UMFRAGE: Gemeinderäte am Anschlag

Fast ein Drittel der neuen Gemeinderäte ist zeitlich überlastet. Abhilfe könnten neue Führungsmodelle schaffen.

Ismail Osman und Mario Wittenwiler
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Neue Gemeinderäte und Mitglieder der Rechnungs- und Controlling-Kommissionen bei der Vereidigung im letzten August auf Schloss Heidegg. (Bild Pius Amrein)

Neue Gemeinderäte und Mitglieder der Rechnungs- und Controlling-Kommissionen bei der Vereidigung im letzten August auf Schloss Heidegg. (Bild Pius Amrein)

Viele Gemeinderäte arbeiten mehr als das Pensum, für das sie angestellt sind. Das zeigt eine Umfrage, welche die Gemeindeberatungsfirma BDO Luzern bei 70 der 92 neu gewählten Gemeinderäte im Kanton Luzern durchgeführt hat. Die Gemeinderäte wurden anonym zu ihren ersten Erfahrungen im Amt befragt.

30 Prozent fühlen sich überlastet

Unter Berücksichtigung der Einarbeitungszeit sollten die Umfrageteilnehmer ihre Auslastung durch das Mandat einschätzen. Rund 30 Prozent prognostizierten, dass sie auch nach der Einarbeitungszeit zeitlich überlastet sein werden. «Gemäss unserer Beobachtung aus der Praxis wird meistens deutlich mehr Zeit in die Ausführung des Amtes investiert, als offiziell vorgesehen ist», sagt BDO-Berater Markus Zimmerli. Von Überlastung will zwar keiner der von unserer Zeitung angefragten Gemeinderäte sprechen. Vom grossen zeitlichen Aufwand des Amtes wissen aber viele zu berichten, so auch Reto Spörri, Gemeindepräsident von Ermensee. Er wurde im vergangenen Mai mit 26 Jahren zum jüngsten Gemeindepräsidenten im Kanton Luzern gewählt. Die Einarbeitungsphase erlebte er als intensiv. «Man kennt die Abläufe noch nicht. Glücklicherweise sind meine Kollegen im Gemeinderat, welche zum Teil schon länger im Amt sind, sehr hilfsbereit.»

Auch Sabine Wermelinger aus Flühli wurde im Mai 2012 neu als Gemeindepräsidentin gewählt, ohne zuvor ein Amt im Gemeinderat bekleidet zu haben. «Ich musste sofort schwimmen lernen», sagt sie, die ihr Amt in einem 35-Prozent-Pensum leistet. «Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, aber ich wusste ja einigermassen, was auf mich zukommt.»

«Ich musste also von Anfang an schwer ‹id Hosä› und hatte keine Schonzeit», bestätigt der parteilose Gemeindepräsident von Wikon, Hans Golling. «Ich jammere deswegen aber nicht.» Golling wurde im vergangenen Mai neu als Gemeinderat und gleichzeitig in das Amt des Gemeindepräsidenten gewählt. «Dass grössere Gemeinden in der Regel weniger Probleme haben, ihre Ämter zu besetzen, kann durchaus damit zusammenhängen, dass diese als Vollzeitstellen ausgeschrieben werden.»

Die Gründe für die Überlastung

Je nach Gemeinde könne die zeitliche Überlastung der Gemeinderäte auf ein suboptimales Führungsmodell, ineffiziente Abläufe oder schlicht auf Arbeitsüberlastung zurückzuführen sein. «Bei manchen Gemeinden übernehmen die Gemeinderäte zu viele operative Arbeiten», sagt Zimmerli. «Ihre Kernaufgabe – die Steuerung und Planung der Gemeinde – kommt gegenüber den täglich anfallenden Arbeiten teilweise zu kurz.» Lösungen müssten die Gemeinden individuelle finden, sagt Zimmerli.

Alois Widmer ist als Regierungsstatthalter des Amts Sursee direkt in die Ausbildung von neuen Gemeinderäten involviert. «Es ist so, dass der effektive Zeitaufwand für die Ausfüllung eines Amtes, insbesondere nach Amtsantritt, meist höher als angedacht ist.» Dies käme vor allem zum Tragen, wenn eine neu gewählte Person ein Dossier erhält, das nicht seinem Metier entspricht. Was die Führungsmodelle betrifft, hat Widmer in den vergangenen Jahren einen klaren Trend ausmachen können: «Es scheint grundsätzlich so, dass die Gemeinderäte vermehrt die strategischen Aufgaben übernehmen und die Verwaltung die operative Seite ausführt.»

Beispiele für alternative Führungsmodelle wären etwa das sogenannte «Tandemmodell», in dem jeder Gemeinderat einen konkreten Ansprechpartner in der Verwaltung hat. Öfters im Gespräch ist das Geschäftsleitermodell, in welchem der Gemeinderat eher in der Rolle eines Verwaltungsrats fungiert. Eine weitere Alternative sieht vor, dass der Gemeindeammann ein sehr hohes Pensum, möglicherweise 100 Prozent, übernimmt, während der übrige Gemeinderat nur kleine Pensen annimmt. Dieser Primus inter pares übernimmt auch operative Arbeiten und vertritt in dieser Position den gesamten Gemeinderat.

Eine Mehrheit der Befragten fühlte sich jedoch mit dem vorhandenen Führungsmodell wohl.

Studie: Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus