UNBEKANNTE HELDEN: Sie hat ihren Mann liebevoll umsorgt

Verliebt wie am ersten Tag blicken sie sich in die Augen. Sässe Rolf Zimmermann (43) nicht im Rollstuhl, könnte man kaum erahnen, was er und seine Frau alles durchgestanden haben.

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Martha Zimmermann geniesst mit ihrem Mann Rolf das Wochenende im eigenen Haus in Gunzwil. (Bild: Boris Bügrisser/Neue LZ)

Martha Zimmermann geniesst mit ihrem Mann Rolf das Wochenende im eigenen Haus in Gunzwil. (Bild: Boris Bügrisser/Neue LZ)

Seit seinem schweren Motorradunfall vom 11. Mai 2011, bei dem Zimmermann Hirnverletzungen erlitt und ins Koma fiel, hat sich Martha Zimmermann (43) aufopfernd um ihn gekümmert.

Mit dem Kopf gegen die Tanne

«Es war ein Schock, der mein Leben für einen Moment zum Erliegen brachte», beschreibt die Verkäuferin den Augenblick, als sie den schlimmsten Anruf ihres Lebens erhalten hatte. Ihr Mann war mit Freunden auf einer Motorradtour im Elsass. «Er fährt seit über 20 Jahren Töff, und ich hatte nie Angst um ihn.

Er fährt ja vernünftig und in der Gruppe waren erfahrene Töfffahrer dabei», erzählt Zimmermann und hält für einen Moment inne. Wie es an jenem Tag zum Sturz gekommen ist, weiss das kinderlose Paar aus Gunzwil bis heute nicht.

«Eigentlich fahre ich immer vorne mit», sagt Rolf. An jenem Tag aber habe er sich bei seinen Freunden hinten eingereiht. Beim Sturz ist er vermutlich mit dem Kopf gegen eine Tanne geprallt und hat sich dabei Rippenbrüche und eine Hirnverletzung zugezogen. Ein Vorbeifahrender bemerkte den Unfall und alarmierte den Rettungsdienst. «Als einer seiner Freunde mich anrief, wusste ich, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein musste.

Es war aber schwierig, telefonisch an Informationen vom Spital zu kommen», sagt Martha Zimmermann. Sie verliess ihre Arbeit und fuhr mehrmals nach Strassburg, um bei ihrem Mann zu sein, bis dieser eine Woche später ans Universitätsspital Zürich verlegt wurde. «Es waren schlimme Bilder», erinnert sie sich.

Nach zehn Tagen in Zürich wurde ihr Mann in die Rehaklinik Bellikon AG verlegt, wo er nach drei Wochen im Koma erwachte. «Es ging sehr langsam bergauf. Er konnte erst gar nicht sprechen, wurde künstlich ernährt und lebte im Moment.

Wenn ich kurz den Raum verlassen habe und wieder zurückgekehrt bin, wusste er schon nicht mehr, dass ich vorher auch bei ihm war», sagt Martha Zimmermann, während ihr Mann gebannt zuhört. «Das interessiert dich, gäll?», fragt sie ihn. Rolf Zimmermann kann sich an das erste Jahr nach seinem Unfall nicht erinnern. Die Hirnverletzung hat sein Erinnerungsvermögen geschwächt.

Einmal pro Woche zu Hause

Nach dem Unfall hat die Verkäuferin ihr Arbeitspensum auf 50 Prozent reduziert, um so oft wie möglich bei ihrem Mann zu sein. Immer wieder hat sie Fotos von Rolf und sich gemacht und Texte dazu geschrieben, damit die Zeit nach dem Unfall für ihn nicht für immer verloren bleibt.

An Weihnachten 2011 durfte er zum ersten Mal für einen Tag nach Hause. Im März 2012 wurde er in eine betreute Wohngemeinschaft im Haus Selun in Walenstadt SG verlegt, wo er ans selbstständige Leben herangeführt wird. Seither holt Martha Zimmermann ihren Mann jedes Wochenende nach Hause, pflegt ihn, motiviert ihn, übt mit ihm das Laufen.

Inzwischen kann Rolf Zimmermann mit Hilfe sogar wieder Treppen steigen – ein riesiger Erfolg, wie er erzählt: «Es ist wahnsinnig toll, wieder im eigenen Ehebett im Obergeschoss zu schlafen.»

«Grad use»

Auch den Humor hat sich das Paar bewahrt. Rolf Zimmermann erzählt, wie er mit seinem «AHV-Mobil», sprich Rollator, das Laufen übt und dass er nicht gerne in Menschenmengen ist, weil er «zwangsläufig immer allen aufs ‹Fudi› schauen muss».

Mit seiner Herzlichkeit bringt er seine Frau immer wieder zum Lachen. «Du besch halt scho emmer grad use», sagt sie ihm dann liebevoll. So gut ging es den beiden aber nicht immer. «Rolf hatte seinen Lebensmut verloren, und ich habe mich oft sehr alleine und hilflos gefühlt.» Rolf Zimmermann, der früher als Chauffeur und vor dem Unfall als Briefträger gearbeitet hat, bezieht hingegen ab Mai eine Invalidenrente.

Er hat aber grosse Zukunftspläne: «Ich will wieder Motorrad und Lastwagen fahren.» Auf seinem Weg wird ihn Martha auch weiterhin intensiv begleiten. «Sie hätte jeden haben können, ist aber bei mir geblieben. Sie ist mein ein und alles – meine Heldin», sagt Rolf und rührt seine quirlige Martha zu Tränen.

Aleksandra Mladenovic