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Universität Luzern: Geschichte der Sportvereine neu erzählt

Wer «Sportgeschichte» hört, denkt unweigerlich an Figuren wie Muhammad Ali oder Bernhard Russi. Ein Historiker aus Luzern möchte die Geschichte nun aber anhand von Dokumenten aus dem Breitensport aufarbeiten – und ruft zur Mithilfe auf.
Urs-Ueli Schorno
Die Fussballspielerinnen vom Damenfussballclub FC Luzern freuen sich ueber ihren Sieg beim Internationalen Damenfussballturnier in Zuerich, aufgenommen im Mai 1970. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Grunder)

Die Fussballspielerinnen vom Damenfussballclub FC Luzern freuen sich ueber ihren Sieg beim Internationalen Damenfussballturnier in Zuerich, aufgenommen im Mai 1970. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Grunder)

Wissenschaft soll nicht nur im Elfenbeinturm stattfinden, davon ist Historiker Michael Jucker überzeugt. Für den Erfolg seines Projekts ist es sogar entscheidend, dass sich Vereine und Hobbysportler mit Wissen und Material beteiligen. Der Dozent an der Universität Luzern will in Kooperation mit der PH Luzern, dem Verein für Sportgeschichte und dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich sowie weiteren Institutionen und Museen das «Digital Swiss Sports History Portal» aufbauen. Zu deutsch: ein Portal, das schweizweit und sprachübergreifend verschiedenen Gruppen den Zugang zur Sportgeschichte der Schweiz ermöglichen soll.

Dazu sucht Jucker Zeitzeugen sowie Bild-, Ton- und weiteres Material aus den Archiven hiesiger Sportvereine. Unterstützt wird das Projekt mit 180 000 Franken durch den Schweizerischen Nationalfonds, die Beteiligung weiterer Donatoren ist noch offen. Projekte wie dieses entsprechen einem Trend in der Forschung: Unter dem Stichwort «Citizen Science» (Bürgerwissenschaft) werden Ansätze verfolgt, bei denen Nichtakademiker nicht nur befragt oder untersucht werden, sondern sich aktiv an der Forschung beteiligen.

Bis 1968 durften Frauen nicht in Vereinen kicken

Dem Historiker Jucker geht es dabei nicht nur um den Sport im Speziellen, sondern auch um seine gesellschaftliche Bedeutung. Einen Schwerpunkt will er auf die Themen Integration und Exklusion legen. «Viele Menschen waren – und sind zum Teil bis heute – von verschiedenen Vereinen oder Sportgruppen ausgeschlossen.» Damit meint Jucker aber nicht nur Profisportler, sondern gerade auch Breitensportler.

Zurzeit beschäftigt sich Jucker etwa intensiv mit dem Frauenfussball, der gerade sein 50-Jahr-Jubiläum feiert. Eine Ausstellung in Zürich und der Blog «Seit 1968 – Fünf Jahrzehnte Frauenfussball in der Schweiz» würdigen die Geschichte des Frauenfussballs in der Schweiz. Bis 1968 durften Frauen nicht in Vereinen spielen.

Die Anfänge des Frauenfussballs sind bisher schlecht erforscht – auch deshalb sind die Historiker auf private Sammlungen, Dokumente und Zeitzeugen angewiesen. Wie sehr die Kickerinnen damals gegen Vorurteile und für die Ausübung ihres Sports kämpfen mussten, verrät ein Blick ins Archiv unserer Zeitung: Erst seit 1970 gibt es in der Schweiz eine Damenliga. Im Mai des selben Jahres gewinnen die Fussballerinnen des Damenfussballclubs FC Luzern ein internationales Turnier in Zürich. Zu dieser Zeit schreibt ein Kolumnist, ein gewisser Martin Meier, in den «Luzerner Neusten Nachrichten»: «Kürzlich habe ich an dieser Stelle über Damenfussball geschrieben. Um es reumütig zu gestehen: gegen den Damenfussball.» Er beschreibt die geharnischten Reaktionen der Leser und Leserinnen. Zum Beispiel: «Eine Dame treibt tiefschürfende psychologische Studien: ‹Dass Frauen Fussball spielen wollen, nur um des Vergnügens willen und ohne Hintergedanken, werden Sie wohl nie begreifen.›» Der Kolumnist reagiert darauf jovial: «Man darf es den Frauen nicht übel nehmen. Sie sind wie Kinder. Der vierjährige Bub eines Freundes belehrte seinen Vater: ‹Wenn du mir meine Kanone wegnehmen willst, schiesse ich dich tot!›» Meier kommt zum Schluss: «Lassen wir den Frauen den Fussball. Sie werden ihr Spielzeug ohnehin bald ruinieren.» Die Botschaft ist klar: Frauen haben im Fussball nichts verloren.

Im November will Michael Jucker das Zeitzeugen-Projekt starten. Es richtet sich an Vereine, Schulen sowie an Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren. Dazu sucht Jucker zurzeit intensiv nach Zeitzeugen, die den jungen Menschen von heute von Zeiten berichten, in denen der Zugang zum Sport eben nicht so einfach war. «Was bedeutete es in den 1950er-, 60er- oder 70er-Jahre, ein Sportler zu sein? Zu dieser Frage wollen wir junge Menschen sensibilisieren.»

Sport besteht nicht nur aus Siegen und Niederlagen

Jucker sucht also Menschen, «die durch bestimmte Merkmale an der Ausübung des Sports gehindert wurden – oder es trotzdem gegen alle Widerstände taten.» Das Ziel: «Im Dialog mit den ehemaligen Sportlerinnen und Sportlern soll jungen Menschen nähergebracht werden, dass die Geschichte des Sports sich nicht auf Siege und Niederlagen beschränkt, sondern dass sie hilft, die vergangene und gegenwärtige Gesellschaft zu verstehen.»

Noch Zukunftsmusik ist ein vollständiges digitales Archivportal, das historisches Material für die Öffentlichkeit und die Forschung zugänglich machen soll. Das Resultat wäre bisher einzigartig: eine Sportgeschichte, die sich nicht nur an den Helden des Spitzensports orientiert, sondern die Hunderttausenden, die in Vereinen und Amateurgruppen kicken, pedalieren, schwingen oder turnen, einbezieht.

Hinweis

Kontaktaufnahme: sporthistory@gmx.ch oder: michael.jucker@unilu.ch. www.swiss-sporthistory.ch

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