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Interview

Übergriffe in der Kirche: «Nicht das Zölibat ist das Problem»

Die Prävention gegen sexuelle Belästigungen und Übergriffe wird in der Ausbildung von Seelsorgern grossgeschrieben – auch in Luzern. Agnell Rickenmann, Leiter des Priesterseminars St. Beat in Luzern, sagt, wo er dennoch Handlungsbedarf sieht.
Evelyne Fischer
Agnell Rickenmann, Regens des Priesterseminars St. Beat in Luzern, wünscht sich in der Übergriffs-Thematik von der Öffentlichkeit eine weniger emotionale Betrachtung. (Bild: Eveline Beerkircher, 25.  Oktober 2018)

Agnell Rickenmann, Regens des Priesterseminars St. Beat in Luzern, wünscht sich in der Übergriffs-Thematik von der Öffentlichkeit eine weniger emotionale Betrachtung. (Bild: Eveline Beerkircher, 25.  Oktober 2018)

Es sind Zahlen, die betroffen machen: Bald zwei Monate ist es her, seit die Schweizer Bischofskonferenz die neue Statistik zu sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld veröffentlicht hat. Letztes Jahr haben sich hierzulande 65 Personen gemeldet. Ihre Vorwürfe reichen von sexuell gefärbten Äusserungen bis hin zu Vergewaltigungen (wir berichteten).

Erfahren kirchliche Amtsträger von einem Offizialdelikt, müssen sie künftig bei den staatlichen Strafverfolgungsbehörden Anzeige erstatten. Laut wurde auch der Ruf nach mehr Prävention. Agnell Rickenmann, Regens des Priesterseminars St. Beat in Luzern, sagt, wo das Bistum Basel den Hebel angesetzt hat.

Agnell Rickenmann, seit 2010 haben sich rund 300 Opfer von sexuellen Übergriffen gemeldet. Was lösen solche Zahlen bei Ihnen aus?

Dass es Übergriffe gibt, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Die Enthüllung einzelner Schicksalsgeschichten ist für mich daher nicht spektakulär. Doch jedes Schicksal muss Menschen, die das Evangelium verkünden, zu Herzen gehen und es schmerzt doppelt, dass gerade die Kirche als Institution mit hohem moralischen Anspruch mit Verfehlungen in den eigenen Reihen konfrontiert wird. Es ist verständlich, legt hier die Gesellschaft den Finger darauf. Und doch wünschte ich mir manchmal, der Blick wäre nüchterner.

«Wer Seelsorger werden will, steht heute unter Generalverdacht.»

Wie meinen Sie das?

Häufig wird zwischen verbalen Belästigungen, zweideutigen Berührungen und sexuellem Missbrauch kein Unterschied gemacht. Und oft geht vergessen, dass Übergriffe nicht nur ein Problem der Kirche sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das soll keine Entschuldigung sein, in diesem Bereich muss Nulltoleranz gelten. Aber: Auch Schulen, Spitäler, Heime oder Sportvereine stellen ein Umfeld dar, in dem sich potenzielle Täter bewegen. Wer sich heute auf den Weg der Seelsorge begibt, besonders als Priester, steht in unserer kirchenkritischen Gesellschaft unter Generalverdacht. Diesem Druck standzuhalten, ist für Studenten eine echte Herausforderung.

Jeder Übergriff im kirchlichen Umfeld soll künftig zur Anzeige kommen. Begrüssen Sie diesen Entscheid?

Mit diesem Schritt versucht die Bischofskonferenz, maximale Transparenz herzustellen. Die Stossrichtung stimmt. Das Thema Nummer 1 ist und bleibt für mich aber die Prävention. Es braucht obligatorische Elemente während der Zeit der Ausbildung und später Weiterbildungskurse. Nicht nur für Priester, sondern auch für Pastoralassistenten und für Religionspädagogen. Im Sich-Bewusst-Werden der Thematik gibt es bei einzelnen Seelsorgern noch Handlungsbedarf. Was die Ausbildung betrifft, hat das Bistum Basel seine Hausaufgaben gemacht.

Inwiefern?

