Interview

Veloreisende aus Buchrain müssen zweijährige Tour kurz vor dem Ziel abbrechen

Die Luzerner Adrian Müller und Fabian Keller waren seit Mai 2018 mit dem Velo unterwegs. Ihr Ziel: Vom nördlichsten Punkt Europas zum südlichsten Punkt Afrikas radeln. Wenige Wochen vor ihrem Ziel wurde ihre Reise abrupt beendet. So erlebten sie ihre letzten Tage in Afrika.

Reto Fehr / Watson
Drucken
Teilen

Adrian Müller und Fabian Keller erlebten turbulente letzte Wochen. Eigentlich hätten sie ihre über zweijährige Velotour vom Nordkap durch Europa und der afrikanischen Westküste entlang im Juni in Kapstadt beenden wollen. Das Coronavirus machte den beiden aber einen Strich durch die Rechnung.

Adrian Müller (links) und Fabian Keller waren auf Reisen. Jetzt hat sie das Coronavirus gestoppt.

Adrian Müller (links) und Fabian Keller waren auf Reisen. Jetzt hat sie das Coronavirus gestoppt.

Bild: PD

Zurück in der Schweiz haben wir die beiden in Buchrain erreicht. Sie erzählen von den Verhältnissen in Namibia, wo sie sich zuletzt aufhielten, ihren anstrengenden letzten Wochen mit viel Ungewissheit und Entscheiden, die plötzlich getroffen werden mussten.

Adrian und Fabian, ihr seid erst vor wenigen Tagen aus Namibia in die Schweiz zurückgekehrt. Was ist der grosse Unterschied zwischen Afrika und der Schweiz im Umgang mit dem Coronavirus?

Ehrlich gesagt waren wir überrascht, wie «locker» das hier in der Schweiz genommen wird. Ich war schon in drei verschiedenen Ladenketten einkaufen. Da steht vielleicht ein Security am Eingang oder es werden Nummern verteilt. In Windhoek (Anm.d.Red.: Hauptstadt Namibias) dagegen stand ich zwei Stunden an, um in eine Apotheke zu kommen. Da steht dann auch bei jedem Laden ein Mitarbeiter, der dir Desinfektionsmittel in die Hände sprayt. Es wirkt hier alles viel weniger strikt.

Das hätte ich nicht gedacht. Dabei meldete Namibia bisher nur 16 Fälle. Kann die Zahl stimmen?

Schwierig zu sagen. Auch Einheimische konnten uns keine Antwort darauf geben. Was dafür spricht: Namibia zählt rund 2,5 Millionen Einwohner – auf einer Fläche von fast Deutschland und Frankreich zusammen. Es ist also überhaupt nicht dicht bevölkert.

Trotzdem seid ihr abgereist. Wie lief das?

Es war ein «Chrampf». In den zwei Wochen vor unserer Rückkehr sind wir nie mehr richtig zur Ruhe gekommen. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Wir haben eigentlich bis kurz davor nie gedacht, dass wir in die Schweiz zurückkehren müssen.

Warum?

Als sich das Coronavirus immer mehr ausbreitete und wir Namibia erreichten, war der Plan, dass wir da zwei bis drei Monate bleiben würden, bis die Situation hoffentlich wieder besser wird. Wir zogen eine Rückkehr eigentlich nicht in Erwägung. Auch hatten wir kurz zuvor noch Kontakt mit dem Schweizer Konsulat, die Lage wirkte entspannt.

Was hat eure Meinung geändert?

Wenige Tage nach dem Telefonat mit dem Konsulat rief uns eine Mitarbeiterin an, hat uns «strengstens empfohlen», sofort nach Windhoek zu kommen und von dort aus zurück in die Schweiz zu fliegen. Wir konnten einfach nicht mehr einschätzen, wie es hier weitergehen würde. In Namibia gibt es verschiedene Alarmstufen, bei unserer Abreise lag sie bei 2,5 – ab der 2 müssen alle Touristen das Land verlassen. Bei Stufe 3 hätte das EDA uns wohl holen müssen.

Wir kommen nochmals auf diese hektischen Tage zurück. Aber erzählt erst Mal vom ursprünglichen Plan.

Wir starteten im Mai 2018 am Nordkap, dem nördlichsten Punkt Europas. Ziel war es, mit dem Velo rund 35'000 Kilometer bis nach Kapstadt zu radeln. Bei 31'000 Kilometern wurden wir gestoppt. Eigentlich wäre es nur noch ein Katzensprung bis zum Ziel gewesen. Anfang Juni sollten wir ankommen.

Diese Strecke legten die beiden schon zurück.

Diese Strecke legten die beiden schon zurück.

Bild: cape2cape.org

Aber dann breitete sich das Coronavirus auf der Welt aus. Wann und wie habt ihr davon erfahren?

Das war im Februar in Angola während einem Telefonat mit der Familie in der Schweiz. Wir nahmen es noch nicht so ernst, das war alles noch sehr weit weg.

Wie habt Ihr euch danach informiert?

Vor Luanda (Anm.d.Red.: Hauptstadt Angolas) hatten wir selten gute Internetverbindungen. Durch Whatsapp mit Freunden und Familie bekamen wir die Entwicklung etwas mit. Zudem sind wir in einem Chat für Reisende in Westafrika, da gab es auch immer mal wieder Infos.

Und wann war euch klar: Das könnte unsere Reise auch betreffen?

Als Luzerner achten wir natürlich auf die Fasnacht. Unsere fand noch statt, aber als dann Anfang März die Basler Fasnacht abgesagt wurde, da wurde uns bewusst: Jetzt ist's ernst. Danach waren wir überrascht, wie schnell das dann alles in der Schweiz ging mit den Massnahmen. Etwa zur gleichen Zeit wurde in Namibia der internationale Flughafen praktisch geschlossen.

