So geht es der ausgeschafften Tschetschenin und ihrer Tochter in Brüssel

Ein Jahr lang erhielten eine Mutter und ihre Tochter Dana Kirchenasyl in Luzern. Dann wurden sie zwangsweise nach Belgien rückgeführt. Dort hat sie nun eine Vertreterin der katholischen Kirche Luzern besucht. Sie kritisiert die Schweizer Behörden hart.

Hugo Bischof
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Die 12-jährige Dana vor dem Erstaufnahmezentrum für Asylbewerber in der belgischen Hauptstadt Brüssel. (Bild: PD, 24. November 2019)

Die 12-jährige Dana vor dem Erstaufnahmezentrum für Asylbewerber in der belgischen Hauptstadt Brüssel. (Bild: PD, 24. November 2019)

Ihr Fall machte viele betroffen: Eine 53-jährige tschetschenische Mutter und ihre mittlerweile 12-jährige Tochter Dana wurden am 12. November nach einjährigem Kirchenasyl in Luzern von den Behörden nach Belgien rückgeführt, wo sie vor Jahren ihr erstes Asylgesuch in Europa eingereicht hatten (Ausgabe vom 13. November). Vertreter der Stadtluzerner Pfarrei St. Leodegar sorgen sich weiter um die Beiden – über die Landesgrenzen hinweg. Nicola Neider, Leiterin Bereich Migration/Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern, hat die Mutter und ihre Tochter in Brüssel besucht – zusammen mit Regula Erazo, ehemalige Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle Sans-Papiers Luzern. Sie brachten den beiden Kleider und persönliche Gegenstände mit.

In 16er-Zimmer untergebracht

«Dana und ihre Mutter befinden sich in einem Erstaufnahmezentrum in Brüssel», erzählt Neider. «Es ist ein Riesengebäude im Zentrum der Stadt mit Hunderten Asylbewerbern.» Die beiden seien in einem 16er-Zimmer mit Doppelstockbetten untergebracht. «Dana ist das einzige Kind unter 15 erwachsenen Frauen.» Das Mädchen sei von der Rückführung «seelisch zutiefst verletzt – sie weicht ihrer Mutter nicht von der Seite», sagt Neider:

«Die Art und Weise der Rückführung war absolut unverhältnismässig.»

Nach der Abholung in der Schule in Luzern, ohne Abschied von ihren Gschpändli, sei Dana mit ihrer Mutter zunächst auf einem Polizeiposten in der Region Luzern festgehalten worden. Tags darauf, um 4 Uhr morgens, sei sie nach Genf transportiert und mit einem Spezialflug nach Brüssel geflogen worden. Die Behörden in Belgien seien von der Schweiz zwar vorgängig informiert worden, sagt Neider. Dennoch seien sie in Brüssel die erste Nacht auf sich allein gestellt gewesen. «Dank etwas Geld, das sie von privaten Spendern erhielten, konnten sie sich zumindest in der ersten Nacht in einer Pension einquartieren.

Seit dem 18. November sind Dana und ihre Mutter jetzt offiziell als Asylsuchende in Belgien erfasst. Damit haben sie Anrecht auf 7 Euro für die Mutter und 3.50 Euro für Dana pro Woche, also 42 Euro im Monat für beide zusammen. «Damit müssen sie alles bezahlen», sagt Neider, «ausser Unterbringung und Verpflegung». Es gibt täglich drei Mahlzeiten. Auch für die medizinische Versorgung ist gesorgt.

Im Gegensatz zur Schweiz kennt Belgien kein beschleunigtes Asylverfahren. Eine erste Befragung im Rahmen des belgischen Asylverfahrens wird am 21. Januar 2020 stattfinden. Neider rechnet damit, dass Dana und ihre Mutter innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen in ein kleineres Asylzentrum in Belgien verlegt werden. Bis ein definitiver Asylentscheid vorliegt, dürfte es gemäss Neider ein bis zwei Jahre dauern. Ein vordringliches Problem sei nun die Frage nach der Tagesstruktur und dem Schulunterricht der 12-jährigen Dana, die weder Französisch noch Flämisch spricht.

Auf der Flucht seit dem Tschetschenien-Krieg

Ebenfalls dank privaten Spendern hat die Mutter jetzt einen Anwalt an ihrer Seite. Gemäss Neider reichen die Gründe für die Flucht der Frau zurück in den Tschetschenien-Krieg. Die letzten 15 Jahre seien für sie ein «einziger Albtraum» gewesen, habe sie ihr anvertraut: «Das Jahr in Luzern war eine Atempause.» Am liebsten würde sie in die Schweiz zurückkehren:

«Doch das ist wohl leider zu schön, um wahr zu sein.»

Die Schweiz verfügte ein dreijähriges Einreiseverbot gegen die beiden. Etwas findet Neider besonders störend: «Am 14. November wäre die Frist abgelaufen, nach der die Frau in der Schweiz ein Asylgesuch hätte stellen dürfen. Ich kann nicht verstehen, dass man ihr diese Möglichkeit nicht gönnte und sie zwei Tage vorher ausschaffte.»