Kanton Luzern
Liegenschaftsbesitzer sind verzweifelt – die Unwetterschäden sind höher als erwartet

Auch wenn noch keine klaren Zahlen genannt werden können: Das Unwetter von dieser Woche hat höhere Schäden verursacht als bisher angenommen. Gewisse Eigenheime seien sogar nicht mehr bewohnbar. In Zukunft dürfte die Intensität der Sommergewitter weiter zunehmen, so ein ETH-Professor.

Pascal Studer
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Wolhusen war vom starken Unwetter besonders betroffen.

Wolhusen war vom starken Unwetter besonders betroffen.

Bilder: Eveline Beerkircher (Wolhusen, 29. Juni 2021)

Abgedeckte Dächer, zerstörte Ziegel, zerborstene Dachfenster: Die Folgen des heftigen Gewitters vom vergangenen Montag sind immens. Das Unwetter wütete so stark, dass einige Gebäude sogar nicht mehr bewohnbar seien, schreibt die Luzerner Gebäudeversicherung in einer Mitteilung. Besonders die Gemeinden Wolhusen, Beromünster, Menznau, Buttisholz und Ruswil seien betroffen.

Noch ist jedoch nicht ganz klar, wie hoch die Schadenssumme tatsächlich ist. «Es ist das grösste Elementarereignis seit 16 Jahren», sagt Markus Clerc, Mediensprecher der Gebäudeversicherung. Er könne jedoch bestätigen, dass die ersten Schätzungen in den letzten Tagen bereits übertroffen worden seien. «Eine genauere Aussage sollten wir nächste Woche machen können», so Clerc. Am Dienstag ging man noch von 7000 Schadensfällen und einer Schadenhöhe von 60 Millionen Franken aus.

Führungsstäbe arbeiten auf Hochtouren

Das Schadensbild, das sich im Verlauf dieser Woche ergeben hat, lässt viele Liegenschaftsbesitzer verzweifeln. «Starke Windböen reissen Notdächer immer wieder auf. Unterdächer haben sich mit Wasser gefüllt und werden undicht. In vielen Gebäuden tritt Wasser ein», so Feuerwehrinspektor Vinzenz Graf. Faustgrosse Hagelkörner haben am Montag Löcher in die Dächer geschlagen und sind zum Teil in das Innere der Häuser gelangt. In den am stärksten betroffenen Gebieten hat es auf den Dächern sämtliche Ziegel und Platten weggeschlagen. Viele Scheunen sind komplett abgedeckt, Regen dringt ein und die Heustöcke mussten rasch und behelfsmässig abgedeckt werden. Zudem mussten Fachkräfte aus Dachdecker- und Zimmereibetrieben organisiert werden.

Richtig verhalten bei Blitzeinschlägen

Gemäss Meteo News sind am Montagabend schweizweit 50'000 Blitze niedergegangen. Davon entluden sich 3700 im Kanton Luzern. Die Beratungsstelle Unfallverhütung (BFU) nennt die fünf wichtigsten Regeln bei Blitzeinschlägen. So sei es wichtig, bei nahendem Gewitter die Aktivitäten abzubrechen sowie Höhen und Gewässer zu verlassen. Befindet man sich im Freien, gilt es, eine Schutzstellung einzunehmen und mit geschlossenen Beinen in einer Mulde niederzuknien. Die Knie soll man dabei umschlingen. Zudem: Nicht unter freistehenden Bäumen, Baumgruppen oder an Waldrändern stehen, mindestens drei Meter Abstand zu Masten, Antennen, Metallkonstruktion, Gebäuden und Bäumen im Wald halten sowie Schutz unter Freileitungen, Felsvorsprüngen oder in Bodenmulden suchen. (stp)

Die Feuerwehren und Zivilschutzorganisationen standen entsprechend im Dauereinsatz – obwohl viele von ihnen zu Hause selber Schäden zu beklagen haben. «Die Zusammenarbeit von Feuerwehr und Zivilschutz hat sehr gut geklappt», sagt Graf. Die Führungsstäbe hätten allerdings grosse Herausforderungen zu bewältigen. Nebst der hohen Anzahl der eingegangenen Meldungen müssen spezielle Situationen mit Fotovoltaikanlagen, Lagerräumen, nassen Heustöcken und Kulturgütern beurteilt werden. «Zudem war es schwierig, genügend Planen, Blachen und anderes Baumaterial für die Notdächer zu organisieren», so Graf.

Die Gebäudeversicherung übernimmt alle Kosten, die am Gebäude entstehen. «Häufig sind das Schäden, welche wir an Dächern, Fassaden oder Storen feststellen», erklärt Clerc. Andere Habseligkeiten müssen anderweitig versichert werden – beispielsweise mit einer Teilkasko-Versicherung für das Auto. Bei all der grossen Betroffenheit bleibt aber der Selbstschutz ein Anliegen von Clerc. Er sagt: «Es ist nicht ratsam, selber auf das Dach zu steigen und die Schäden zu beheben. Wer das trotzdem tut, soll sich unbedingt sichern.» Besser sei es aber, auf den entsprechenden Spezialisten zu warten.

ETH-Professor: Die Niederschläge werden stärker

Die Gebäudeversicherung hatte letztmals im Jahr 1999 ähnlich hohe Elementarschäden verzeichnet. Damals fegte der Jahrhundertsturm Lothar über Nordfrankreich, Süddeutschland und die Schweiz hinweg. Aus einer wissenschaftlichen Sicht könne man den Wintersturm Lothar allerdings nicht mit dem Sommergewitter vom Montag vergleichen. Das sagt ETH-Professor Reto Knutti. Er fügt aber hinzu: «Die menschengemachte Klimaerwärmung führt zu mehr heissen Tagen und Hitzewellen und somit zu mehr Starkniederschlägen.»

Das bedeutet, dass im gleichen Gewitter mehr Wasser kommt, was wiederum bei gleichbleibender Infrastruktur zu mehr Schäden führt. Ob sich die Häufigkeit von Wetterlagen mit Gewittern ändert, sei jedoch noch nicht ganz klar. «Ebenso sind Trends im Hagel unsicher», sagt Knutti. In der Forschung bestehe allerdings die Hypothese, dass durch mehr Feuchtigkeit die Hagelkörner grösser werden. Weil diese am Boden aber nicht systematisch gemessen würde, könne aus diesen Beobachtungen noch kein klarer Trend abgeleitet werden.

Eindeutig ist für Knutti, dass es langfristig ökonomisch günstiger ist, bereits jetzt ein ambitioniertes Klimaziel zu verfolgen. Denn nicht nur die Intensitäten der Unwetter werden zunehmen. Auch auf die Gesundheit, Landwirtschaft, Wasserverfügbarkeit oder den Tourismus hat die Klimaerwärmung massive Auswirkungen. Irgendwann werde man ohnehin für den Klimaschutz bezahlen müssen – einfach an einem anderen Ort und zu einem späteren Zeitpunkt. Knutti betont: «Klimaschutz kostet. Kein Klimaschutz kostet mehr.»