Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

UNTERRICHT: Was haben Sie gegen den Islam?

Behandelte der geschasste Luzerner Religionslehrer den Islam und die anderen Religionen in seinem Unterricht zu kritisch? Thomas Bannwart nimmt Stellung.
Interview Charly Keiser
Er wehrt sich gegen seine Entlassung: Religionslehrer Thomas Bannwart, fotografiert diesen Sommer in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Er wehrt sich gegen seine Entlassung: Religionslehrer Thomas Bannwart, fotografiert diesen Sommer in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Die Katholische Kirchgemeinde der Stadt Luzern hat Religionslehrer Thomas Bannwart im März gekündigt und ihn freigestellt. Voraus ging ein Hickhack zwischen dem 63-Jährigen und seinem Vorgesetzten, Religionsunterricht-Rektor Jürgen Rotner. Kernpunkt des Streits: Bannwart soll seinen Schülern den Islam einseitig, zu kritisch, vermittelt haben (siehe Kasten). Der Fachleiter Ethik und Religionen an der Pädagogischen Hochschule Luzern, Dominik Helbling, erklärte gegenüber unserer Zeitung (Ausgabe vom Freitag), in der Sekundarstufe werde ein möglichst umfassendes Bild der Religionen erarbeitet. Laut Lehrplan 21 müssten Schüler positive, ambivalente und negative Wirkungen von Religionen einschätzen lernen. Helb­ling: «Ein Lehrer darf durchaus seine Meinung in den Unterricht einbringen. Ich erwarte jedoch von einer Lehrperson, dass sie zurückhaltend ist und ihre Meinungen nicht als ideal oder einzig korrekte darstellt.»

Thomas Bannwart, was haben Sie gegen den Islam?

Thomas Bannwart: Gar nichts, im Gegenteil. Der Islam ist oder besser war Teil meines Religionsunterrichts, dem ich und meine Schüler viel Zeit widmeten. Ich habe den Islam immer sehr gerne unterrichtet.

Wie müssen sich die Leser den Beginn Ihrer Islamlektion vorstellen?

Bannwart: Ich begann jeweils so: «Unser drittes Semester entspricht der historischen Logik. Nach der Bibel – der Grundlage, auf dem die Religionen gewachsen sind – behandelten wir das Juden-, dann das Christentum. Jetzt folgt der Islam. Wir leben Tür an Tür mit Muslimen, treffen uns im Bus, in der Waschküche und haben mit Muslimen oft auch Freundschaften. Es ist darum sehr wichtig zu verstehen, wie sie denken – um zu wissen, wie wir ihnen begegnen sollen und was sie von uns erwarten.»

Und weiter?

Bannwart: «Zudem sind Religionen und damit auch der Islam ein Faktor in der Weltpolitik. Der Islam ist in die meisten bewaffneten Konflikte von heute involviert. Das heisst aber nicht, dass er an den Auseinandersetzungen schuld ist; es geht vielmehr um unser Verständnis. Wir fragen uns: ‹Was ist der Islam?› Wir beginnen mit dessen Grundgerüst der fünf Säulen, die wir ähnlich vom Buddhismus her kennen. Wir müssen uns der Schlüsselperson Mohammed zuwenden, der eine ebenso wichtige Rolle spielt wie Jesus im Christentum. Ausserdem nehmen wir uns das Beten vor und vergleichen es mit dem Christentum.»

Aber diese Einleitung ist doch sicher nicht bemängelt worden, oder?

Bannwart: Nein, natürlich nicht. Mir wurde aber von Rektor Jürgen Rotner viel anderes unterstellt. So behauptet er zum Beispiel, dass ich einen ZDF-Film unterbrochen habe, um die Besserstellung der Frau im Islam in Bezug auf das Erbrecht zu leugnen. Dabei habe ich beim besagten Unterbruch nur einen historischen Sachverhalt richtiggestellt. Denn Mohammed hat die reiche Witwe Chadidscha um 595 nach Christus – rund 15 Jahre vor seiner ersten Offenbarung, somit vor der Geburt des Islams – geheiratet. Chadidscha konnte das Karawanengeschäft ihres verstorbenen Mannes erben. Das beweist, dass die Frauen heute nicht erst dank dem Islam erben können.

