UMGANGSFORMEN: «Ich beobachte eher eine Rückkehr zum ‹Sie›»

Je nach Anrede kann Nähe oder Distanz provoziert werden. Für die einen ist das Duzen Alltag, andere werden damit kalt erwischt. Hat der «Knigge» ausgedient? Wir fragten bei einer Expertin nach.

Sandra Monika Ziegler
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Fühlen Sie sich wohl oder nicht genug respektiert, wenn Sie ungefragt geduzt werden? Im «Anker» setzt das Service-Personal auf «Du». (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. Dezember 2016))

Fühlen Sie sich wohl oder nicht genug respektiert, wenn Sie ungefragt geduzt werden? Im «Anker» setzt das Service-Personal auf «Du». (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. Dezember 2016))

Klare Regeln für die Anrede beinhaltet der Knigge, verfasst vom deutschen Freiherrn Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge (1752–1796) im Jahre 1788. Was ist davon – 228 Jahre später – geblieben? Wir fragen Knigge- Expertin Doris Pfyl.

Laut Knigge bietet die Dame dem Herrn und der Ältere dem Jüngeren das Du an. Gilt das heute noch?

Das hat durchaus noch Bedeutung, zumindest auf dem privaten Parkett. Im Geschäftlichen zählt immer der Rang. Sprach man früher bei einem Altersunterschied von 10 Jahren von einer älteren Person, so müssen es heute mindestens 25 Jahre sein. Der Altersunterschied muss klar sichtbar sein. Das ist bei der heutigen Medizin und Kosmetik nicht immer ganz einfach.

Wann ist es passend, das Du anzubieten?

Eine Regel, wie etwa nach dem dritten Treffen oder beim ersten Glas Wein, gibt es nicht. Der passende Moment kann irgendwann sein. Zu bedenken gilt, dass das Du ein Vertrauensbeweis ist. Es entsteht dadurch mehr menschliche Nähe. Anders ist es auf dem Golfplatz. Dort gilt – zumindest in der Schweiz – ein «Tages-Du» gefolgt vom Vornamen.

Wie sieht es im Beruf aus?

Das hängt von der Firma ab. So pflegt etwa die Swisscom eine Du-Kultur durch alle Hierarchien. Kennt der Betrieb dies nicht, würde ich nach oben beim Sie bleiben. Wie es auf gleicher Stufe abläuft, ist individuell bestimmt. Doch es gibt auch Ausnahmen. Bei Seminaren wird gerne mit der Du-Form gearbeitet, um eine entspannte Atmosphäre zu erwirken.

Und wie ist es in einem Spital?

Der Patient wird immer mit Sie und Nachnamen angesprochen. Untereinander – zum Beispiel beim Fachpersonal – wird meist geduzt. Ärzte selber sprechen nicht vom «Arzt Fritz Häusler», wenn sie einen anderen Arzt zitieren, sondern verwenden das Wort Kollega, oft auch ohne den Nachnamen folgen zu lassen.

... und an den Schulen?

Hier gilt bis 16 Jahren das Du. An den Berufsschulen wird leider die Mischform – Sie und Vornamen – verwendet, eine antiquierte Anredeform. Ich plädiere für Klarheit: Sie plus Nachnamen. Diese jungen Menschen sind auf dem Berufsweg, das Sie mit Nachnamen würde das Selbstwertgefühl stärken. Ein Wunsch, den Schülerinnen und Schüler auch schon formulierten. Doch die Pädagogen stellen sich da quer.

Sollten Journalisten die Leser duzen?

Nein, unbedingt beim Sie bleiben. Um zu duzen, müssten alle Leser ihr Einverständnis dazu geben. Dies einzufordern, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Was, wenn ich voreilig mit dem Du war und wieder siezen möchte?

Das geht nicht. Ein Du ist lebenslänglich und kann nicht rückgängig gemacht werden. Wenn durch die Du-Nähe unangenehme Si­tua­tionen entstehen, dann sollten diese konkret angesprochen werden. Oft führt der mangelnde Respekt zu Unstimmigkeiten. Mit einer Rückkehr zum Sie würden diese Probleme auch nicht gelöst, abgesehen davon, dass dies gar nicht möglich ist.

Gibt es eigentlich eine Erklärung dafür, dass Nutzer von ihren iPhones geduzt werden?

Das hängt mit der Firma Apple zusammen, das kommt von den Staaten. Das dortige You steht für Sie und Du. Von Swisscom weiss ich, dass, wenn ein User anruft, mit der Nummer das Alter gecheckt wird. Ab einem gewissen Alter wird dann gesiezt.

Gibt es «No-Goes» ?

Ja, das gibt es ganz klar. So zum Beispiel in einem Restaurant oder einem Geschäft. Betrete ich die Lokalität, und eine Stimme sagt: «Hoi, chumme grad», dann bin ich nicht erfreut. Auch Ausländer einfach zu duzen, ist nicht in Ordnung. Bei Firmenanlässen gibt es nach gewissem Alkoholkonsum auch so Duz-Anträge. Die können aber am Folgetag bereut werden. Oder auch wenn ein Chef oder eine Chefin damit seinen Angestellten die Hierarchie zu spüren gibt. Allgemein gilt: Ein einseitiges Duzen soll vermieden werden.

Wird das Du das neue Sie?

Das glaube ich persönlich nicht. Ich beobachte eher eine Rückkehr zum Sie, es ist wieder mehr Seriosität gefragt, die Du-Coolness nimmt zunehmend ab, besonders im geschäftlichen Bereich.

Sandra Monika Ziegler

sandra.ziegler@luzernerzeitung.ch

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«Ein ‹Du ist lebenslänglich und kann nicht rückgängig gemacht werden», sagt Knigge-Expertin Doris Pfyl. (Bild: PD)

«Ein ‹Du ist lebenslänglich und kann nicht rückgängig gemacht werden», sagt Knigge-Expertin Doris Pfyl. (Bild: PD)