Unterwegs im Wissenschaftszelt: Kinder erhalten Einblick in Naturwissenschaften

Um naturwissenschaftliche Themen in der Unterstufe fassbarer zu machen, gibt es seit zwei Jahren ein mobiles Zelt mit Experimenten. Das Projekt läuft noch zwei Jahre und ist bereits ausgebucht. Der Kanton prüft eine Fortsetzung.

Martina Odermatt
Drucken
Teilen
Wer trifft den leuchtenden Knopf am schnellsten? Die Drittklässler aus Oberkirch im Mint-Zelt.Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Wer trifft den leuchtenden Knopf am schnellsten? Die Drittklässler aus Oberkirch im Mint-Zelt.Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Experimentieren, tüfteln, ausprobieren: Bei Schülern kommt das besser an, als Vokabeln oder trockene Theorie auswendig zu lernen. So erstaunt es denn auch nicht, dass die Schüler in Oberkirch bereits um 9 Uhr morgens in das weisse Zelt auf dem Pausenplatz stürmen. Nein, es sind keine Indianer zu Besuch, sondern die Wissenschaft. Im weissen Zelt befinden sich 12 Modellen zum Experimentieren zu MINT-Themen. MINT, das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Binnen weniger Sekunden sind alle Exponate besetzt. Einige Kinder beschäftigen sich mit einer Pumpe, die das Herz simuliert, und sehen so, wie viel Blut das Herz pro Minute durch den Körper transportiert. Andere widmen sich einem Stausee-Modell. Mit einer Kurbel wird der Stausee mit Wasser gefüllt, danach muss er wieder entleert werden. Das Highlight aber ist der Roboter. Mit einem Joystick muss ein kleines Auto in einer Glasbox der Strasse entlang gesteuert werden. Am einen Ende angekommen, gilt es, mit einem Kran einen Ball auf die Ladefläche des Autos zu manövrieren. Die Ladung muss dann wieder an den Anfang transportiert und abgeladen werden. «Technische Sachen sind besonders beliebt», sagt Michael Flury. Der ehemalige Schreiner ist die erste Ansprechperson für die Schüler, wenn sie Fragen zu den Exponaten haben. Zusammen mit dem Zelt reist er von Schule zu Schule, baut dieses und die Exponate, die 1:1 vom Technorama Winterthur oder der CKW nachgebaut sind, auf und nach der Projektwoche wieder ab.

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

«Es geht darum, dass sich die Kinder spielerisch an naturwissenschaftliche Themen rantasten. Sie können durch das Erproben Zusammenhänge selbst erkennen und müssen diese nicht auswendig lernen», sagt er und geht zu einem Pendel. Er verkürzt die Pendelschnur, sodass das Pendel nun schneller schwingt. «... aber sie sollen erkennen, dass das Pendel schneller oder anders schwingt, wenn die Schnur kürzer ist.» Bei den Kindern kommen die Exponate gerade wegen der Möglichkeit des Experimentierens gut an. «Ich finde es super, wenn man hier einfach probieren und selber herausfinden kann, wie etwas funktioniert», sagt ein Schüler. Anneliese Schuler, Schulleiterin in Oberkirch, ist fasziniert von den Schülern. «Es ist verrückt, wie schnell sie lernen und durch Ausprobieren ans Ziel kommen», sagt sie. Auch die Lehrpersonen sind dankbar für diese Möglichkeit. «Die Kinder sind sehr motiviert, Neues zu lernen. Und für uns Lehrpersonen ist es praktisch, weil wir im Vorfeld in einer Weiterbildung lernen, wie wir den Kindern die Themen vermitteln können», sagt Leandra Renggli, Lehrerin der dritten Primarklasse, die sich gerade im Zelt mit den Exponaten beschäftigt.

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Fixfertige Boxen für den Unterricht

Doch das Zelt und die Exponate sind nur ein Aspekt von «MINT unterwegs». Einen wichtigen Teil bilden Boxen für den Unterricht. Diese gibt es zu verschiedenen Themen, welche die Lehrpersonen auswählen, etwa zu Optik, zu Strom oder zu Robotik. In den Boxen ist bereits das Material enthalten, das für den Unterricht und die Experimente benötigt wird.

Beim Schwerpunkt Robotik lernen die Schüler etwa zu programmieren. «Thymio», so der Name des rollenden Roboters, blinkt in allen Regenbogenfarben. Jede Farbe hat eine andere Funktion. Bei Rot «flüchtet» das Gerät etwa, wenn man die Hand an den Sensor hält, bei Violett kann man Thymio mit den am Gerät angebrachten Pfeiltasten steuern. Mit viel Enthusiasmus geben die Drittklässler Thymio Befehle, schieben ihn vor sich hin oder befestigen einen Stift an ihm und zeichnen so Muster aufs Papier.

Ähnlich geht es in einem Klassenzimmer weiter zu und her. Den Drittklässlern stehen eine Batterie, Kabel und eine kleine Glühbirne zur Verfügung. Ziel ist es, das Lämpchen zum Leuchten zu bringen. Die Schüler probieren aus, klemmen die Kabel immer wieder um. Die Freude, wenn das Licht angeht, motiviert die Kinder. Plötzlich holen sie sich mehr Kabel, tun sich mit ihren Klassenkameraden zusammen und bringen immer mehr Glühbirnen zum Leuchten.

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Kanton überlegt Weiterführung

Das Projekt «MINT unterwegs» ist ein Erfolg. Es läuft seit zwei Jahren und ist vorerst bis 2020 begrenzt und ausgebucht. Denn Mint-Themen wurden bislang in der Unterstufe nur am Rande behandelt. Mit dem Lehrplan 21 will der Kanton dies ändern und die Begeisterung für naturwissenschaftliche Fächer stärken. Der Kanton überlegt, wie er das Projekt, das zum Grossteil von Stiftungen und Sponsoren finanziert wird, weiterführen kann. Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung: «Wir überlegen, das Zelt in ähnlicher Form nochmals einige Schuljahre weiterzuführen.» Zudem werden die Inhalte der MINT-Boxen in Unterrichtseinheiten dargestellt, die im Internet jederzeit bearbeitet werden können – auch ohne MINT-Zelt vor Ort.

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)

Bild: Philipp Schmidli (21. September 2018)