«Unzulässige Trainingsmethoden», «ungenaue Kontrollen»: Begründetes Urteil im Fall Paul Estermann bringt Reitsport in die Bredouille

Im Strafverfahren gegen den Springreiter aus Hildisrieden liegt nun das begründete Urteil vor. Zeugenaussagen, ein Tierarztbericht und Fotos beweisen die angeklagten Sachverhalte ausreichend.

Evelyne Fischer
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Paul Estermann mit «Lord Pepsi».

Paul Estermann mit «Lord Pepsi».

Bild: Manuela Jans, (Hildisrieden, 5. März 2016)

Noch liegt keine rechtskräftige Verurteilung wegen Tierquälerei vor, noch gilt für Springreiter Paul Estermann die Unschuldsvermutung. Doch das am Dienstag veröffentlichte begründete Urteil des Bezirksgerichts Willisau zeigt klar: Es existieren geradezu erdrückende Beweise.

Zur Erinnerung: Der Hildisrieder soll zwei Pferde unter anderem mit starken Peitschenhieben malträtiert haben. Das Gericht hat den 56-Jährigen Ende November 2019 der mehrfachen vorsätzlichen Tierquälerei schuldig gesprochen. Paul Estermann, der am Dienstag nicht erreichbar war, hat Berufung angemeldet. Sein Verteidiger liess ausrichten, er nehme zum hängigen Verfahren keine Stellung.

Keine Zweifel an der Echtheit der Fotos

Ins Rollen kam der Fall Estermann aufgrund eines ehemaligen Angestellten. Der Pferdepfleger hatte Anzeige erstattet und dem «Blick» Handyfotos von verletzten Tieren zugespielt. Das Gericht hält in der Urteilsbegründung fest: An der Echtheit der Fotos und Schilderungen des Anzeigestellers «bestehen keine echten Zweifel». Auch ein Tierarztbericht bestätige die Zeugenaussagen «eindeutig».

Aus dem Urteil geht ferner hervor: Der Einzelrichter vertritt die Ansicht, die «teilweise reisserische Berichterstattung» – namentlich durch den «Blick – habe zu einer gewissen «Vorverurteilung» geführt. Dadurch kam es zu einer Reduktion des Strafmasses.

Das Bezirksgericht hat den Reiter mit einer bedingten Geldstrafe in der Höhe von 16'000 Franken und einer Busse von 4000 Franken bestraft. Probezeit: zwei Jahre. Sofern Estermann in dieser Zeit also nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät, werden lediglich 4000 Franken fällig. Weit schwerer wiegt aber ohnehin die strafrechtliche Verurteilung und deren «gravierende Nebenfolgen», wie auch das Gericht festhält. Denn damit einher gehen Fragen rund um die Lizenz, tangiert werde zudem Estermanns «Ansehen in der Reitsportszene». Wenig überraschend trat dieser freiwillig aus dem Kader zurück, kaum hatte ihn das Gericht der Tierquälerei schuldig gesprochen.

Verurteilung wäre für den Reitsport eine Hypothek

Der Schweizerische Verband für Pferdesport hielt sich bislang zurück: «Bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, gilt die Unschuldsvermutung», sagte Präsident Charles F. Trolliet im November gegenüber unserer Zeitung. Danach sei es an der Sanktionskommission, Massnahmen zu ergreifen. Doch es gebe immer Kreise, die Pferdesport nicht für tierfreundlich halten würden.

«Eine rechtskräftige Verurteilung wäre in dieser Hinsicht sicher nicht hilfreich.»

Das Gericht konstatiert, Paul Estermann («charakterliche Defizite», «keinerlei Einsicht») habe die Tiere «nicht aus Böswilligkeit, sondern im Rahmen seines übermässigen Ehrgeizes gequält». Auch seien «unzulässige Trainingsmethoden» auf der internationalen Spitzenebene möglicherweise «nicht unüblich». Doch beides könne keine Entschuldigung sein.

Im 44-seitigen Urteil heisst es weiter: «Dass die Kontrollen vor Ort, im Verband, innerhalb internationaler Organisationen und an den Turnieren nicht genauer ausfallen, trägt zu derartigen Exzessen bei; es wirft Fragen auf, die aber anderswo behandelt werden müssten.» Für die «tierschutzspezifische Problematik des professionellen Reitsports» solle der Beschuldigte nun «nicht zum alleinigen Sündenbock» gemacht werden.

«Es gab und gibt offenbar viele, die über eine sehr lange Zeit weggeschaut und nicht gehandelt haben.»