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Leserdebatte

Überfüllte Züge zu Stosszeiten: Zentralbahn verärgert Pendler

Die Interregio-Züge zwischen Luzern und Interlaken sind oft voll mit Touristen. Pendler müssen auf die langsamere S-Bahn ausweichen.
Christian Glaus
Eine Zugkomposition der Zentralbahn fährt dem Lungerersee entlang. (Bild: PD)

Eine Zugkomposition der Zentralbahn fährt dem Lungerersee entlang. (Bild: PD)

30 Minuten dauert die Fahrt von Luzern nach Giswil mit dem Interregio der Zentralbahn. Und doch fahren inzwischen einige Obwaldner diese Strecke lieber mit der langsameren S-Bahn, die 40 Minuten braucht. Weshalb nehmen sie eine um ein Drittel längere Fahrtzeit auf sich? Der Grund liegt bei den Zügen, die in den Spitzenzeiten überfüllt seien, wie verschiedene Pendler gegenüber unserer Zeitung bemängeln. Was sie besonders ärgert: Selbst zu den Spitzenzeiten seien viele Touristengruppen unterwegs, die Kompositionen aber kürzer als tagsüber. Die Plätze für die Touristen sind reserviert. Die Pendler fühlen sich verdrängt.

Steigende Passagierzahlen

Tatsächlich erfreuen sich die Angebote der Zentralbahn grosser Beliebtheit: Auf der Strecke Luzern-Interlaken seien die Passagierzahlen zwischen 2008 und 2018 um 37 Prozent gestiegen, erklärt das Unternehmen auf Anfrage. Die S5 zwischen Luzern und Giswil legte gar um 71 Prozent zu. Entscheidend war vor allem die Tieferlegung der Strecke zwischen Luzern und Kriens Mattenhof im Jahr 2012. Die Fahrzeit hat sich dadurch deutlich verkürzt. Bei der Zentralbahn ist man stolz auf die Entwicklung der letzten Jahre. «Der Kostendeckungsgrad liegt heute bei 64 Prozent», sagt Nicole Reisinger, Leiterin Marketing und Verkauf. Im Vergleich mit anderen Transportunternehmen müsse die Zentralbahn mit verhältnismässig wenig Steuergeldern subventioniert werden.

Der wirtschaftliche Erfolg scheint, wie erwähnt, seine Schattenseiten zu haben. Doch in Bezug auf die überfüllten Züge relativiert Reisinger: «Das ist eine Wahrnehmungssache. Auf Zahlen runtergebrochen ist es nicht so, dass unsere Züge überfüllt wären», sagt sie. Die kumulierte, durchschnittliche Auslastung des Interregios über den Brünig liege 2019 bei 33 Prozent. Im Spitzenmonat August betrug sie knapp 40 Prozent.

Dass die Pendler mit der langsameren S-Bahn fahren, ist zumindest teilweise so gewollt. Reisinger erklärt: «Durchreisende, die von Luzern über den Brünig fahren, sollen einen Sitzplatz haben. Denn sie können nicht auf ein anderes Angebot ausweichen.» Anders bei den Pendlern: Für sie werden morgens und abends zwischen Luzern und Sachseln jeweils zwei Verstärkungszüge eingesetzt. Es handelt sich um beschleunigte S-Bahnen (S55), die nur in Hergiswil, Alpnach Dorf und Sarnen halten. Die Strecke Luzern-Sachseln legen sie in rund 30 Minuten zurück, bis Giswil fahren sie allerdings nicht. Für die Zentralbahn steht fest: Mit den Entlastungszügen hat sie ein attraktives Zusatzangebot geschaffen. Zu Spitzenzeiten würden mehr Verbindungen und mehr Sitzplätze zur Verfügung stehen. Nicole Reisinger sagt:

«Es ist eine positive Entwicklung, wenn der Gast entscheiden kann, welche Verbindung er nutzen will.»

Ausserdem würden die Kontingente für Reisegruppen zu Spitzenzeiten gesenkt, erklärt Nicole Reisinger. Ausserhalb der Pendlerzeiten können diese bis zu drei Wagen reservieren, zu Spitzenzeiten zweieinhalb. Allerdings wirkt diese Aussage etwas beschönigend, wenn man auch die Länge der Züge berücksichtigt. Tagsüber fahren zehnteilige Kompositionen über den Brünig. Morgens und abends verfügen die Züge hingegen nur über sieben Wagen. Der dreiteilige Triebzug wird für die Verstärkung der S-Bahnen benötigt. Das heisst: Gemessen an der Anzahl verfügbarer Sitzplätze sind zu den Pendlerzeiten sogar mehr Plätze für Gruppen reserviert als davor oder danach. Mit anderen Worten: Der Eindruck der Pendler, dass sie geradezu auf die S-Bahn verdrängt werden, täuscht nicht. Und doch sagt Reisinger: «Wir fahren in erster Linie für die Pendler. Deshalb planen wir, für das Jahr 2022/23 zusätzliches Rollmaterial zu beschaffen, um alle Züge zu Pendlerzeiten in maximaler Länge fahren zu lassen.»

Touristen bringen mehr Geld

Weshalb die Beförderung der Touristengruppen für die Zentralbahn interessant ist, zeigt sich an folgendem Beispiel: Gemessen an der gesamten Anzahl Personenkilometer machen Pendler 21 Prozent aus, Touristen 23. Bei der dritten Gruppe, die 56 Prozent ausmacht, handelt es sich um nationale und regionale Ausflugsgäste. Zum Umsatz tragen die Touristen 29 Prozent bei, die Pendler 18 Prozent. Dieser Unterschied liegt laut Reisinger daran, dass ausländische Gäste meist grössere Distanzen zurücklegen und keine Abos wie das Halbtax oder das GA besitzen.

Fabian Spichtig von der Kundenorganisation Pro Bahn Zentralschweiz kennt die Engpässe auf der Strecke zwischen Luzern und Obwalden aus eigener Erfahrung. Touristen dürften gegenüber Pendlern nicht bevorzugt behandelt werden, sagt er: «Schliesslich sind die Einheimischen die Stammgäste, die oftmals täglich die Zentralbahn benützen.» Je weiter der Bahnhof von Luzern entfernt sei, umso grösser sei der Zeitverlust mit der S-Bahn. Lungern sei sogar nur mit dem Interregio erschlossen. Spichtig kritisiert, dass die Zentralbahn die schnelleren Züge in den Stosszeiten verkürzen muss, um genügend Platz in den S-Bahnen zur Verfügung stellen zu können. «Das zeigt, dass die Zentralbahn über zu wenig Rollmaterial verfügt. Sie sollte in der Lage sein, auch in den Stosszeiten ein Angebot bereitzustellen, das funktioniert.»

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