Rektor Rotner wirft Ihnen mangelnde Ausgewogenheit und Neutralität bei der Behandlung des Islams vor. Wie gingen Sie mit den Passagen des Alten Testaments um, die gegen unsere Grundrechte verstossen? Behandelten Sie das Christentum ebenso kritisch?

Bannwart: Ja klar. Ich habe immer alle Religionen kritisch behandelt und auf deren Schwachpunkte hingewiesen.

Welche dunklen Seiten des Christentums waren das beispielsweise?

Bannwart: Die Christen waren anderen Religionen gegenüber lange intolerant. Das führte zu tragischen Kreuzzügen, politischen Dummheiten wie etwa der Eroberung von Byzanz. Und ja, wir Christen haben Hexen verbrannt. Die Knacknuss ist aber die Fokussierung des Christentums auf die Person Jesus Christus, die ja für alle Christen verbindlich ist. Warum ist dieser Mensch so entscheidend für diese Religion? Das fragte ich meine Schüler. Warum wird Jesus zum Gegenstand einer Religion? Warum wird er als Gottes Sohn bekannt? Weil er auferstanden ist? Die wohl ungeheuerlichste Behauptung, die in diesem Kosmos denkbar ist. Warum glauben Christen das? So spitze ich die Fragen zu, um zu Antworten zu gelangen.

Das hört sich aber sehr kritisch an.

Bannwart: Wir Christen müssen kritisch sein und immer Rechenschaft über unseren Glauben abgeben, wie Paulus sagt. Das gehört zum Christentum. Der aufgeklärte Glaube ist der grösste Impuls und das höchste Gut des Christentums.

Sind Muslime nicht auch kritisch, und sind die Suren auch nur eine Art Leitfaden – wie unsere Zehn Gebote?

Bannwart: Natürlich gibt es viele und immer mehr kritische Muslime, die sich Rechenschaft über den Glauben geben. Es kommt verstärkt eine innerislamische Auseinandersetzung diesbezüglich ins Rollen. Aber trotz gewisser Interpretationsspielräume kann man sich der vielen Suren, die zu Gewalt und Ausgrenzung aufrufen, nicht entziehen, ohne allgemein anerkannte Grundsätze muslimischer Identität in Frage zu stellen. Und das ist letztlich aufklärungshinderlich.

Nochmals und etwas genauer bitte: Warum sind unsere Zehn Gebote nicht das Gleiche wie die Suren des Islams?

Bannwart: Das Alte Testament hat eine gut 3500-jährige Entstehungsgeschichte und bekennt sich zu zahlreichen Autorschaften – auch als Wort Gottes. Die erste Offenbarung des Korans war hingegen 610, die letzte 632 Jahre nach Christus. Dazwischen liegen nur 22 Jahre. Gott spricht in der Bibel viele Sprachen, Allah im Koran hingegen streng genommen nur eine. Das wäre etwa so, wie wenn wir behaupten würden: «Gott redet nur Urner Dialekt.» Die Verbindlichkeitsfrage stellt sich allein durch den grossen Unterschied an Autoren völlig anders. Der Koran ist allgemeingültig, Mohammed das Siegel und damit der letzte und massgebende Prophet. Seine Suren sind allein gültig. Allah und Mohammed sind im Gegensatz zu vielen Protagonisten des Christentums unfehlbar.

Könnte es einen neuen Koran geben, wie wir ein Neues Testament haben?

Bannwart: Nein, das geht eben nicht. Denn es gab nur einen Offenbarer und einen Empfänger. Allah kann nichts falsch gesagt, Mohammed nichts falsch gehört haben – das muss ein guter Moslem so glauben. Damit ist klar: Das Offenbarungsverständnis von Christen und Moslems ist völlig verschieden. So kam es auch zum Neuen Testament. Denn es wurde erkannt, dass der Geist wichtig ist und der Buchstabe tötet.

Wo rühren denn die vielen Widersprüche des Korans her, und warum behandeln Sie diese im Unterricht?

Bannwart: Ich bin der festen Meinung, dass das Alte Testament mehr Widersprüche aufweist als der Koran. Aber eben im Zuge einer langen Schrift- und Theologie-Entwicklung und einer breiten Autorenschaft. Die Sure, «es sei kein Zwang im Glauben», wird oft und gerne zitiert; dabei gibt es im Koran eine nicht übersehbare Masse anders lautender Suren, die heute noch ihre volle Gültigkeit haben.

