URNENBÜRO: 18 700 Stimmberechtigte – noch 17 wählen an der Urne

Wer geht heutzutage eigentlich noch an die Urne zur Wahl? In Kriens sind es gerade mal 0,09 Prozent ein Augenschein.

Jérôme Martinu
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Im Krienser Urnenbüro gestern Vormittag (gestellte Szene). (Bild Roger Grütter)

Im Krienser Urnenbüro gestern Vormittag (gestellte Szene). (Bild Roger Grütter)

«Die Wahlen und Abstimmungen finden in öffentlichen Lokalen statt.» So steht es im Stimmrechtsgesetz des Kantons Luzern. Paragraf 20 ist auch die gesetzliche Grundlage dafür, dass die Gemeinden nach wie vor dazu verpflichtet sind, an Wahl- und Abstimmungssonntagen ein Urnenbüro zu betreiben. Seit in Luzern 1994 die briefliche Stimmabgabe eingeführt worden ist, haben sich die Wahlgebräuche der Bürgerinnen und Bürger indes radikal gewandelt. Wer nutzt heutzutage überhaupt noch den Urnenschlitz, um von seinen direktdemokratischen Möglichkeiten Gebrauch zu machen?

Während einer Stunde geöffnet

Augenschein gestern Sonntagvormittag, Startzeit 10 Uhr im Gemeindehaus Kriens. Das in der Einwohnerkontrolle eingerichtete Urnenbüro ist während einer Stunde geöffnet. Der Besuch beginnt mit einer leichten Enttäuschung: Von der Erinnerung an die Holzkabinen-mit-Sichtschutz-Atmosphäre ist nichts mehr übrig. Die Urne steht auf dem modernen Empfangsschalter-Desk, ein Stehpult am Fenster ermöglicht den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern die allenfalls nötige Schreibarbeit. 1992, als der Rapportierende mit 18 Jahren erstmals wählen und abstimmen durfte, fanden die Urnengänge noch in den Krienser Schulhäusern statt. Lange Abstreichlisten mit den Registernummern der Stimmberechtigten lagen bereit.

Früher: Nach dem Gottesdienst

Zurück in die Gegenwart. Für die nötige Doppelbesetzung sorgen in Kriens Reto Hunger, Stimmregisterführer und Urnenbüro-Präsident, sowie Silvia Schmid, Mitglied des Urnenbüros «und parteilos», wie sie lachend ergänzt. Ebenfalls anwesend ist Gemeindeschreiber Guido Solari. Er sagt: «Die Besuchszahlen sind sehr unterschiedlich. In der Regel machen noch 20 bis 30 Personen vom Urnenbüro Gebrauch.» In Kriens gibt es 18 695 Stimmberechtigte, die Mehrheit (9924) ist weiblich. «Bei den wenigen Urnen-Wählern geht es querbeet, von jung bis alt», erzählt Silvia Schmid, «darunter sind einige regelmässige ‹Kunden›, die gerne auch den sozialen Austausch suchen. Früher kam man nach dem Kirchenbesuch vorbei, das ist natürlich nicht mehr so.»

Weil das Stimmgeheimnis im Urnenbüro gewahrt bleiben muss, dürfen die Stimmbürger beim Couvert-Einwurf nicht fotografiert werden und wir anonymisieren ihre Aussagen. Das Altersspektrum ist tatsächlich gemischt, es kommt unter anderem auch eine Familie mit zwei kleinen Kindern vorbei. Die 70-jährige Rita Huber etwa (Name geändert) ist regelmässige Urnen-Wählerin: «Ich mache das seit eh und je.» Man kenne sich, könne einen netten Schwatz führen und sich orientieren. Huber interessiert sich besonders für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. «Und mir ist es auch als Frau wichtig, an die Urne zu gehen: Wir haben damals so stark für das Stimmrecht gekämpft.»

Ein Wähler um die 50 hat zu Hause festgestellt, dass die Regierungsratslisten fehlten. Lachend hält er fest: «Sonst wäre ich nicht um diese Zeit hier!» Im Urnenbüro bietet sich also auch die letzte Gelegenheit, um allfällige fehlende Listen zu erhalten oder nach entsprechender Kontrolle etwa auch einen Notstimmrechtsausweis ausstellen zu lassen.

Hochbetrieb am Briefkasten

Während draussen, am speziell gesicherten Abstimmungsbriefkasten, fast schon Hochbetrieb herrscht (noch mit dem 11-Uhr-Glockenschlag rennt jemand über die Strasse herbei), geht es im Urnenbüro beschaulich zu. Wir konsultieren die Strichliste: 17 Personen werfen das grüne Wahlcouvert in die Urne. Das sind gerade mal 0,09 Prozent der Krienser Stimmberechtigten. Rita Huber sagt quasi stellvertretend für diese sehr kleine Gruppe: «Mir ist es wichtig, dass ich noch eine Verbindung zu den Gemeindeleuten habe. Und wenn es der Zufall will, treffe ich beim Urnengang noch Freunde.»

Jérôme Martinu