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Um der Sucht vorzubeugen: Emmer Kindergärtler müssen ohne Spielzeug auskommen

Mehrere Luzerner Kindergärten entziehen den Kleinen vorübergehend die Spielsachen. Bis zu 12 Wochen lang müssen sie sich selber beschäftigen. Das fördert Kreativität und Kommunikation – und manchmal Frust.
Lucien Rahm
Diese Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Diese Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
In der «Bäckerei» wartet der kleine Verkäufer auf seine Kunden. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)In der «Bäckerei» wartet der kleine Verkäufer auf seine Kunden. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
Gegen Papiergeld erhalten die Kinder in der «Bäckerei» ein Stück des selbstgebackenen Brotes. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Gegen Papiergeld erhalten die Kinder in der «Bäckerei» ein Stück des selbstgebackenen Brotes. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
Hier entsteht der Brotteig. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Hier entsteht der Brotteig. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
Ein Kindergärtler knetet einen Brotteig. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Ein Kindergärtler knetet einen Brotteig. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)Kindergärtler basteln sich ihr Spielzeug selber. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)
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Emmer Kindergärtler müssen ohne Spielzeug auskommen

Die erste Zeit sei streng gewesen, sagt Kindergärtnerin Bianca Blättler. Seit sieben Wochen stehen ihren Kindern keine Spielsachen mehr zur Verfügung. Seither müssen sich die Kleinen ihr Spielzeug selber erschaffen – aus einer beschränkten Auswahl bescheidener Mittel.

Blättler nimmt mit ihrer Klasse am Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» teil. Während acht Wochen müssen ihre Buben und Mädchen im Alter von vier bis sechs Jahren auf Spielsachen verzichten. Wie sie sich in dieser Zeit beschäftigen möchten, müssen sie selber herausfinden. Die Idee: Indem sie Probleme ganz alleine lösen müssen, kommunizieren die Kinder untereinander intensiver und entwickeln so ihre Sozialkompetenz weiter, stärken ihr Selbstvertrauen. Dadurch sollen sie später weniger anfällig für Suchtverhalten sein (siehe Box unten).

Das Projekt bedingt Geduld, wie das Beispiel von Blättlers Klasse zeigt. Denn bis seine positive Wirkung in Erscheinung tritt, kann es einige Zeit dauern. «In den ersten drei Wochen haben sie sich vor allem Rollenspielen gewidmet», sagt die Kindergärtnerin. Das heisst, sie haben Hunde oder Katzen gemimt und sich dabei gegenseitig verfolgt beziehungsweise sind in die Elternrolle geschlüpft und haben andere Kinder, die zum «Säugling» wurden, behütet.

Dann folgten drei Tage, die Blättler als nicht sehr einfach wahrnahm. «Das war der Tiefpunkt.» Nach drei Wochen Rollenspiel sei unter den Kleinen Langeweile aufgekommen. «Sie haben nur noch Seich gemacht, waren laut und einfach nicht mehr konstruktiv.»

Kindergärtnerin hält sich weitgehend raus

Eingreifen durfte Blättler dabei nicht. Teil der Übung ist es, dass sich die Kinder selbst mit ihrem Gelangweiltsein auseinandersetzen, dieses auch einmal aushalten. Die Kindergärtnerin gibt lediglich Inputs. Und nur, wenn es zu Tätlichkeiten oder anderen gefährlichen Situationen kommt, greifen Blättler und ihre Kolleginnen Mary Zemp und Esther Krauer ein. Dazu sei es aber in den sieben Wochen nie gekommen. Kleinere Konflikte tragen die Kinder ausserdem autonom unter sich aus. Am sogenannten «Friedensteppich» legen sie Streitigkeiten selbstständig bei.

Eine Streitbeilegung am «Friedensteppich» (gestellte Szene). (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)

Eine Streitbeilegung am «Friedensteppich» (gestellte Szene). (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 11. April 2019)

Im Anschluss an die drei schwierigsten Tage der beiden spielzeuglosen Monate führte ein neuer Rohstoff zur plötzlichen Wende. «Irgendwann kamen sie auf die Idee, etwas mit Karton zu basteln.» Da ihnen aber eigentlich nur Leintücher, Schnur und Klebeband zur Verfügung standen, mussten sie zunächst einen Weg finden, sich den Karton zu beschaffen. «Auch das gehört dazu: Sie sollen lernen, dass nicht alles immer gleich verfügbar ist, wenn man es sich wünscht», so Blättler. Der Vater eines der Kinder konnte das benötigte Material schliesslich liefern. Aus dem Karton entstanden mehrere Bauten wie ein «Zauberschloss», ein «Kino» oder eine «Bäckerei».

Letztere bildet seither das Herzstück des täglichen Spiels. In einem realen Backofen stellen die Kinder echtes Brot her, das sie anschliessend aus dem mit «Bäckerei» beschrifteten Kartongebilde heraus verkaufen. Das dafür benötigte Spielgeld stellen die Kinder ebenfalls selber her.

Das tun sie offenbar mit grosser Freude. «Ich finde das mega cool mit den Kartonhäusern», sagt ein Bube, während er gerade fleissig Papiermünzen ausschneidet. Andere Kinder pflichten ihm bei. Er bedaure gar, dass nun schon bald damit Schluss sei, sagt der Knabe im Hinblick auf den bevorstehenden Wechsel zurück zum koordinierten Kindergartenalltag.