Seit dem Studienjahr 2017/18 hat unsere Diözese schwarz auf weiss festgehalten, dass Kurse zum professionellen Umgang mit Nähe und Distanz für Auszubildende Pflicht sind. Wer den präventiven Kurstagen zum Thema fernbleibt, wird nicht in den kirchlichen Dienst aufgenommen. Der sorgfältige Blick auf die Thematik beginnt aber schon viel früher.

«Ich unternehme alles, was in meiner Macht liegt, um potenziell gefährliche Kandidaten vom pastoralen Wirken fernzuhalten.»

Das heisst?

Nicht nur jeder der aktuell 12 Priesteramtskandidaten, sondern alle Studierenden, die in einen kirchlichen Dienst der Diözese Basel treten wollen, müssen bei der Anmeldung zum Theologiestudium einen Auszug aus dem Straf- und Betreibungsregister vorweisen. Zusätzlich verlangen wir einen Sonderprivatauszug, der über Berufs- oder Tätigkeitsverbote informiert. Ich unternehme alles, was in meiner Macht liegt, um solche potenziell gefährliche Kandidaten – denn meist sind es Männer – vom pastoralen Wirken fernzuhalten.

Trotz gutem Leumund kann sich eine Persönlichkeit im Lauf der Zeit verändern.

Dessen sind wir uns bewusst. Theologiestudierende werden daher wiederholt von Fachpersonen in der Persönlichkeitsbildung geschult. Priesteramtskandidaten setzen sich zudem unter anderem ein Wochenende lang explizit mit ihrer Affektivität, der Sexualität und dem Zölibat auseinander. Begleitet werden sie dabei von einem Seelsorger mit psychologischer Ausbildung. Als Priester zu leben, ist ein lebenslanger Prozess. Es gilt, sich die notwendige Askese zu eigen zu machen; zu lernen, Impulse zu kontrollieren und sie im Gebet zu kanalisieren. Ich muss dazu aber sagen: Der Umgang mit der eigenen Sexualität ist ja nicht die vordergründigste Frage im Leben eines Priesters. Dieser muss sich vielmehr fragen: Wie gelingt es mir als Person mit Ecken und Mängeln, das Evangelium Jesu glaubwürdig zu leben und zu verkünden?

Welche Rolle spielt das Zölibat in der Übergriffsproblematik?

Das Zölibat ist hier nicht in erster Linie das Problem, das zeigen Studien. Es gibt einfach Menschen, die nicht gelernt haben, ihre Affektivität und Sexualität so in ihre Persönlichkeit zu integrieren, dass sie auch in einem zölibatären Leben zu einer positiven Kraft werden. Dass bei der Kirche stets eine andere Messlatte gilt, regt mich zwar manchmal auf, aber dies birgt auch Chancen: Zum einen dürfte sich eine differenzierte Sicht auf Missbrauchsfälle herauskristallisieren, zum anderen wird die schmerzhafte Durchleuchtung und Aufräumarbeit die katholische Kirche reinigen und wieder zu einem sicheren Ort machen.

«Es gibt keinen Menschen ohne Sünde. Aber manche haben aufgehört, zu sündigen.»

Ihr Wunsch nach einer differenzierten Sicht in Ehren. Aber: Verwerflich ist jede Grenzüberschreitung.

Sicher – und nochmals: Hier gilt Nulltoleranz. Aber es gibt Fälle, in denen eine Behandlung eine Kehrtwende einleitet. Und es gibt Fälle von Pädophilie, in denen die beste Therapie nichts bringt. Wo es möglich ist, soll dank psychologischer Begleitung eine Weiterbeschäftigung im angestammten Beruf möglich sein. Unsere Gesellschaft strebt grundsätzlich die Resozialisierung an. Ich zitiere an dieser Stelle gerne Origenes, der sagte: «Es gibt keinen Menschen ohne Sünde. Aber manche haben aufgehört, zu sündigen.»

Zur Person: Agnell Rickenmann (55) leitet seit 1. September 2017 das Luzerner Priesterseminar St. Beat. Zuvor war er seit 2007 Pfarrer in Oberdorf bei Solothurn, von 2001 bis 2006 Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz.

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