Luzerner Kriminalgericht: Ungeeignete Dolmetscherin sorgt bei Mordprozess für Unmut

Vor dem Kriminalgericht kam es jüngst zu grotesken Szenen. Die Staatsanwaltschaft forderte für den angeklagten Portugiesen lebenslänglich. Das Problem dabei: Die Übersetzerin war ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Wie ist das möglich?

Thomas Heer
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Anfang Mai musste ein Portugiese vor dem Luzerner Kriminalgericht vorsprechen. Von Anfang an war unbestritten, dass der Mann am 12. November 2016 im Stadtluzerner Ortsteil Littau seine Ehefrau tötete, und zwar mit 15 Messerstichen. Vor Gericht ging es zweieinhalb Jahre später darum abzuklären, ob die Tat als Mord oder vorsätzliche Tötung gewertet wird. Die Staatsanwaltschaft plädierte auf ersteres und forderte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

So weit die Ausgangslage: Obwohl der Portugiese schon viele Jahre in der Schweiz lebt, musste dem Angeklagten eine Dolmetscherin zur Seite gestellt werden. Bei dieser Fachperson handelte es sich nicht um eine Landsfrau aus Portugal, sondern um eine Brasilianerin. Aufgrund dieses Umstandes nahm der Prozess am Kriminalgericht in der Folge dann zwischenzeitlich groteske Formen an.

Dieser Rückschluss jedenfalls lässt sich aufgrund von Aussagen eines Augenzeugen ziehen, der den Prozess vor Ort mitverfolgte. Dieser Beobachter hält in einem E-Mail in Bezug auf die erwähnte Übersetzerin fest: «Sie hat nach Aussagen von mehreren Besuchern (Portugiesen) viele Dinge falsch übersetzt und – das ist jetzt mein Eindruck – auch einige ­Zusammenhänge nicht verstanden.» Und weiter berichtet der Augenzeuge davon, dass die offenbar ungenügende Übersetzungsarbeit der Brasilianerin auch den Richter nervte und bei ihm für Missmut sorgte.

Tatsache ist, dass sich das europäische und das brasilianische Portugiesisch im Verlauf der Jahrhunderte unterschiedlich entwickelten. Leicht feststellbar ist das für jeden Touristen, der den Einheimischen in den jeweiligen Ländern bei der Konversation zuhört. Johannes Kabatek, Sprachwissenschafter am romanischen Seminar der Uni Zürich, sagt: «Das Portugiesische in Portugal und in Brasilien unterscheiden sich auch in Bezug auf den Wortschatz und die Grammatik.» Kabatek zieht einen Vergleich: «Ein Schweizer versteht einen Norddeutschen. Umgekehrt ist das aber nicht immer der Fall.»

Niemand Geeigneteres zur Verfügung

Wie aber kommt es, dass bei einem Prozess, in dessen Verlauf dem Beschuldigten eine lebenslängliche Freiheitsstrafe droht, die Übersetzerin aus Brasilien und nicht aus Portugal stammt? Gemäss Christian Renggli, Informationsbeauftragter der Luzerner Gerichte, ist das eine Frage der Verfügbarkeit. Mit anderen Worten: Zum Zeitpunkt des Mordprozesses stand keine bessere Alternative zur Verfügung. Oder wie es Renggli formuliert: «(....) keine Übersetzerin zur Verfügung, welche regelmässig für das Kriminalgericht tätig ist».

Die Luzerner Gerichte, aber auch die Staatsanwaltschaft oder die Migrationsbehörden können Übersetzerinnen und Übersetzer anfordern. Diese Fachleute sind in einem vom Staat verwalteten Verzeichnis gelistet. Die Sprachexperten werden vor ihrem Einsatz geschult, beispielsweise in Bezug aufs Strafrecht oder die Strafprozessordnung, aber auch in den Bereichen Dolmetsch-Technik, Fachterminologie und Rollenverständnis. Erfüllt eine Person die Anforderungen in der Praxis nicht mehr, wird sie von der Liste gestrichen. Das Übersetzungspersonal wird pauschal mit 70 Franken pro Stunde entschädigt. Zurzeit sucht der Kanton unter anderem Übersetzer für Sprachen wie Georgisch, Somali oder Igbo, verbreitet vor allem im südlichen Nigeria.

Beim Prozess, in dem der Portugiese im Fokus stand, fiel auch auf, dass dieser seit langem von der IV lebt. Was aber passiert mit dieser Rente, wenn der Mann ins Gefängnis muss und dort auf Staatskosten lebt? Donald Locher, Leiter der IV Luzern, sagt dazu: Gemäss Gesetz könne einer Person im Straf- oder Massnahmenvollzug die Auszahlung von Geldleistungen mit Erwerbsersatzcharakter ganz oder teilweise gestrichen werden. Davon nicht betroffen seien Geldleistungen für Angehörige.

Das Urteil im Fall des Portugiesen steht derzeit noch aus.