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ÜBERWACHUNG: Umstritten: Weniger Delikte dank Kameras

Der mutmassliche «Taxi- Vergewaltiger» wurde auch dank Videokameras gefasst. Während Behörden die Wirkung der Kameras rühmen, zweifelt ein Experte.
Niels Jost
Die Busperrons beim Bahnhof Luzern werden mit Videokameras überwacht. (Bild Pius Amrein)

Die Busperrons beim Bahnhof Luzern werden mit Videokameras überwacht. (Bild Pius Amrein)

Niels Jost

Er ging den Überwachungskameras in der Stadt Luzern vor die Linse, der mutmassliche Täter, der eine junge Australierin in Kriens vergewaltigt haben soll (siehe Kasten). Auch dank diesen Bildern konnten ihn die Luzerner Ermittler identifizieren und verhaften (Ausgabe von Dienstag).

Wie häufig die Luzerner Polizei bei Ermittlungen auf Aufzeichnungen von Kameras zurückgreift, kann Pressesprecher Urs Wigger nicht sagen. Dazu werden keine Zahlen erhoben. Aber: «Wenn die Möglichkeit besteht, für Ermittlungen Überwachungsbilder heranzuziehen, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen, dann ziehen wir die Aufzeichnungen heran», sagt Wigger. Das werde von Fall zu Fall entschieden.

Kanton: Über 180 Kameras

Fakt ist: Im Kanton Luzern sind über 180 Kameras installiert, die öffentliche Plätze oder Räume überwachen. All jene Geräte, die von Privaten betrieben werden, sowie jene in den öffentlichen Bussen, Zügen oder auch in Läden oder Bankomaten, sind nicht mit eingerechnet. Die tatsächliche Zahl dürfte also noch viel höher liegen – und es dürfte bald noch mehr Kameras geben.

Etwa in Adligenswil, wo der Gemeinderat im Sommer eine Überwachungsanlage in Betrieb nehmen wird, wie Sicherheitsvorsteher Olivier Bucheli auf Anfrage schreibt. «Es sind 17 Kameras innerhalb und ausserhalb von Gebäuden vorgesehen», so Bucheli. Mehr konnte er gestern noch nicht dazu sagen. Am meisten digitale Augen – deren 107 – gibt es in der Stadt Luzern (siehe Grafik). Schweizweit gibt es über 21 000.

Weniger Sachbeschädigungen

Dort, wo die Überwachungsapparate bereits eingesetzt werden, sind die Behörden von ihrer präventiven Wirkung überzeugt. Etwa in Sursee. Im Städtli werden seit 2013 die Schulareale St. Georg, Georgette sowie St. Martin mit 18 Videokameras überwacht. Sie zeichnen nur dann auf, wenn sie durch eine Bewegung automatisch ausgelöst werden. Damit sollen Sachbeschädigungen wie Sprayereien verhindert werden. Zugriff auf die Aufzeichnungen hat einzig der Hauswart. Die Bilder werden jeweils nach einer Woche automatisch gelöscht.

Die Überwachung zeigt Wirkung, sagt Marcel Büeler, Bereichsleiter öffentliche Sicherheit der Stadt Sursee, auf Anfrage. «Seit der Installierung verzeichnen wir nur noch wenige Sachbeschädigungen.» Auch eine Verschiebung der Beschädigungen auf andere Plätze habe es nicht gegeben. Wie häufig die Schulhäuser oder öffentliche Plätze zu Schaden gekommen sind und wie oft die Aufzeichnungen herangezogen werden müssen, um die Täter zu identifizieren, kann Büeler nicht sagen. «Darüber führen wir keine Statistik. Wir müssen aber nur vereinzelt auf die Bilder zurückgreifen», so Büeler. Ein Fall hat sich laut Büeler erst Anfang Mai ereignet, als Jugendliche in einer Nacht einen Haufen Müll auf dem Schulareal hinterliessen. «Aufgrund der Überwachungsbilder konnten die Schüler identifiziert werden und zur Rechenschaft gezogen werden.»

Im Herbst gibts weitere Kamera

Der Unterhalt der Kameras kostet die Stadt jährlich «einen tiefen vierstelligen Betrag», so Büeler. Eine weitere Überwachungskamera ist im Parkhaus St. Martin beim Alterszentrum geplant, das derzeit erweitert und im Herbst eröffnet wird, sagt Büeler. «Weitere Videoüberwachungen sind zurzeit nicht geplant.» Der Kanton betreibt zudem drei Kameras beim Gebäude der Staatsanwaltschaft an der Centralstrasse.

