Valentin aus Sursee vermisst das Tätowieren – und seinen Bruder in der Stiftung Brändi in Horw

Seine Arbeit bleibt liegen. Tätowierer Valentin aus Sursee sorgt sich dennoch nicht. Er freut sich auf die grosse Welt.

Roger Rüegger
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Valentin Steinmann in seinem Tattoo Studio in Sursee.

Valentin Steinmann in seinem Tattoo Studio in Sursee. 

Bild: Boris Bürgisser, 3. April 2020

Er ist mit den grössten Brocken fertig geworden. Ein Schwerarbeiter war Valentin Steinmann früher. Als Steinmetz renovierte er die halbe Stadt und den Kanton. «Bei der Hauptpost, dem rechten Turm der Hofkirche, der Stiftskirche Beromünster und beim Kloster St.Urban half ich mit», zählt der 51-Jährige auf.

Was für eine Ironie, dass ihn nun ein kleines Virus lahmlegt. «Vor Dingen, die wir nicht sehen, müssen wir uns in Acht nehmen», sagt der Mann, der nach der Lehre Hammer und Meissel mit der Tätowiermaschine tauschte. Seit zwölf Jahren führt er das Biodelic Art Tattoo Studio in Sursee. Der in Emmen aufgewachsene Künstler hat einen bemerkenswerten Stil. Der Besucher kann sich kaum entscheiden, wo er den Blick ansetzen soll. Das Fenster mit eingefärbtem Glas im Jugendstil ist ein Blickfang, wie der alte Zahnarztstuhl, bei dessen Anblick Phantomschmerzen in die Zähne des Betrachters schiessen.

Als ob die Nabelschnur abgeschnitten worden sei

Allzu häufig hält er sich jetzt nicht im Studio auf. In Zeiten wo «zwei Meter Abstand» als Masseinheit gelten, ist es verboten, Leuten Nadeln mit Farbe unter die Haut zu drücken. «Das Tätowieren vermisse ich sehr», sagt der Mann, der bis zu den Fingern tätowiert ist. Als der Bundesrat den Lockdown verordnete, schluckte Valentin leer. «Es war, als ob mir die Nabelschnur abgeschnitten worden sei. Ich überlegte, ob ich mir Sorgen machen soll – und entschied mich dagegen.» Er könne auf Rücklagen zurückgreifen – zudem habe er immer an die Ausgleichskasse bezahlt. «Nun hoffe ich, dass wir Kleinen nicht vergessen werden und die Kasse dem Namen gerecht wird.»

In 35 Jahren als Tätowierer erlebte er Hochs und Tiefs. «Manchmal war ich über Monate ausgebucht. In schwächeren Zeiten lebte ich von erspartem.» Was ihn in heute nachdenklich stimmt, ist die Angst, die sich in den Köpfen der Leute festsetzen könnte. «Wer weiss, wie sich unser Gewerbe entwickelt. Würde ich an Elektromotoren arbeiten, wäre das egal. Aber ich arbeite an Menschen. Und der Mensch geht dem Menschen jetzt aus dem Weg. Vielleicht sind die Leute bald so traumatisiert, dass niemand mehr ein Tattoo-Studio betreten will. Aus Angst, sich anzustecken. Tattoos-Blut-Sekret, weisch wieni meine», überlegt er laut.

Existenzangst hat er keine. «Zum Tätowieren brauche ich nur einen Sonnenschirm, einen Tisch, zwei Stühle und meine Maschine», sagt der Optimist. Was ihm zu schaffen macht, ist der Rattenschwanz, der entsteht und ihn einschränkt. In seiner Freizeit, die er sonst gerne im Tessin verbringt, arbeitet er nun halt am Bauernhaus, in dem er zur Miete ist und er malt Bilder. Als zweites Standbein taugen die nicht, obwohl sie top sind. «Die verkaufe ich nicht, ich hänge zu sehr an ihnen», sagt er.

Valentin Steinmann in seinem Biodelic Art Tätowier-Studio in Sursee.

Valentin Steinmann in seinem Biodelic Art Tätowier-Studio in Sursee. 

Bild: Boris Bürgisser, 3. April 2020

Umarmung des Bruders als Balsam für die Seele

Über allem aber steht sein jüngerer Bruder Thomas, den er nun kaum sehen darf. «Er wohnt in der Stiftung Brändi in Horw. Thomas ist mit dem Downsyndrom geboren worden. Normalerweise verbringen wir ein Wochenende im Monat gemeinsam. Das ist ein Highlight für beide. Wenn es mir schlecht geht, genügt eine Umarmung von ihm, dann ist alles gut», sagt Valentin nun nachdenklich. Die Nähe seines Bruders täte ihm jetzt gut. «Wenn er mich besucht, begleitet ihn jemand vom Brändi zum Zug in Luzern. Thomas weiss, dass er beim ersten Halt aussteigen muss. Den Weg zu mir findet er alleine. Dann nimmt er da und dort ein Käfeli. Hier kennen ihn alle», erzählt er wieder lächelnd.

Am Karfreitag wäre es soweit. Aber Ostern dürfen sie nicht zusammen verbringen. Valentin wird nach Horw fahren und mit Thomas spazieren, ohne Berührung. «Das muss ich ihm erklären. Weisst Du, wenn wir zusammen sind, will ich ihm eine möglichst grosse Welt zeigen. Seine eigene ist klein. Ein Zimmer, die Arbeit, ein TV und das Velo.» Letzthin besuchten sie ein Konzert der Kastelruther Spatzen. «Die sind Helden für ihn. Seine Freude und Dankbarkeit war unbeschreiblich», sagt Valentin. Er freut sich, wenn er Thomas wieder in die grosse Welt mitnehmen darf – und besonders auf seine Umarmung.