Zurück zu Ihrem Unterricht – hin zu einem Ihrer Arbeitsblätter, das Rektor Jürgen Rotner scharf kritisiert hat.

Bannwart: (lacht) Das ist in der Tat ein gefährliches Arbeitsblatt Ich benutze es sehr wenig und habe es schon seit Jahren nicht mehr eingesetzt. Im Ernst: Ich thematisierte darin nur einige problematische Aussagen des Korans, wie ich das auch bei den anderen Religionen tat. Beim Islam ist das etwa das System der Ausschliesslichkeit – wie Allah mit Andersgläubigen und seinem Gesandten umgeht.

Was heisst das konkret?

Bannwart: Es ist zu viel Nähe zwischen Allah und Mohammed. Mohammed ist nach islamischem Verständnis ganz und gar Mensch und nicht Gottes Sohn. So wie es aus islamischer Sicht die grosse Ursünde des Christentums ist, neben Allah einen zweiten Gott zu stellen, muss eine menschlich-sachliche Kritik am Propheten zulässig sein, ohne dass dabei Kopf und Kragen auf dem Spiel stehen. Es gibt im Islam fünf Rechtsschulen. Doch bei keiner der fünf darf es einen Unterschied zwischen dem Willen Allahs und der weltlich zivilen Verfassung geben. Auf gut Deutsch: Es gibt keine Trennung zwischen Religion und Staat beziehungsweise keinen Staat ohne die Religion und den Islam.

Gibt es weitere zentrale Kritikpunkte?

Bannwart: Der Koran greift zudem zu sehr in den Alltag ein, und die Suren entstanden erkennbar bei verschiedenen Gelegenheiten. So offenbarte Allah seinem Gesandten etwa, ein Muslim dürfe höchstens vier Frauen haben. Als dem schon viermal vermählten Mohammed aber die schöne Koptin Zainab bint Gahs vorgestellt wurde, hatte er eine neue Offenbarung, die es ihm als Propheten erlaubte, so viele Frauen zu haben, wie er will. Das zeigt: In manchen Suren empfinden wir eine gewisse Willkürlichkeit, da wir in unserer Kultur, vor allem seit der Aufklärung, von der Allgemeingültigkeit der Normen ausgehen. Denselben Konflikt haben wir in der Frage der Menschenrechte, wo die Scharia als Rechtsquelle einer individuellen, der menschlichen Natur entsprechenden Rechtsauffassung entgegensteht.

Ist das in den anderen Religionen nicht auch so?

Bannwart: Nein, die Unterschiede sind tatsächlich gross. Der Hinduismus etwa spricht viele durch eine lebensfreundliche Ethik an, die nebst seinen mythischen Grundlagen gut zum Christentum passt. Er hat grosse Integrationskraft. Religionsphilosophisch ist sein Polytheismus, wie einst im antiken Griechenland, ein mögliches Problem. Der Hinduismus hat eine gewisse Apathie gegenüber sozialem Engagement; das zeigt die Hinnahme des Kastensystems.

Halten Sie mit Ihrer Religionskritik nicht die Jungen vom Glauben ab?

Bannwart: Nein, im Gegenteil. Wir Christen kennen keinen blinden Glauben, was kindliches Vertrauen nicht unbedingt ausschliesst. Es stand auch nie das Fach Religionskritik als Disziplin an, denn es war bei mir ein religionskundlicher Unterricht, der wohl Glaubensgrundlagen und -implikationen ausdrücklich machen und den Sinn für religiöse Grundfragen wecken und schärfen wollte. Dazu waren die Religionen adäquat darzustellen. Religiöses Grundwissen fehlt in der durch die multikulturelle Gesellschaft geprägten Zeit heute oft weitgehend. Darum schien mir die Vermittlung religiösen Wissens die beste und unverfänglichste Art, der Integration einen reellen Dienst zu erweisen. Und darum habe ich auch auf sorgfältige Ordnerführung, logisch aufbauenden Unterricht, klar durchschaubare Notengebung und Prüfungen Wert gelegt. Auch als Ausdruck dieser angestrebten Objektivität.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.