URSWIL: Lili Sorglos nimmt Abschied von der Bühne

Lilian Stross (44) steht vor dem letzten Bühnenauftritt. Sie hat viele Anekdoten auf Lager und bereits ein neues Projekt im Visier.

Ernesto Piazza
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Kabarettistin Lili Sorglos (44) gestern bei sich zu Hause in Urswil. (Bild Eveline Beerkircher)

Kabarettistin Lili Sorglos (44) gestern bei sich zu Hause in Urswil. (Bild Eveline Beerkircher)

Mitten im Wohnzimmer steht das rote Stage-Piano. Nur unweit davon entfernt zwei Gitarren, ein Teleskop-Alphorn, Kostüme und Requisiten: Lilian Stross (44) nimmt nach 13 Bühnenjahren und 500 Auftritten langsam Abschied. Am Wochenende tritt sie nach ihren beiden Auftritten in Hochdorf in den Kabarettisten-Ruhestand». «Ich bin bereit», sagt «Lili Sorglos» – so nennt man sie auf der Bühne – mit einem breiten Strahlen im Gesicht. Auch einige bis zum Finale noch mit Arbeit verbundene Handgriffe vermögen an ihrer sprudelnden Lebensfreude nichts zu ändern.

Künstler-Gen

Nach erfolgreich abgeschlossener Verwaltungslehre war für Lilian Stross schnell klar: «Das kann es nicht sein.» Bei einem sehr musikalischen Vater und einer früher Theater spielenden Mutter bekam sie das eine oder andere Künstler-Gen mit in die Wiege. Nach diversen Schulauftritten brauchte gut Ding aber Weile, bis privater Gesangsunterricht den Blick für neue Perspektiven öffnete.

In der Louis-Bar des Hotels Montana nahm die Kabarettistenkarriere im Sommer 2001 – und im Alter von über 30 Jahren – sozusagen ihren Anfang. Die zufällige Begegnung mit David Schoenauer von «Schoenauer’s Broadway Variété» und die freche Frage: «Ich bin Kabarettistin, brauchen Sie jemanden?» brachte ihr an diesem Abend das erste, sogleich achtmonatige Engagement – ohne Vertrag und praktisch ohne Bühnenerfahrung. Im Nachhinein sagt Lilian Stross: «Ich bin mit einer Portion Leichtsinn und mit gewissem Übermut in dieses Engagement gestiegen.»

Bereut hat sie diese Spontanität nie. «Obwohl ich mit jeweils fünf Auftritten pro Woche und dem völlig anderen Lebensrhythmus anfänglich doch sehr gefordert war.» Mit diesem Schlüsselerlebnis im beruflichen Rucksack kam aber schnell der Appetit auf mehr. Es folgte «Das Radioklavier» und damit das erste eigene Programm. Die Kabarettistin sagt: «Ganz in den Anfängen sassen in Bern einmal nur fünf Personen im Publikum. Dabei half mir die Erinnerung an die Aussage einer Künstlerkollegin: Du spielst, sobald es mehr Publikum als auf der Bühne spielende Personen hat, und jeder, der kommt, kommt wegen dir und verdient eine gute Show.»

Bei den ersten beiden Programmen stellte sie noch Lieder aus den 1920er- Jahren ins Zentrum und arbeitete mit dem bekannten Regisseur, Schauspieltrainer und Schauspieler Jürg C. Maier zusammen. Ab dem dritten Programm «Ich bin zur Zeit frei!» waren es musikalisch und textlich nur noch neue Lieder. Bei dieser Arbeit lernte sie auch ihren Lebenspartner Bruno Schnarwiler kennen. «Next step Broadway» hiess die Grossproduktion mit den Stepptänzern Flying Tapas – sie werden beim letzten Auftritt mit dabei sein, wie die Seetaler Blues-, Rock- und Jazzband Groove Apella. Und dann folgte noch die komplette Eigenproduktion «Sorglos ... Trotz Piano».

Während dreier Jahre lebte Lilian Stross vollumfänglich von ihrem Kabarettistendasein. «Zuweilen verspürte ich aber schon Stress dabei», sagt sie. «Vor allem als 2008 die Wirtschaftskrise zu grassieren begann, haben viele KMU bei Betriebsfeiern beim Rahmenprogramm Abstriche gemacht», erinnert sie sich. «Doch finanziell habe ich es in all den Jahren immer geschafft. Der Traum hatte eben seinen Preis. Trotzdem habe ich ihn gelebt.» Und Lilian Stross musste dafür eine Menge investieren, vor allem Zeit. Beim letzten gegen 200 Mal gespielten Programm waren es rund 1600 Stunden Vorarbeit. «Mal zwei», sagt sie. Weil Bruno Schnarwiler genauso viele Stunden dafür einsetzte.

Provokative Frage

Ihre Inspirationen holte sie aus dem Alltag und nicht zuletzt aus der Beziehung. Dazu Lilian Stross: «Ich habe auf der Bühne mal ins Publikum gefragt: ‹Wozu Ehe?› Worauf eine Frau in gesetzterem Alter in den vorderen Reihen ihren Partner anschaute und erwiderte: ‹Das habe ich mich auch schon gefragt.›» Der Lacher war vorprogrammiert, obwohl das Publikum glaubte, diese Episode wäre inszeniert gewesen. «Was allerdings überhaupt nicht der Realität entsprach», sagt die Kabarettistin.

Die Herausforderung, im zeitlichen Rahmen von zwei Jahren immer wieder ein neues Programm auf die Beine zu stellen, sei aber auf Dauer mit Druck verbunden gewesen. Dies ist mit der Grund, weshalb sich Lili Sorglos jetzt vom Bühnenleben zurückziehen will.

Etwas Wehmut schwingt mit, wenn sie das letzte Mal vor grossem Publikum die Bühne betritt. Für Galaauftritte kann man sie dieses Jahr noch buchen, und sie wird auch künftig mit einem 50-Prozent-Pensum einer kaufmännischen Festanstellung nachgehen. Doch bereits heute bewegt Lilian Stross ein neues Projekt: ihre Praxis für Ganzheiterkeit. Dort vermittelt sie ihren Klienten, wie ein bejahendes Leben geführt werden kann.

Vorher dürfte es aber noch emotional zu- und hergehen. «Wenn ich an all die Wegbegleiter denke, die es mir ermöglicht haben, meine Berufung zum Beruf zu machen, steigen mir vor Dankbarkeit und Freude schon mal die Tränen in die Augen», sagt Lilian Stross.

Hinweis

Für die morgige Vorstellung in Hochdorf gibt es noch wenige freie Plätze. Reservationen unter 041 420 09 59 oder info@lilisorglos.ch; Preis: Erwachsene 25, Kinder 15 Franken.