Ukraine-Krieg
Weshalb eine Luzerner Ordensschwester einer ukrainischen Familie in Bayern ein Auto geschenkt hat

Die Hintergründe eines Geschenks auf vier Rädern aus Luzern haben mit zwei Kriegen auf dem europäischen Kontinent sowie drei tapferen Frauen zu tun.

Zéline Odermatt
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Diese Geschichte umspannt drei Frauen, drei Länder, Tausende Kilometer und 80 Jahre. Sie gehört einer Frau namens Olga, die im Zweiten Weltkrieg von einem Dorf bei Tschernobyl nach Deutschland verschleppt worden war. Sie gehört einer kürzlich geflüchteten Ukrainerin namens Mariia. Und die Geschichte gehört einer Luzerner Ordensschwester namens Paulinia, die letzte Woche in ihrem bayerischen Heimatort Ferien verbracht hat.

Vor Ort berichteten sogar die Oberpfalz-Medien* über den Besuch aus Luzern: «Ganz gewöhnlich ist es mit Sicherheit nicht, wenn mitten im kleinen Örtchen Kirchenthumbach eine Ordensschwester der augustinischen Gemeinschaft des Konvents Maria Rita vorfährt.» Denn der Wagen bleibt in der Oberpfalz – als Geschenk für die Geflüchtete Mariia Shcherban.

Ritaschwestern

Seit 1965 gibt es die Ritaschwestern in Luzern. Schwester Paulinia Kohl setzt sich seit 25 Jahren für Menschen in Not ein. Das Mutterhaus der augustinischen Gemeinschaft befindet sich im deutschen Würzburg.

Die Verkettung dreier Geschichten

Die alleinerziehende Shcherban hatte sich nach den Bomben der Russen zunächst in ihrer Heimatstadt Mariupol mit ihren zwei Kindern im Keller versteckt - ohne Strom und Wasser. Dann kämpften sie sich Richtung Deutschland durch. «Inzwischen hat sie eine Stelle in der Uniklinik Bayreuth», erzählt Kohl erfreut. Doch für ihre Arbeit brauchte sie ein Auto. Hier kamen Schwester Paulinia und die Ritaschwestern in Luzern ins Spiel. «Es war ein ergreifendes Treffen, ein von Gott gelenkter Zufall», erzählt die Ordensfrau, die das Auto nicht mehr benötigt hat.

Schwester Paulinia Kohl (rechts) übergibt die Autoschlüssel an die nach Kirchenthumbach geflüchtete ukrainische Familie von Mariia Shcherban. Ihr Bruder Martin Kohl (links) vermittelte die Spende.

Schwester Paulinia Kohl (rechts) übergibt die Autoschlüssel an die nach Kirchenthumbach geflüchtete ukrainische Familie von Mariia Shcherban. Ihr Bruder Martin Kohl (links) vermittelte die Spende.

Bild: Onetz.de

Doch was verbindet Paulinia Kohl mit der Ukraine und dieser Familie überhaupt? Die eingangs erwähnte Olga Waschenko. 1942 kommt die 15-Jährige als ukrainische Zwangsarbeiterin aus der damaligen Sowjetunion auf den Bauernhof der Familie Kohl bei Kirchenthumbach – wie Millionen andere ausländische Arbeiter und Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg.

«Rechtlos in einem fremden Land, hatte sie Glück im Unglück. Keine Schikanen, keine Misshandlungen. Olga wurde zum Mitglied der Grossfamilie Kohl. Es entstanden gute Beziehungen zwischen Olga und den acht Kindern der Familie», schreiben die Oberpfalz-Medien. Schwester Paulinia erinnert sich:

«Wir waren wie Geschwister und schliefen in einer Stube.»

Zum Ende des Weltkriegs habe Olga unter Tränen den Hof verlassen müssen. «Olga wollte nicht fort und klammerte sich an die Mutter», erzählt die Luzerner Ritaschwester dem deutschen Medium.

Traurige Nachricht aus der Ukraine

Es vergehen viele Jahre, in denen die Familie Kohl nichts mehr von Olga hört. Dann flüchtet Mariia Shcherban mit ihrer Familie im Jahr 2015 in den Wirren des Donbass-Konfliktes zum ersten Mal aus der Ukraine nach Kirchenthumbach. Sie wird Pflegekraft für die Familie von Martin Kohl, Paulinias Bruder. Als ihr Asylantrag abgelehnt wird und sie zurück in die Ukraine muss, bittet sie die Familie Kohl, nach Olga Waschenko zu suchen.

Olga Waschenko.

Olga Waschenko.

Bild: Onetz.de

Dann folgt die traurige Nachricht aus der Ukraine: Olga ist bereits verstorben. Sie wäre heute 92 Jahre alt. Doch die Kohls können 2019 Olgas Waschenkos Tochter und deren Familie in Kiew besuchen. «Es waren Tage der Gastfreundschaft und der Verbundenheit», erzählt Kohl.

Es ist 2022. Der Kreis schliesst sich. «Auch Olgas Tochter Nadya sieht in einer Flucht aus Kiew die letzte Rettung», schreiben die Oberpfalz-Medien. Ihr Weg führt mit Tochter und Enkelkindern ebenfalls zu den Kohls nach Bayern. Sie seien sehr dankbar, erzählt Schwester Paulinia. Nun kümmern sich die Kohls um zwei ukrainische Familien, wenigstens vorübergehend. Denn alle hoffen auf ein baldiges Kriegsende.

* Diese Geschichte wurde zuerst von Robert Dotzauer auf Onetz.de – der Website der Oberpfalz-Medien – publiziert.

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