In Emmen gibt es 27 Kameras. Letztes Jahr konnten dank ihnen 5 Täter ermittelt werden, wie Christoph Odermatt, Leiter Departement Sicherheit und Sport, auf Anfrage sagt. Bei den Delikten handelte es sich etwa um Diebstahl oder illegales Entsorgen von Abfall. Auch Sachbeschädigungen und Sprayereien haben laut Odermatt am Bahnhof Emmenbrücke Gersag in der Vergangenheit abgenommen. Ob der Rückgang in direktem Zusammenhang mit den vier Kameras steht, die dort installiert sind, lässt sich nicht eindeutig nachweisen.

Über die Kosten sagt Odermatt: «Der jährliche Betrieb verursacht keine Kosten, mit Ausnahme der Mannstunden, sollte es zu einer Auswertung von Videobildern im Fall einer strafbaren Handlung kommen.» Hierzu können jedoch keine Kostenangaben gemacht werden.

Auch in diesen Gemeinden werden öffentliche Gebäude oder Plätze mit Kameras überwacht: Kriens (3, Staatsanwaltschaft), Horw (8, Oberstufenschulhaus), Malters (3, Schulhaus Eischachen), Egolzwil (9, Strafanstalt Wauwilermoos).

66 Prozent wollen Überwachung

Ob die Kameras im öffentlichen Raum tatsächlich für mehr Sicherheit sorgen, ist umstritten. Für Rechtsanwalt und Überwachungsexperte Martin Steiger ist klar: «Überwachungskameras führen nicht zu weniger Kriminalität.» Eine Straftat könnten sie nicht verhindern, sie seien erst nach der Tat, bei der Ermittlung, ein «probates und sehr wichtiges Mittel». Kameras hätten bloss eine geringe abschreckende Wirkung und seien bloss Symptombekämpfung. Zudem sei es ein unverhältnismässiger Eingriff in die Persönlichkeit, wenn im öffentlichen Raum alle sich darin befindenden Personen automatisch überwacht werden. Eine Sicherheitsstudie der ETH von 2016 zeigt jedoch, dass 66 Prozent der Schweizer die Videoüberwachung unterstützt. Das Vertrauen in die Behörden sei gross, so Steiger, obwohl die Behörden kaum wirksam beaufsichtigt werden. Hinzu kommt: «Überwachungskameras erhöhen für manche Personen das Sicherheitsgefühl. Andere wiederum leiden unter diesem Überwachungsdruck», sagt Steiger.

Umstritten ist die Wirkung der Kameras insbesondere auch auf offenen und grossen Plätzen, wie etwa beim Bahnhofplatz in Luzern. Denn die Aufzeichnungsgeräte sind teilweise zu weit von den Überwachten entfernt. Einzelne Personen können schlecht identifiziert werden, vor allem dann, wenn sie von Kleidungsstücken verdeckt sind.

Schock bei Familie sitzt tief

Der verhaftete pakistanische Taxichauffeur, der in Kriens eine Austauschschülerin vergewaltigt haben soll, stammt aus einer Luzerner Landgemeinde. Er arbeitet als selbstständiger Taxi-Unternehmer und Reiseleiter, ist verheiratet sowie Vater von mehreren Kindern. Dies berichtet der «Blick» in seiner gestrigen Ausgabe. Bekanntlich wurde der mutmassliche Täter auch dank Bildern von Überwachungskameras gefunden.

Bei der Familie des Verhafteten sitzt der Schock tief. «Ich glaube, mein Mann ist unschuldig», schreibt die Ehefrau in einem Brief an unsere Redaktion, von dem sich ihre Tochter später distanzierte. Im Brief schildert die Ehefrau auch die für sie unerträgliche Situation, offenbar mehrere Tage über die Gründe der Verhaftung im Dunkeln gelassen worden zu sein.

Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, verweist auf «standardisierte Abläufe bei der Verhaftung einer Person». Ausserdem versichert er, dass die Familie eng betreut werde. Unter anderem wurde ihr bereits ein Anwalt vermittelt, wie dem Schreiben der Ehefrau zu entnehmen ist.

cpm

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