Um einen in Luzern begrabenen Kriegshelden ist eine Kontroverse entbrannt

Der Pole Konstanty Rokicki rettete im Zweiten Weltkrieg hunderten Juden das Leben. Am Sonntag fand ihm zu Ehren im Friedhof Friedental eine Zeremonie statt. Um sein Andenken gibt es aber auch Misstöne.

Robert Knobel
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Hoher Besuch in Luzern: Der polnische Vizepremierminister Jarosław Gowin besuchte am Sonntag den Friedhof Friedental. Dort befindet sich das Grab seines Landsmanns Konstanty Rokicki (1899-1958). Dieser rettete als Mitarbeiter der polnischen Botschaft in Bern während des Zweiten Weltkriegs durch das Ausstellen illegaler Pässe hunderten Juden das Leben. Am Sonntag wäre er 120 Jahre alt geworden. Auch Nachkommen Rokickis und der heutige polnische Botschafter Jakub Kumoch waren bei der Zeremonie im Friedental dabei:

Die Zeremonie im Friedental mit dem polnischen Vizepremier Jarosław Gowin (ganz rechts). (Bild: Pius Amrein, Luzern, 16. Juni 2019)

Die Zeremonie im Friedental mit dem polnischen Vizepremier Jarosław Gowin (ganz rechts). (Bild: Pius Amrein, Luzern, 16. Juni 2019)

Rokickis Geschichte war in Vergessenheit geraten und wurde erst in den letzten Jahren aufgearbeitet. Vor wenigen Wochen wurde Konstanty Rokicki schliesslich von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in die Reihen der «Gerechten unter den Völkern» aufgenommen. Die Zahl der Geehrten liegt heute bei rund 27'000.

Zwei weitere Polen sollen geehrt werden

Doch die jüngste Ehrung Rokickis ging nicht ohne Misstöne vonstatten. Eine Gruppe von rund 30 Familien von Überlebenden forderte, dass nicht nur Rokicki diese Ehre zuteil wird, sondern dass zwei weitere Schlüsselpersonen aus der damaligen polnischen Botschaft in Bern zu «Gerechten unter den Völkern» ernannt werden. Namentlich sind dies der polnische Botschafter Aleksander Lados sowie sein Sekretär Stefan Ryniewicz.

Ohne sie wären Rokickis Handlungen gar nicht möglich gewesen, schreibt der heutige polnische Honorarkonsul Markus Blechner auf Facebook. «Sie gaben Rokicki den vollen diplomatischen Schutz und waren teils sogar selber in die Produktion der Pässe involviert», so Markus Blechner. Rokicki habe immer auf Anweisung seiner Vorgesetzten gehandelt.

Blechner ist selber Nachkomme von Holocaust-Überlebenden und hatte 2017 bei der Gedenkstätte Yad Vashem ein Gesuch um Anerkennung der drei Botschafts-Mitarbeiter eingereicht. Dass nun nur einer als «Gerechter» geehrt wird, sei ein Fehler, so Blechner und forderte, dass dieser bald korrigiert würde.

Vad Yashem: Rokicki war die Hauptperson

Bei Vad Yashem sieht man dies offenbar anders. In einer Stellungnahme an eine polnische Presseagentur Anfang Mai heisst es, Konstanty Rokicki sei unbestritten die Hauptperson bei den Passfälschungen gewesen. Daher habe man die Ehrung auf ihn beschränkt.

Pässe für lateinamerikanische Staaten ausgestellt

Zwischen 1941 und 1943 stellte Konstanty Rokicki zusammen mit der sogenannten Berner Gruppe, zu der polnische Diplomaten und Mitglieder jüdischer Organisationen gehörten, mehrere tausend gefälschte Pässe aus. Dadurch gelang es, rund 700 bis 800 Personen zu retten. Mit den illegalen Pässen für lateinamerikanische Staaten bewahrte die Berner Gruppe die Juden vor dem Abtransport in ein Konzen­trationslager.

Rokicki blieb nach dem Krieg in der Schweiz und zog nach Altdorf. 1958 verstarb er im Kantonsspital Luzern und wurde auf dem Friedhof Friedental in einem Reihengrab beerdigt. 2018 bat die polnische Botschaft die Stadt Luzern, das Grab zu suchen. Diese konnte den genauen Standort nicht finden, dennoch wurde ein Grabstein aufgestellt. (std)

Suche nach Grab Nummer 174

Er hat Hunderte von Menschen vor dem Tod im Konzentrationslager gerettet. Danach wurde Konstanty Rokicki aber von der Welt vergessen. Nun bitten der polnische Staat und die Stadt Luzern die Bevölkerung der Zentralschweiz um Hilfe.
Ismail Osman