UNFALL: Cordulas Tod bewegt auch nach 30 Jahren

Irgendwann sterben wir alle. Im Normalfall die Eltern vor den Kindern. Bei Cordula war das anders. Sie verunglückte mit sieben Jahren.

Simone Hinnen
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Die Autorin dieses Textes, Simone Hinnen (links), zusammen mit Cordula Jung bei ihrer spät erfolgten Taufe – ein Jahr vor Cordulas Tod in Meggen. (Bild: PD)

Die Autorin dieses Textes, Simone Hinnen (links), zusammen mit Cordula Jung bei ihrer spät erfolgten Taufe – ein Jahr vor Cordulas Tod in Meggen. (Bild: PD)

Die Geschichte, die hier erzählt wird, handelt von Cordula (geboren 1972). Einem Mädchen, das die Nachbarn als «Sonnenschein» im Quartier bezeichneten. Sie war ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen, das von ihren Eltern und ihrem um drei Jahre jüngeren Bruder über alles geliebt wurde und sorgenlos aufwuchs. Bis sie viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Sie war sieben Jahre und sieben Tage alt, als sie starb.

In Meggen verunglückt

Das Spezielle an der Entstehung dieses Textes ist: Cordula war meine Freundin und mein Vater ihr Götti. Ihre Mutter ist die Gotte meines Bruders, und unsere Väter sind langjährige Freunde. Als Journalistin bin ich solch schwierige Gespräche gewohnt. Doch der Umstand, dass ich Direktbetroffene bin, verändert die Situation grundlegend. Das Gespräch ist eine Herausforderung.

Es war ein kalter Dezembermorgen im Jahr 1979, als Cordula Jung wie alle ihre Schulkollegen in Meggen die Hauptstrasse überqueren wollte an einer Stelle mit Fussgängerstreifen. Seit längerem war diese Strassenquerung ein Thema in der Gemeinde. Besorgte Eltern hatten einen besser gesicherten Übergang beantragt. Doch die Strasse, die damals noch den gesamten Gotthardverkehr schlucken musste, war Hoheitsgebiet des Kantons. Somit sahen die Gemeindebehörden keine Möglichkeit, unmittelbar einzugreifen. Cordula stand an der Strasse. Kollegen waren schon vorgegangen. Sie zögerte zu lange und sprang dann doch los – direkt in die Fronthaube eines herannahenden Autos.

«Ich wusste, dass es Cordula war»

Wir befinden uns im Wohnzimmer im Elternhaus von Cordula in Meggen. Cordula Jungs Mutter, Inge Jung (68), sitzt im Sessel und erzählt in kurzen Sätzen. Ich höre ihr zu und wage nicht zu unterbrechen. Der Unfall ist dreissig Jahre her. Und doch ist es in diesem Moment, als wärs gestern gewesen.

Der Tag nahm seinen geregelten Lauf. Cordula war in der Schule. Inge Jung hatte gerade noch genügend Zeit, um gemeinsam mit ihrem Sohn bei der Post einen Brief abzugeben. Auf dem Nachhauseweg sah sie auf Höhe des heutigen Restaurants Schlössli das Warnschild: Achtung Unfall. «Ich wusste genau, dass es sich um Cordula handelte. Das ist Mutterinstinkt», sagt sie. Wie in Trance fuhr sie auf die Unfallstelle zu, sah schon von weitem Cordulas Wintermütze mit dem farbigen Bommel am Boden liegen.

Was dann passierte, läuft in ihr wie ein Film ab. Einen, den sie schon zigtausendmal abspulen liess. Einen, den ich aber zum ersten Mal höre.

Inge Jung stieg aus dem Auto. Lief auf die Unfallstelle zu. Und wurde von der Autofahrerin aufgelöst in die Arme genommen. Irgendwann telefonierte sie mit ihrem Mann. Gemeinsam fuhren sie ins Spital, wo eine Reaktion der Ärzte gemäss ihrem Zeitverständnis unendlich lange auf sich warten liess. Dann das Registrieren, dass sie und ihr Mann in einen separaten Raum geführt wurden und die unwiderrufliche Nachricht der Ärzte, Cordula sei tot. Langes regungsloses Sitzen. Filmriss.

