Unterhaltsamer Geschlechterkampf

Ist es bloss augenzwinkernde Emanzipations-Nostalgie? «My Fair Lady» am Luzerner Theater macht aus purer Unterhaltung schliesslich doch auch ergreifenden Ernst.

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Die Frau als sprachliches Drillobjekt: Jörg Dathe (Higgins), Marie-Luise Dressen (Eliza), Christoph Künzler (Pickering). (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Die Frau als sprachliches Drillobjekt: Jörg Dathe (Higgins), Marie-Luise Dressen (Eliza), Christoph Künzler (Pickering). (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Kann ein Stück, das das Verhältnis der Geschlechter an einem Stoff von 1912 thematisiert, heute noch aktuell sein? Bei Frederick Loewes Musical «My Fair Lady» (1956) fällt die Antwort zwiespältig aus. Nach einem Stück von Georg Bernard Shaw erzieht ein Sprachprofessor eine Göre aus der Gosse in London zur Dame, bis sie ihm ebenbürtig die Stirne bieten kann. Der Mann, der so offensichtlich die Frau nach seinen Vorstellungen formt, wirkt heute angestaubt. Aber als Modell dafür, wie sich Emanzipation aus der Dialektik von Macht und Abhängigkeit ergeben kann, dürfte es zeitlos aktuell bleiben.

Arme-Leute-Folklore

Das erste, was an der Inszenierung am Luzerner Theater, die am Mittwoch Premiere hatte, ins Auge fällt, ist dieser Zwiespalt. Regisseur Ansgar Weigner siedelt die Geschichte in einem fast pittoresk-historischen Ambiente an. Die Szenen in der Kneipenszene, der das Blumenmädchen Eliza Doolittle zu entkommen sucht, bieten Arme-Leute-Folklore wie aus einem nostalgischen Bilderbuch und erinnern auch mal an putziges Landtheater.

Bild: Ingo Höhn / Luzerner Theater
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Bild: Ingo Höhn / Luzerner Theater
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Bild: Ingo Höhn / Luzerner Theater

Die Inszenierung kommt erstaunlich leicht daher, obwohl sie – als grösstes Manko – Tanz und choreografische Bewegung nur spärlich einbezieht. Höhepunkte diesbezüglich sind die Strassenszenen mit Elizas Vater (Patrick Zielke) und seinen Saufkumpanen, in denen einmal auch die sechs beigezogenen Tänzerinnen und Tänzer prominent auftreten.

Plötzlich wird alles echt

Das alles ist in den Songs (Robert Maszl als liebeskranker Tenor) wie in den Dialogen (Heidi Maria Glössner als Higgins’ Mutter) liebenswürdig-witzig gemacht und bietet mit der vom Luzerner Sinfonieorchester beschwingt gespielten, europäisch geprägten Tanz-Musik beste Unterhaltung (musikalische Leitung: Forian Pestell). Das bestätigten an der Premiere die Lacher und Stimmen aus dem Publikum, die, so eine Zuschauerin, die «originellen Einfälle einer gesuchten Modernisierung» vorzogen.

Ist das Thema der Emanzipation, wie sie das Stück verhandelt, also Geschichte? Natürlich auch in dieser Inszenierung nicht. Dass man sie als ganz aktuell empfindet, verdankt sie der überragenden Gestaltung der Hauptrollen durch den Schauspieler Jörg Dathe und die Sängerin Marie-Luise Dressen.

In den Songs wie im Dialog der Protagonisten wird das unterhaltsame Spiel plötzlich lebensnah und bedrängend echt. Der Schluss-Applaus zeigte, dass das Theater damit schon vor Verdis «La Traviata» einen Publikumserfolg auf sicher haben dürfte.

Urs Mattenberger

Die nächsten Aufführungen am Luzerner Theater: 10.11., 17.11., 22.11., 24.11., 1.12., 12.12., 14.12., 20.12., 22.12., 26.12., 29.12., 31.12.; weitere Vorstellungen bis 4. Mai 2013.

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