So backen die Kinder ihr Brot:

Und so «verkaufen» sie es:

Kinder können aggressiver werden

Nicht alle Kinder freuten sich jedoch über den führungslosen Zustand – zumindest zunächst nicht. Die Charaktereigenschaften der Kleinen würden unter diesen Umständen noch stärker sichtbar. «Es gibt die Anführer, die Helfer und die Mitläufer», so Blättler. Diese würden sich im Verlauf der acht Wochen zu mehreren Gruppen formen, in denen von jeder Gattung jemand dabei ist. Andere würden das Treiben zuerst nur beobachten und sind dabei eher passiv. «Irgendwann finden aber auch diese ihren Platz in einer Gruppe.»

Indem die Kinder Probleme und Herausforderungen miteinander ohne Hilfe von aussen bewältigen müssen, kommunizieren sie intensiver untereinander. «Sie können sich so selber besser kennen lernen und Unsicherheit reduzieren», sagt Blättler.

Das geschieht nicht ganz ohne Nebenwirkungen. «Es ist möglich, dass ihr Kind [...] erschöpft oder aggressiv wird», steht in der Informationsbroschüre der Suchtprävention «Akzent». Blättler bestätigt: «Gewisse Situationen können bei manchen Kindern zu Aggressionen führen.» Alphatiere würden manchmal auf diese Weise reagieren, wenn sie feststellen müssen, dass sich ihr Führungsanspruch nicht immer durchsetzen lässt. Aber auch sprachliche Schwierigkeiten könnten zu entsprechendem Frust führen.

«Heute kann er sich selbst beschäftigen»

Frust nahm auch Petra Portmann bei ihrem Sohn wahr, als er während der ersten Durchführung des Projekts im vergangenen Jahr zunächst nichts damit anzufangen wusste: «Er war ein wenig überfordert mit dem plötzlichen Verschwinden der ganzen Struktur», sagt die Mutter. Irgendwann habe sich der Schalter dann aber auch bei ihm umgelegt. «Seither ist er ganz begeistert davon und hat sich auch auf das diesjährige Mal gefreut.»

Weitaus weniger als vor den beiden spielzeuglosen Phasen würde ihr Sohn sie zu Hause fragen, ob er aus Langeweile etwas gamen oder fernsehen dürfe. «Heute kann er sich stundenlang mit sich selbst beschäftigen.» Sein Selbstvertrauen habe ebenfalls profitiert, findet Portmann. «Auch wenn er der Kleinste in der Familie ist, kann er Dinge selber auf die Bein stellen.»

Kindergärtnerin Blättler will ihre Klassen auch weiterhin phasenweise ohne klassisches Spielzeug auskommen lassen. Das nächste Mal in zwei Jahren. Lachend sagt sie: «Das reicht dann aber auch.»

Amtschef: Dauer zu kurz

Charles Vincent, Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung, sieht im Kindergarten ohne Spielzeug einige Vorteile. «Den Kindern wird bewusst, dass es noch viele andere Möglichkeiten zum Spielen und Lernen gibt.» Auch auf ihre Familien kann das Projekt Ausstrahlung haben, wo alternative Spielformen häufig wenig bekannt seien.

Als wesentlichen Nachteil des Projekts erachtet Vincent jedoch die Form der Realisierung und die kurze Zeitdauer. Da das Vorhaben in der Regel nur einige Wochen dauert, sei eine nachhaltige Wirkung bei vielen Kindern und Familien kaum realistisch. Spielzeuge hätten trotz der Vorteile eines gelegentlichen Verzichts einen wichtigen Zweck. (lur)

Konzept kommt aus Deutschland

Das Konzept des spielzeuglosen Kindergartens geht zurück auf die Arbeit einer deutschen Studiengruppe der Achtzigerjahre. Sie kam zum Schluss, dass das Suchtverhalten Erwachsener häufig auf Ursachen in ihrer Kindheit zurückzuführen ist. Ab den frühen Neunzigern wurde das Konzept in deutschen Kindergärten angewandt.

Seit 2005 bewirbt die Suchtprävention «Akzent» das Projekt im Kanton Luzern. Rund 70 Kindergärten haben seitdem laut «Akzent» daran teilgenommen. Andere Kindergärten haben das Konzept selbstständig ausprobiert. Die Fähigkeit der Kinder, zu kommunizieren oder Konflikte zu bewältigen, werde durch den Wegfall vorgegebener Strukturen gefördert. Das Lösen von Problemen fördere ihr Sozialverhalten, sie entwickelten sich sprachlich weiter und lernten sich und ihre Fähigkeiten besser kennen.

Das dadurch gestärkte Selbstbewusstsein verringere die Suchtgefahr im Erwachsenenalter. Denn Süchte würden sich oft aus Unsicherheit ergeben. Spielzeuge würden Kindern auch dazu dienen, sich von Problemen abzulenken. Indem man sie ihnen entzieht, setzten sie sich vermehrt damit auseinander, statt sie zu verdrängen. (lur)

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