Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Heikle Verbindungen um Zertifizierung der Luzerner Sportvereine

Seit diesem Jahr zertifiziert die IG Sport Luzern im Auftrag des Kantons Sportvereine. Bis vor kurzem konnten Vereine dazu Kurse buchen – über die Frau des IG-Präsidenten und in dessen Räumen.
Alexander von Däniken
Kinder spielen am Tag der Luzerner Sportvereine Landhockey auf der Allmend in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 3. September 2017)

Kinder spielen am Tag der Luzerner Sportvereine Landhockey auf der Allmend in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 3. September 2017)

Eine Hand führt einen Auftrag des Kantons Luzern aus, die andere Hand wirbt exklusiv für Kurse, die zum Auftrag passen. Das irritiert, war aber bis vor kurzem Realität. Konkret: Dieses Jahr hat das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement (GSD) mit einem Zertifizierungsprozess für Luzerner Sportvereine und Sportverbände begonnen. Diese müssen sich mittels Online-Fragebogen zu Themen wie Vereinsstrukturen, Prävention oder Integration äussern (siehe Kasten). Erfüllen die Vereine die Qualitätskriterien, erhalten sie ein Label – und ab 2021 weiterhin volle Beiträge aus dem Sport-Toto-Topf (Artikel vom 5. Oktober 2017). Aus diesem werden 3,78 Millionen Franken pro Jahr an Vereine, Verbände und Gemeinden vergeben.

Das GSD hat für die Zertifizierung die IG Sport Luzern, den Dachverband der Luzerner Sportvereine, beauftragt. Präsident der IG ist Urs Dickerhof. Er ist auch Gründer und Verwaltungsratspräsident der Massage-, Kosmetik- und Visagistenschule Dickerhof AG in Emmenbrücke. Die IG Sport wirbt auf ihrer Homepage an exklusiver Stelle mit einem Link für Kurse der Schule Edusport, um die Vereine für die Zertifizierung vorzubereiten. Für die Administration von Edusport wirkte bis vor kurzem Urs Dickerhofs Frau. Und die Kurse wurden in den Räumen der Dickerhof AG angeboten. Auf der IG-Sport-Website heisst es: «Neben anderen Anbietern bietet u.a. die Edusport auch im Zusammenhang mit der Qualitätssicherung Aus- und Weiterbildungsmodule an.» Die «anderen Anbieter» werden an dieser Stelle nicht erwähnt.

«Wahrscheinlich sind die Mitglieder heilfroh»

Der international bekannte Korruptionsexperte und Strafrechtler der Uni Basel, Mark Pieth, sagt dazu: «Ein unschöner Interessenkonflikt.» Dem schliesst sich auch Markus Gmür an. Er ist Direktor des Verbandsmanagement-Instituts der Uni Fribourg. «Ein möglicher Interessenkonflikt ist schon zu erkennen, und ich würde nicht einmal unterstellen, dass dieser bewusst in Kauf genommen wird. Wahrscheinlich sind die Mitglieder der IG Sport sogar heilfroh, dass jemand mal so eben eine Kursstruktur aufzieht, mit der wohl nicht allzu viel Geld zu verdienen ist», so Gmür. Keine Probleme sieht Swiss Olympic, der Dachverband der Schweizer Sportvereine. Während der Recherchen zu diesem Artikel kündigte Brigitte Dickerhof via ihren Mann an, das Sponsoring für die Kursräume und die administrativen Arbeiten für die IG Sport zu beenden. Die bisher gebuchten Kurse würden annulliert und das Kursgeld zurückbezahlt, das Kursangebot auf der Website gelöscht. Mitgliedern der IG Sport wurde zum Beispiel der 7,5-stündige Kurs «Sucht und Gewaltprävention» für 190 Franken angeboten, Nichtmitglieder hätten 250 Franken bezahlt.

«Ehrenvolle Arbeit wird nicht wertgeschätzt»

Gemäss Urs Dickerhof waren denn auch unsere Recherchen für den Rückzug seiner Frau verantwortlich: «Sie kann nicht verstehen, dass eine ehrenvolle, mit Herzblut verbundene Arbeit für die Sportvereine nicht wertgeschätzt wird.» Ausserdem betont Dickerhof, dass seine Frau nur für die Kursadministration und die Räume verantwortlich war. «Inhaltverantwortlicher ist Carlos Lima.» Der Name des ehemaligen Spitzenhandballers erscheint aber nicht auf der Edusport-Seite, auch auf Limas Homepage ist kein Verweis auf das Engagement zu finden. Dazu Lima: «Wir wollten mit dem Projekt langsam starten. Ausserdem geht es nicht um den Geschäftsführer, sondern um die Sache.» Er bedaure sehr, dass das Projekt ein jähes Ende fand. Wie es nun weitergeht, würden Gespräche mit dem Ehepaar Dickerhof zeigen. Die Verbindung zwischen Edusport und der IG Sport ist für Lima kein Problem. «Im Gegenteil: Dank der Infrastruktur der Dickerhof AG konnten wir die Kurse günstig anbieten.»

