VBL: «Autofahrer sind aggressiver»

Hektik, Stress, Passanten, die Scheiben zerstören – im Berufsverkehr gehts oft ruppig her. VBL-Chauffeur Hans Amgarten redet über heikle Situationen.

Interview Stephan Santschi
Drucken
Teilen
«Ich suche das persönliche Gespräch, wenn ich Missstände bemerke.» Hans Amgarten im Busdepot der Verkehrbetriebe Luzern (VBL). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich suche das persönliche Gespräch, wenn ich Missstände bemerke.» Hans Amgarten im Busdepot der Verkehrbetriebe Luzern (VBL). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Hans Amgarten, war Buschauffeur schon immer Ihr Traumberuf?

Hans Amgarten: Ich bin Mechaniker, doch mir war schon während der Lehre klar, dass ich schwere Fahrzeuge steuern will. Ich war für Obwaldner Unternehmen in ganz Europa als Lastwagen- oder Carchauffeur unterwegs. Ich genoss das ungebundene, freie Leben. Als ich heiratete und Vater wurde, kam der Wunsch nach Sesshaftigkeit. So kam ich zu den VBL.

Was braucht ein Busfahrer im Alltag?

Amgarten: Ruhe, auch im grössten Chaos. Freude am Fahren und an der Technik der Fahrzeuge. Belastbarkeit. Und die Bereitschaft, im Schichtdienst zu arbeiten – irgendwann zwischen 4.30 Uhr und 1.45 Uhr am nächsten Morgen.

Sie chauffierten 1981 erstmals einen VBL-Bus. Was hat sich seither getan?

Amgarten: Die Anzahl Autos und Fahrgäste hat sich enorm gesteigert. Unsere Arbeit ist viel belastender geworden. Als ich begann, waren wir 120 Chauffeure, heute sind es 340. Für das Unternehmen ist das eine schöne Sache.

Und für den Chauffeur?

Amgarten: Auch, ich freue mich, wenn ich eine volle Kiste habe (lacht). An einer Endstation gibt es auch mal ein paar Minuten Zeit für ein privates Gespräch.

Jüngst sind aber gleich an zwei VBL-Bussen Scheiben zertrümmert worden.

Amgarten: Rechnen muss man mit allem. Auch mit tätlichen Angriffen oder Anspucken durchs Fenster. Solche Dinge nahmen zu, sind aber weiterhin Ausnahmen. Grundsätzlich wächst das Verständnis der meisten Fahrgäste für unsere Arbeit, es gibt direkt an den Chauffeur weniger Reklamationen als früher. Vielleicht liegt dies auch daran, dass Beschwerden direkt ans Unternehmen gerichtet werden – via E-Mail oder Telefon.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Amgarten: Wenn mich jemand primitiv angeht, versuche ich mich in ihn hineinzuversetzen. Verpasst der Passagier den Zug, liegt das nicht an mir, sondern den Umständen auf der Strasse. Klar bin ich auch mal kurz angebunden, grundsätzlich versuche ich dem verärgerten Fahrgast aber anständig zu antworten. Ich suche auch das persönliche Gespräch, wenn ich Missstände bemerke. Wenn ein Fahrgast steht, die Zeitung liest und sich nicht festhält etwa. Oder wenn Mütter den Kinderwagen quer in den Gang stellen und sich zu einem Schwatz mit einer Freundin setzen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sich ihr Kind bei einer Vollbremsung verletzen könnte. Der Kinderwagen fliegt nach vorne und die Menschen wie Säcke hinterher. Chauffeure mit einem ruppigen Fahrstil haben übrigens weniger stürzende Personen im Bus, da diese sich eher festhalten, als bei Busfahrern, die zart bremsen.

Fahren Sie also absichtlich ruppig?

Amgarten: Nein (lacht). Das lässt mein Berufsstolz nicht zu.

Buschauffeure wirken mitunter gehetzt. Verleitet der Zeitdruck des Fahrplans zu hektischem Fahren?

Amgarten: Wenn der Busfahrer in die Verspätung kommt, hat er schon damit zu kämpfen. Dann will er auf Biegen und Brechen aufholen. In meiner Funktion als Begleiter von Busfahrschülern weise ich aber darauf hin, dass sie den Fahrplan vergessen müssen. Wenn die Strasse verstopft ist wie etwa im Stossverkehr vom Autobahnzubringer in Buchrain nach Inwil, lässt sich das nicht ändern. Wegen der Verspätung erhält man vom Unternehmen keinen Rüffel. Die Sicherheit der Fahrgäste steht im Vordergrund.

Wie hat sich das Verhalten der Autofahrer verändert?

Amgarten: Es ist aggressiver geworden, die Rücksichtslosigkeit ist teilweise massiv. Vor allem morgens fahren die Menschen mit einer Hektik an die Arbeit, dass man meinen müsste, sie hätten etwas gestohlen. Sie überlegen sich nicht, was Busse transportieren – nämlich Menschen. Wenn ich an eine rote Ampel fahre und sich Fahrzeuge vor den Bus drängen, verkürzt sich mein Bremsweg um 15 Meter. Auf der Pilatusstrasse in Luzern Richtung Bahnhof spielen sich haarsträubende Szenen ab. Die Autofahrer wissen nicht, dass sie haftbar gemacht werden können, wenn sich im Bus jemand wegen einer Vollbremsung verletzt. Auffällig ist aber, dass es kein Problem ist, sich von der Haltestelle in den Verkehr einzufädeln – das funktioniert in Luzern bestens.

Stichwort Vollbremsung: Wann ist es für Sie richtig brenzlig geworden?

Amgarten: Zirka vor einem Jahr an der Haltestation Maihof auf der Linie 23. Eine Frau fiel vom Trottoir bei der Haltestelle direkt vor meinen Bus. Wenn ich zwei oder drei Stundenkilometer schneller unterwegs gewesen wäre, hätte ich sie überfahren. Im Bus gab es acht Leichtverletzte. Alle hatten sehr viel Glück.

Wie gehen Sie damit um?

Amgarten: Ich mache seit neun Jahren mentales Training. Das hilft mir, mich wohl zu fühlen. Die VBL bieten hierzu ein sehr gutes Angebot. Daneben führe ich Gespräche am Arbeitsplatz und zu Hause mit meiner Frau. So kann ich immer sehr gut schlafen. Ich habe immer noch den Plausch an meiner Arbeit.

Welche Einsätze müssten nicht sein?

Amgarten: Der Transport von Gäste-Fans bei Spielen des FC Luzern. YB-Anhänger demolierten einst Scheiben an Fenstern und Türe. Angst habe ich aber nicht. Ich oute mich vor der Fahrt jeweils als Fan ihrer Mannschaft. Mit dieser Lüge habe ich vielleicht schon die eine oder andere Eskalation verhindern können. Sorgen macht mir aber noch etwas anderes, nämlich die Gedankenlosigkeit der Fussgänger. Mit Kopfhörern in den Ohren und Blick auf das Handy überqueren sie die Strasse. Dabei ist der Sichtkontakt zum Autofahrer doch das Wichtigste!

Hinweis

Hans Amgarten (60) stammt aus Lungern OW, er lebt mit seiner Frau Lisbeth in Luzern und ist Vater von zwei erwachsenen Kindern. Der gelernte Mechaniker ist seit 1981 Chauffeur bei den Verkehrsbetrieben Luzern (VBL). Zudem bildet er junge Chauffeure aus. Zwischenzeitlich war er acht Jahre lang Sachbearbeiter einer Versicherung.