Über 100 Meldungen bezüglich Corona: Die Luzerner Polizei muss wegen Anrufen aus der Bevölkerung vermehrt ausrücken

Viele Personen rufen derzeit die Luzerner Polizei an, weil sie bei ihren Mitmenschen fehlbares Verhalten rund um die verordneten Massnahmen des Bundesrats festzustellen glauben. Warum es sich dabei oft um Lappalien handelt, analysiert eine Psychologie-Professorin.

Pascal Studer
Drucken
Teilen

Über 100 Personen haben vergangenes Wochenende die Luzerner Polizei darauf hingewiesen, dass im öffentlichen Raum die Vorschriften des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nicht eingehalten würden. Dies bestätigt Christian Bertschi, Kommunikationschef der Luzerner Polizei. Er sagt: «Wir haben verhältnismässig viele Anrufe erhalten.»

Zwei Luzerner Polizisten patrouillieren in der Stadt.

Zwei Luzerner Polizisten patrouillieren in der Stadt.

Bild: Urs Flüeler/Keystone, Luzern,
20. März 2020

Seit sich das Coronavirus im Kanton Luzern eingenistet hat, ist die Schwelle zur gegenseitigen Denunziation also gesunken. Viel öfter greifen Personen zum Hörer, um die Behörden auf scheinbar fehlbares Verhalten ihrer Mitbürger hinzuweisen. Auch wenn Bertschi sagt, dass es grundsätzlich positiv ist, dass die Leute den Behörden helfen wollen, betont er:

«Wir haben keine Ausgangssperre.» 

Das bedeutet: Solange sich Personen im öffentlichen Raum an die Weisungen des Bundesrats halten, existiert im Rahmen der verordneten Massnahmen kein rechtswidriges Verhalten. Wenn sich etwa maximal fünf Personen auf einem Sportplatz aufhalten und sich dabei nicht näher als zwei Meter kommen, tolerieren die Behörden dieses Verhalten. Auch wenn der Bundesrat einschneidende Massnahmen verordnet hat: Der öffentliche Raum ist derzeit keine Sperrzone. Bertschi sagt jedoch auch: «Die grösste Hilfe wäre es, wenn die Leute gemäss den Empfehlungen des Bundesrates zu Hause blieben.» Insbesondere am Samstag bewegten sich wohl auch aufgrund des guten Wetters auffällig viele Personen draussen. Dies auf den einschlägigen Spazierstrecken, wie etwa entlang des Seebeckens in der Stadt Luzern.

44 Bussen verteilt

Für die Luzerner Polizei bedeuten die zahlreichen Anrufe viele Kontrollen durch die Patrouillen. Bertschi dazu: «Uns ist es wichtig, die Gesundheit jedes Einzelnen zu schützen.» Entsprechend gehen die Behörden allen Meldungen nach. Sehen sie dabei tatsächlich rechtswidriges Verhalten, sprechen die Polizisten die betreffenden Personen zuerst darauf an. «Wir geben ihnen so die Möglichkeit, die Situation zu ändern. Wir reagieren mit Augenmass», erklärt Bertschi.

Oft sei es jedoch vorgekommen, dass sich die Angesprochenen renitent gezeigt hätten. «Dann sprechen wir Ordnungsbussen in der Höhe von 100 Franken aus», sagt Bertschi. Am vergangenen Samstag habe die Polizei kantonsweit 44 solcher Bussen ausgeteilt, 20 davon auf Luzerner Stadtgebiet. Die Höhe der Ordnungsbusse hat der Bundesrat festgelegt. Härtere Massnahmen seien die Wegweisung – also das Verbot für eine Person, sich für eine gewisse Zeit auf dem entsprechenden Gebiet aufzuhalten – oder die Verzeigung. Zu allen drei Massnahmen hat die Luzerner Polizei gemäss Bertschi seit der bundesrätlichen Erklärung der «ausserordentlichen Lage» bereits gegriffen.

Verhalten psychologisch erklärbar

Weshalb Menschen während der Coronapandemie dazu neigen, die Polizei tendenziell früher zu kontaktieren, erklärt Ulrike Ehlert. Die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich sagt: «Weil mein Aktionsradius derzeit begrenzt ist, sind auch meine Rechte eingeschränkt.» Dabei sei es für das Individuum wichtig, dass für alle die gleichen Regeln gelten. Ehlert führt aus: «Wenn ich etwas sehe, was nicht mit meinen Interpretationen der Regeln übereinstimmt, gilt aus meiner Perspektive das Recht nicht für alle gleich.» Explizit bedeutet dies: Wenn jemand auf etwas verzichtet, wie beispielsweise einen Spaziergang am Vierwaldstättersee, und gleichzeitig sieht, wie Leute am Seebecken flanieren, löst dies ein unbefriedigendes Gefühl aus. Von nachrangiger Wichtigkeit ist dabei, ob die flanierende Person die Vorschriften des Bundesrats einhält oder nicht: Es handelt sich nämlich nicht um eine juristische, sondern individual-psychologische Interpretation.

Zudem seien die Anrufe an die Polizei auch im Kontext der Zivilcourage der jeweiligen Personen zu betrachten. «Es geht um die Frage, inwiefern ich für etwas einstehe», sagt Ehlert. Es sei nämlich einfacher, zur Polizei zu gehen, als die fehlbare Person direkt mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Dies bedeutet: Habe ich eine überdurchschnittliche Zivilcourage, agiere ich tendenziell selbstbewusster und spreche Personen direkt an, wenn ihr Verhalten nicht meinen Wertvorstellungen entspricht. Ehlert fügt zudem an: «Die aktuelle Lage verunsichert uns. Wir sind daher auf der Suche nach Ordnung.» Dabei sei es naheliegend, die Konfrontation den Ordnungshütern – in solchen Fällen also der Polizei – zu überlassen.

Schliesslich spielt noch ein ganz simpler Punkt in die psychologische Beurteilung hinein: In der Coronapandemie haben die Leute mehr Zeit zur Verfügung – beispielsweise, weil sie weniger arbeiten können oder ihr Sozialleben einschränken müssen. Der Blick über den Zaun hin zum Nachbar ist daher verlockend. Ehlert präzisiert: «Es handelt sich dabei aber nicht zwingend um Voyeurismus.» Vielmehr würden die Leute derzeit «sehr genau beobachten».

Mehr zum Thema