Einen Interessenkonflikt zwischen dem Engagement seiner Frau und seiner Person als IG-Präsident verneint auch Urs Dickerhof: «Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die IG-Sport-Mitglieder bei Bedarf Kurse zu fairen Konditionen besuchen können. Diese Möglichkeit fällt nun weg.» Ähnliche Angebote gebe es etwa von der Sportschule Magglingen über Trainerausbildungen. Dickerhof sagt weiter: «Die Akzeptanz der Vereine für das Label ist hoch. Wir sind von der Zertifizierung überzeugt.» Wie es nun mit den Kursen weitergeht, müsse der IG-Vorstand noch besprechen. Erhofft sich Urs Dickerhof mehr Rückendeckung durch den Kanton? Dazu sagt er diplomatisch: «Das GSD hat uns mit der Umsetzung beauftragt. Es ist wichtig, dass Organisation und Qualitätsprüfung auf Vereins- respektive IG-Stufe bleiben.»

Beim Kanton Luzern nimmt man den Entscheid von Brigitte Dickerhof «zur Kenntnis», wie David Dürr, Leiter der Dienststelle Sport, erklärt. Dass auf der Website der IG Sport exklusiv für die Kurse von Edusport geworben wurde, findet Dürr nicht heikel, «weil ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es auch andere Anbieter gibt». Und: «Der Kanton Luzern weist auf seiner Homepage namentlich auf verschiedene Schulungsanbieter hin.» Die Zertifizierung der Sportvereine kostet den Kanton Luzern nichts.

Kritik wegen Aufwand für Label

Die Wirren um die Kurse für Vereine könnte das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement (GSD) für einen Neuanfang der Zertifizierung nutzen. Immerhin wird das Label nach einer Probezeit erst ab 2021 vollständig wirksam. Zudem kritisieren einige Vereine den hohen Aufwand. Auch wenn das eigentliche Prozedere kostenlos ist: Müssen Massnahmen in einem oder mehreren Bereichen ergriffen werden, bedeutet das einen Mehraufwand.

Das Qualitätslabel ist Voraussetzung für Vereine, dass sie die vollen Beträge pro Jahr von mehr als 10 000 Franken Swisslos-Sportbetriebsbeiträge erhalten. Sportvereine, die das Label erhalten, haben sich gemäss dem GSD selber kritisch hinterfragt und nutzen die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Es betrifft im Kanton Luzern aktuell rund 50 Vereine. Diese müssen innerhalb von rund einer Stunde einen Online-Fragebogen mit etwa 60 Fragen ausfüllen. Die Themen reichen von der Vereinsorganisation über die Ausbildungsstrukturen, Gewalt- und Suchtprävention bis zu Gleichberechtigung, kultureller Vielfalt und Homophobie. «Der einzige Grund, warum wir den Fragebogen der IG Sport Luzern ausgefüllt haben, ist, dass wir weiterhin Sport-Toto-Beiträge erhalten, um Veranstaltungen für den Nachwuchs durchführen zu können», kritisierte zum Beispiel der Geuenseer Adrian Ruch, Präsident von Swiss Cycling Luzern, gegenüber der Surseer Woche. Swiss Cycling Luzern gehört zu den ersten acht Vereinen und Verbänden, die das Qualitätslabel erhalten haben.

Christoph Lauener, Sprecher des Bundesamts für Sport, hält zur generellen Belastung der Sportvereine fest: «Die allermeisten Schweizer Sportvereine könnten ohne die Arbeit ehrenamtlicher Helfer nicht überleben. Man darf diese administrativ nicht überlasten, sonst springen sie ab.» Markus Gmür, Direktor des Verbandsmanagement-Instituts der Uni Fribourg sagt, dass der Kanton Luzern mit dem Qualitätslabel im schweizweiten Vergleich an vorderster Position sei. «Dass die IG Sport für Luzern nun etwas Verbindlicheres schafft, ist an sich nicht schlecht.» Die Checkliste erscheine ihm vernünftig und machbar. «Die IG Sport täte aber gut daran, auf ihrer Homepage einen Gesamtüberblick über die Anbieter geeigneter Kurse zur Vorbereitung auf das Label zu vermitteln und sich nicht auf einen einzigen Link zu beschränken.»

Auch Swiss Olympic begrüsst die Zertifizierung der Luzerner Sportvereine. Diese könnten sich und ihr Angebot verbessern. Die Zertifizierung überschneide sich nicht mit den Angeboten und Aufgaben von Swiss Olympic, da sich diese mit verschiedenen Labels an Schulen, Lehrbetriebe, Arbeitgeber, medizinische Institutionen und Trainingscenter richten – und nicht direkt an Sportvereine und -verbände.

David Dürr, Leiter der Dienststelle Sport beim Kanton, sagt zum kritisierten Mehraufwand: «Wir können Bedenken von Vereinsvorständen verstehen, die sich die Frage stellen, ob das Qualitätslabel für ihre Vereine letztendlich nutzbringend und sinnvoll ist. Deshalb hat die Dienststelle Gesundheit und Sport die Fragen im Vorfeld auch kritisch geprüft.» Dürr sagt weiter: «Wir gehen davon aus, dass diese Vereine die meisten Voraussetzungen bereits erfüllen. Wir haben von Anfang an geplant, den Fragebogen regelmässig zu prüfen. Falls es sich aufgrund von Rückmeldungen zeigt, dass der Fragebogen zu umfangreich ist, werden wir diesen wie geplant in der zweiten Jahreshälfte anpassen.» (avd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.