UNIVERSITÄT: Von der Bibliothek in die Badi

Janine Kopp (29) erhielt gestern Abend für ihre Dissertation den Doktorgrad. Sie untersuchte den Umgang mit dem menschlichen Körper als medizinische Ware.

Roseline Troxler
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Janine Kopp (29) hat ihre Doktorarbeit über den Handel mit Leichen für medizinische Zwecke geschrieben. Im Bild ist sie mit einem alten Apotheker-Buch in der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern zu sehen. (Bild Pius Amrein)

Janine Kopp (29) hat ihre Doktorarbeit über den Handel mit Leichen für medizinische Zwecke geschrieben. Im Bild ist sie mit einem alten Apotheker-Buch in der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern zu sehen. (Bild Pius Amrein)

Janine Kopp hat guten Grund zum Feiern. Gestern erhielt die 29-Jährige an der Diplomfeier der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät offiziell die Doktorwürde. Die Universität Luzern überreichte weitere 82 Diplome auf Bachelor-, Master- und Doktorstufe (siehe Box).

Drei Jahre im stillen Kämmerchen

Drei Jahre lang hat Janine Kopp im stillen Kämmerchen in ihrer Wohnung in Luzern, im Staatsarchiv oder in der Bibliothek gesessen und an ihrer 243-seitigen, vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Dissertation gearbeitet. «Hingerichtet und als Medizin verkauft» lautete der Titel der Arbeit von Janine Kopp. Dafür erhielt sie das Prädikat «insigni cum laude», was einem sehr gut entspricht. Janine Kopp schrieb ihre Dissertation im Rahmen eines Forschungsprojektes von Professor Valentin Groebner in ihrem Hauptfach Geschichte. Bereits in ihrer Masterarbeit hat sich die in Meggen aufgewachsene Historikerin mit der Thematik beschäftigt.

Der Körper als Universalmittel

Für ihre Dissertation richtete sie den Fokus auf die Stadt Luzern zwischen 1560 und 1710. «Die Obrigkeit versuchte, in der Zeit der Gegenreformation den Zugriff auf den menschlichen Körper als medizinische Ware zu kontrollieren, erlaubte aber unter bestimmten Bedingungen explizit den Gebrauch.» Trotzdem sei auch illegal Handel betrieben worden. «Denn der menschliche Körper fand in der Medizin als Universalmittel von Kopf bis Fuss Verwendung. So sei das menschliche Fett Bestandteil von Salben gewesen – etwa gegen die Gicht.» Die menschliche Haut habe man Schwangeren auf den Bauch gelegt. Die Hirnschale wurde pulverisiert gegen Epilepsie eingenommen. «Auch wenn uns dies auf den ersten Blick makaber erscheint, schlecht geträumt habe ich deswegen nicht», sagt Janine Kopp, obwohl ihr manche Schicksale nahe gegangen seien. Privat habe sie allerdings kein besonderes Faible für gruselige Geschichten.

Unbekanntes Terrain

Laut Janine Kopp ist die Thematik ihrer Dissertation durchaus aktuell. «Noch immer verwenden wir den menschlichen Körper in der Medizin – zum einen, um Leben zu retten oder aber in der plastischen Chirurgie.» Für ihre Doktorarbeit wagte sich Janine Kopp auch auf ihr bisher unbekanntes Terrain vor. «Ich musste mich in das medizinische Wissen jener Zeit einlesen.» Dies sei nebst der Fülle von Quellenmaterial wie Apothekerbüchern und Gerichtsfällen sowie der alten Sprache der Quellen eine der grossen Herausforderungen gewesen.

Schreibblockaden akzeptieren

Bis zur Abgabe der Arbeit brauchte Janine Kopp viel Durchhaltewillen. «Ich lernte zu akzeptieren, dass es auch schlechte Tage mit Schreibblockaden gibt.»

Während der Arbeit war ihr zudem der Kontakt zur «Aussenwelt» sehr wichtig. «Sonst verliert man leicht den Bezug.» Deshalb hat sich Janine Kopp nach Abgabe der Arbeit entschieden, während des Sommers etwas komplett anderes zu machen. Sie sehnte sich danach, von Menschen umgeben zu sein. «Gemeinsam mit meinem Freund übernahm ich die Leitung der Badi Meggen.» Daneben arbeitet Janine Kopp journalistisch, sei es für das Zentralschweizer Kulturmagazin «041» oder die «Sonntagszeitung». Mit Schreiben hat sie sich auch weitgehend ihr Studium selbst finanziert. Dies sieht sie heute als grossen Vorteil: «Dadurch studierte ich effizienter.»

Veröffentlichung in zwei Jahren

Janine Kopps Fernziel liegt im Wissenschaftsjournalismus. «Es ist mir ein Anliegen, dass Forschungsarbeiten nicht verstauben, sondern auch Menschen ohne akademischem Hintergrund zugänglich gemacht werden.» Ihre Dissertation wird in den nächsten zwei Jahren veröffentlicht.