Kommentar

Zu wenig Geld, zu viel Nostalgie:
Daran krankt der «Südpol»

Der Südpol in Kriens sucht nach viel Kritik und Personalabgängen mit einem neuen Vorstand den Weg aus der Krise. Eine Standortbestimmung zum zehnjährigen Jubiläum des Kulturhauses.

Julia Stephan
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Julia Stephan

Julia Stephan

Im vergangenen halben Jahr wurde man unschön daran erinnert, was das Kulturhaus Südpol in Kriens vor seiner Grundsteinlegung einmal war: ein Schlachthof am Stadtrand Luzerns. Wichtige Funktionsträger des Hauses haben sich nacheinander selbst auf die Schlachtbank geführt. Im Zeitraum eines halben Jahres gaben der langjährige künstlerische Leiter Patrick Müller – er ist noch bis Ende September im Amt – , der geschlossene Vorstand des Verein Südpol sowie die Dramaturgin Mona De Weerdt ihren Rücktritt bekannt. Deren Nachfolgerin wird ihre Stelle gar nicht erst antreten. Auch der betriebliche Leiter Dominique Münch räumt auf Ende Jahr das Feld, ebenso die musikalische Programmatorin Nadine Rumpf.

Mit der Wahl eines neuen Vorstands im zweiten Anlauf ist eine Neuausschreibung des Südpols verhindert worden – die neue Crew will bis Ende Oktober ein Betriebskonzept vorlegen, um im November mit der Stadt in Subventionsverhandlungen zu treten (wir berichteten). Der Vorschlag einer neuen Leitung folgt im März, eine interimistische ist noch nicht gefunden.

Zuletzt ist im Südpol der grosse Besucheransturm ausgeblieben. (Bild: Keystone/Urs Flüeler (Kriens, 5. Juli 2018))

Zuletzt ist im Südpol der grosse Besucheransturm ausgeblieben. (Bild: Keystone/Urs Flüeler (Kriens, 5. Juli 2018))

Ein bemerkenswertes Novum dabei ist, dass der neue Vorstand die Vereinsstatuten im Vorfeld dahingehend abändern möchte, dass die Vereinsmitglieder erstmals über Betriebskonzept und Leitung basisdemokratisch abstimmen dürfen. Das behutsame Vorgehen ist Ausdruck von Schlichtungsbemühungen in einer Szene, die nach innen weit weniger einheitlich ist, als sie nach aussen wahrgenommen wird.

Das Vorgehen rückt vor allem zwei Eigenheiten der Luzerner Kulturszene ins Licht: Einerseits ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber allem Fremden. Die Ernennung Patrick Müllers, ehemaliger Co-Leiter des Tanzfests Schweiz, zum Südpol-Leiter vor sechs Jahren löst bei manchen Kulturschaffenden bis heute Abwehrreflexe aus.

Darin manifestiert sich die Eigenheit der Luzerner, bewährte Dinge nur ungern loslassen zu wollen.

Der Verdacht liegt nahe, dass die chronische strukturelle Unterfinanzierung des Hauses schuld am hohen Frustrationspotenzial ist – der Halbjahresbericht weist ein Defizit von 60'000 Franken auf. Wo die Stadt Zürich jährlich 2,3 Millionen Franken in den Betrieb der Gessnerallee schiesst – hinzu kommen 150'000 Franken Kantonsgelder – muss sich der Südpol mit rund 1 Million Franken von der Stadt Luzern zufrieden geben. Dennoch hat er mit drei Veranstaltungshallen, einem Clubraum und einer Residenzwohnung eine beachtliche Infrastruktur zu stemmen. Auch mögen die Sparübungen im Bereich der Theaterförderung der letzten Monate mit dazu geführt haben, dass Neid und Missgunst in der Szene sich verstärkt haben.

Andererseits wird der Südpol immer wieder mit dem 2007 geschlossenen Kulturzentrum Boa verglichen, für das die Stadt der alternativen Kulturszene ursprünglich den Südpol angeboten hatte. Darin manifestiert sich die Eigenheit der Luzerner, bewährte Dinge nur ungern loslassen zu wollen und sich lieber einer Art Vergangenheitsverklärung hinzugeben. So kommt es nicht von ungefähr, dass im neuen Vorstand Vertreter sitzen, die eng im Kulturzentrum Boa verwurzelt waren. Sie sollen sich dank Mitgestaltung und Absegnung des Betriebskonzepts endlich mit dem Südpol identifizieren können – nach zehn Jahren Südpol und in einer Zeit, in der das Kulturhaus Neubad längst ein neuer lebendiger Hort der Alternativkultur geworden ist.

Die Differenzen zwischen Vorstand, Südpol-Geschäftsleitung und Mitarbeitern, die den alten Vorstand offiziell zum Rücktritt bewegt haben, sind schwer zu durchschauen. Dass der Südpol kein Standort für die freie Theaterszene sei, wie vom alten Vorstand und Teilen der freien Szene behauptet, widerlegt ein Blick in den Geschäftsbericht 2017. Dieser listet elf lokale Theater- und Tanzpremieren für das Jahr 2017.

Das bedeutet entweder eine ordentliche Budgetaufstockung oder eine inhaltliche und räumliche Verschlankung des Betriebes.

28 000 Besucher – 3000 weniger als im vergangenen Jahr – zeigen, dass der Südpol ein ernsthaftes Imageproblem hat. Mit seiner herausragenden Rolle als Sprungbrett für hiesige Theaterschaffende gewinnt man in Luzern keine Besucher.

Längerfristig muss sich Luzern entscheiden, ob es sich ein Haus leisten will, das mit experimentellen Arbeiten aus dem nationalen und internationalen Raum neue Sehgewohnheiten nach Luzern bringt oder einen ausschliesslich lokalen Kurs fährt. Das wiederum bedeutet entweder eine ordentliche Budgetaufstockung oder eine inhaltliche und räumliche Verschlankung des Betriebes. Hoffnung macht die geplante Eröffnung der neuen Musikhochschule in unmittelbarer Nachbarschaft. Sollte ein studentisches Umfeld den Südpol für sich entdecken, wäre das Haus vor seiner eigenen Schlachtbank gerettet.