Mit dem alten Leben abgeschlossen

An der Beerdigung schien die ganze Gemeinde versammelt. Inge Jung zeigt mir eine Fotografie von damals. Vor lauter Blumenkränzen und -gestecken ist nichts mehr vom Grab zu sehen. Sie sagt: «Ich bin lange neben mir gestanden und habe erst mit der Zeit realisiert, was wirklich passiert ist.» Dass man den Tod der Eltern miterleben werde, davon gehe man aus. Aber das eigene Kind? Den Schicksalsschlag annehmen zu können, sei das eine. Abschliessen zu können, etwas anderes. So was gehe nicht. Niemals. Damals blieb keine Zeit zum Innehalten. Inge Jung musste funktionieren. Schliesslich war da auch noch ihr Sohn. «Wir Menschen haben Kräfte in uns, über die wir gar nicht Bescheid wissen.»

Mit dem Tod von Cordula war ihr altes Leben abgeschlossen. Eine neue Zeitrechnung hatte begonnen. Ihr einziger Gedanke, den sie nach der Beerdigung hatte: «Ich muss weg.» Weg von zu Hause, wo alles nach Cordula roch. Weg vom Ort der Erinnerungen. Und so verreisten die Eltern mitsamt ihrem Sohn für kurze Zeit weit weg an die Sonne.

Cordulas kleiner Bruder war vier Jahre alt, als der Unfall passierte. Zu klein, um verstehen zu können? Was hatte er gesehen, was wahrgenommen? Wollte er reden? Er schwieg. Verschwunden war sein unbeschwertes Lachen. «Cordula, chomm wieder abe», hatte er einmal in den Himmel schauend zu seiner Mutter gesagt. Und nachdem Inge Jung wieder schwanger wurde, hatte er sie mit den Worten getröstet: «Mami, du hast ja bald wieder ein Baby.» Über den Tod seiner Schwester sprach er später ungern. Und sie liess es dabei bewenden. «Du kannst ein Kind nicht mit Dingen konfrontieren, wenn es nicht danach fragt.»

Was mir als sehr gute Bekannte der Familie nicht bewusst war: Inge Jung wurde noch während ihrer kurzen Reise schwanger. Sie war 35, als das geschah. Im Oktober kam ihr drittes Kind auf die Welt. «Durch den Tod von Cordula war eine Lücke entstanden. Diese hat unser zweiter Sohn in vielerlei Hinsicht ausgefüllt.»

Andenken im Auto

Am Grab hatte Inge Jung noch Jahre nach Cordulas Tod Zwiesprache gehalten. Heute noch denke sie oft an sie. Sowohl ihren Todestag als auch ihren Geburtstag habe sie noch nie vergessen. Manchmal spricht sie mit ihrem Mann darüber. Manchmal schweigt sie auch. Den Bommel von Cordulas Kappe hat sie als Talisman im Auto stets bei sich.

So tragisch es ist: Cordulas Tod hatte die Megger Gemeindebehörden dazu veranlasst, die dringend nötige Strassenunterführung vorzufinanzieren. Der Druck seitens der Bevölkerung war enorm. Der damalige Gemeindepräsident hatte sogar Morddrohungen erhalten.

Wut gegenüber den Gemeindebehörden hatte Inge Jung nie. «Was passiert ist, ist passiert. Es ist Vergangenheit, und zurückholen lässt sich Cordula nicht.» Genauso wenig Groll hege sie gegenüber der Autofahrerin, die ohnehin keine Schuld treffe. «Diese Frau hat mindestens genauso gelitten wie wir. Als sie mich damals auf der Unfallstelle in den Arm nahm, stand ihr das Grauen in die Augen geschrieben.»

Es schlummerte lange

Als ich mich verabschiede, ist mir klar: Inge Jung hat im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Tochter ihren Seelenfrieden gefunden. Es ist ihre Art, darüber zu reden, die mir das sagt. Cordulas Schicksal gehört auch zu meinem Leben. Dass da irgendetwas in meinem Innersten ist, das schon längst einmal hätte ausgesprochen werden sollen, wird mir erst beim Abschied klar. Plötzlich schiessen mir die Tränen in die Augen, als ich mich an das Telefonat mit der furchtbaren Botschaft zurückerinnere. Inge Jung nimmt mich in die Arme. Die Situation ist herzzerreissend. Schliesslich habe ich dreissig Jahre lang nicht mit der Mutter meiner Freundin darüber gesprochen. Anscheinend hat es diese Zeit gebraucht.