sich kaum vorstellen, dass sich noch vor wenigen Wochen jeden Tag Tausende von Touristen auf der Kapellbrücke tummelten, während die Reisecars im Minutentakt asiatische Gruppen am Schwanenplatz ausluden. Von «Overtourism» war die Rede – und von der Frage, wie viele Touristen Luzern eigentlich verträgt.

Stadt subventioniert Tourismus AG mit 0,5 Millionen Franken

Tempi passati – 2020 wird wohl als schlechtestes Tourismusjahr seit Jahrzehnten in die Geschichte eingehen. 2020 ist auch das Jahr, in dem die Leistungsvereinbarung zwischen der Stadt Luzern und der Luzern Tourismus AG ausläuft.  550'000 Franken zahlte die Stadt jährlich an die Marketingorganisation. Diese Zusammenarbeit wird nun um zwei Jahre bis 2022 verlängert. Das Stadtparlament hat einen entsprechenden Kredit bewilligt. Es tat dies aber vor allem, um etwas Zeit zu gewinnen für die Erarbeitung einer umfassenden Tourismusstrategie. Der Prozess dazu wurde kürzlich gestartet – unter anderem soll auch eine Bevölkerungsumfrage zum Thema Tourismus durchgeführt werden.

SP gegen Touristen aus Übersee

Für die meisten Grossstadträte ist klar, dass die Tourismusstrategie grosse Auswirkungen auf die künftige Zusammenarbeit der Stadt mit der Luzern Tourismus AG haben wird. «Ist es sinnvoll, Luzern an Orten zu vermarkten, von denen die Stadt nur per Flugzeug erreichbar ist?» fragte etwa Simon Roth (SP). Die Bearbeitung von weit entfernten Tourismusmärkten sei «nicht subventionswürdig». Als Konsequenz daraus müsse man klären, ob es überhaupt noch Subventionen beziehungsweise eine Leistungsvereinbarung mit Luzern Tourismus brauche. Auch Stadtrat Martin Merki (FDP) sagte, dass diese Grundsatzfrage Teil der «grossen Diskussion» sei, die man im Hinblick auf die künftige Zusammenarbeit mit der Tourismusorganisation ab 2022 führen müsse.

Eine Lanze für Luzern Tourismus brach Jules Gut (GLP):

«Luzern ist eine Weltmarke, und das haben wir nicht zuletzt der grossartigen Arbeit von Luzern Tourismus zu verdanken.»

Aber auch Jules Gut räumt ein, dass die Leute dem Tourismus zunehmend kritisch gegenüber stehen. Für ihn ist deshalb klar, dass die nächste Leistungsvereinbarung mit Luzern Tourismus die Anliegen der Bevölkerung viel stärker mit einbeziehen muss. Ihm schwebt «eine Art Gesellschaftsvertrag oder eine Tourismuscharta» vor. Auf dieser Basis könne dann ein Leistungsvertrag mit wirtschaftlichen Zielen aufgebaut werden. Auch für Christian Hochstrasser (Grüne) muss Luzern Tourismus noch stärker Teil des öffentlichen Diskurses werden – wobei er anerkennt, dass es diesbezüglich deutliche Fortschritte gegeben habe. «Sie machen es nicht schlecht», so Hochstrasser an die Adresse der Tourismusorganisation. Allerdings findet auch er, dass die staatliche Förderung des Tourismus grundsätzlich diskutabel sei.

Sonja Döbeli (FDP) fordert derweil den Stadtrat dazu auf, in Sachen Tourismus stärker inhaltlich Stellung zu nehmen. Beim nächsten Reporting über die Leistungsvereinbarung mit Luzern Tourismus erwarte man eine «umfassende Analyse und nicht einfach ein unkommentiertes Wiedergeben von Zahlen und Ergebnissen.»

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