Hattet ihr da Bedenken, dass ihr vielleicht nicht nach Namibia einreisen könntet?

Nein, eigentlich nicht. Wir hörten zwar von Reisenden, die von Süden her kamen, dass an der Grenze jetzt mehr Fragen gestellt und teilweise Fieber gemessen wurde, aber es schien sich noch im Rahmen zu halten.

War es dann auch so?

Ja, die Grenze nach Namibia überquerten wir eigentlich problemlos. Die Zöllner trugen zwar teilweise Masken – allerdings meist nur um den Hals, nicht über Mund und Nase – und Fieber wurde stichprobenartig gemessen, aber sonst lief alles so reibungslos, wie es an afrikanischen Grenzen halt möglich ist.

Bild: PD

Ich hörte von Afrika-Reisenden, die berichten, dass die lokale Bevölkerung ihnen «Corona» nachrief – und das nicht in einem freundlichen Ton.

Uns wurde dies nur ein- oder zweimal zugerufen, aber das war nicht so ernst. An der Grenze zu Namibia schimpfte allerdings eine Frau mit uns, was wir (Europäer) alles nach Afrika bringen. Sie meinte das schon auch ernst, aber halt auch noch witzig, wie das in vielen Teilen Afrikas dazugehört.

Unangenehm wurde es nie?

Nein, bei uns nicht. Namibia ist aber auch eines der am besten entwickelten Länder des Kontinents. Wir hörten schon auch von Szenen in Nigeria, Tansania oder der Elfenbeinküste, wo es dann gefährlich wurde.

Was geschah da?

In Nigeria wollte ein Reisender ins Spital, weil er an Malaria litt. Er wurde abgewiesen, weil man das Coronavirus vermutete. Er starb wenige Tage später. Und an der Grenze in Tansania soll ein Chinese festgehalten worden sein. Auch er wurde als «Corona-Bringer» beschuldigt. Andere wurden mit Gegenständen beworfen und so fortgejagt. Aber wie gesagt: Wir haben das nur gehört und können nicht bestätigen, dass es tatsächlich so war. Gegenüber uns waren alle immer sehr freundlich.

Was war euer ursprüngliche Plan in Namibia?

Wir fuhren ziemlich direkt nach Windhoek. Der Plan war, dass Adrians Familie uns besuchen und wir zwei Wochen mit dem Mietauto herumfahren. Der Flug aus der Schweiz wurde dann aber gestrichen, das Mietauto konnten wir nicht abholen. Wir fanden dann einen kleinen Anbieter, bei dem wir ein Auto mieten konnten und wollten die ursprüngliche Tour zu zweit unternehmen.

Wie war das?

Es war schon schräg. Fast niemand war mehr unterwegs. Wir hörten, dass schon zehn Prozent der Arbeitnehmer ihren Job verloren, weil keine Touristen mehr da sind. Das hat grössere Auswirkungen als bei uns. Mitarbeiter einer Lodge wohnen oft auch dort. Sie verloren dann also auch gleich ihre Unterkunft. Und Arbeitslosenversicherungen gibt es keine.

Aber eure 14-tägige Tour konntet ihr beenden?

Nein, auch das nicht. Wir waren gerade im Etosha Park, als unser Autovermieter uns erreichte und sagte, wir müssen das Auto sofort, also am gleichen Tag, in Windhoek abliefern. Das wären rund 450 Kilometer gewesen. Grund dafür war, dass die Region um Windhoek abgesperrt wurde. Immerhin konnten wir aushandeln, dass wir das Auto etwa in der Mitte der Distanz zurückgeben konnten.

Was wurden in Namibia sonst noch für Massnahmen beschlossen?

Der Präsident sprach ein Alkoholverbot aus und schloss alle Bars. Vermutlich um insbesondere in Townships nicht auch noch durch Alkoholkonsum die Stimmung zu beeinflussen und um Gruppenansammlungen zu verhindern.

Wie wurden diese Massnahmen kommuniziert?

Im Radio wurden diese fünf Tage vorher angekündigt. Etwas paradox ist: Dadurch wussten alle Arbeiter in Windhoek und grösseren Städten, dass sie bis dann in ihre ursprüngliche Heimat und zu ihren Familien zurückkehren sollten, weil sie sonst nicht mehr aus der Region kämen. Es folgte eine regelrechte Flucht aus den Städten, es gab mehr Unfälle und das Virus könnte so natürlich definitiv in alle Landesteile gelangen.

Wie halten sich die Leute an die Massnahmen?

Soweit wir dies in den besuchten Gebieten beurteilen können: ziemlich gut. Durch die Ebola-Krise wissen die Einwohner auch, dass man sowas ernst nehmen muss. Und vor allem sehen sie keine Touristen mehr. In einem Land wie Namibia, das stark vom Tourismus abhängig ist, wird dann allen klar, dass dies grosse Auswirkungen haben wird. Auch für viele Farmen fallen so Einnahmen weg, weil viele nebenbei auch noch Zimmer vermieteten.

Bild: PD

Wie ging es für euch auf halbem Weg nach Windhoek ohne Auto weiter?

Wir wollten auf einer Lodge im Norden abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt. Aber der Besitzer hatte bereits alle Mitarbeiter entlassen und schloss seine Farm. Er bekam kalte Füsse, dass er uns dann hätte umsorgen müssen und sagte ab. Wir diskutierten also wieder unseren Plan. Eine Rückkehr nach Hause war keine Option. Wir entschieden uns, in den Norden zu fahren nach Tsumeb. Dort kannten wir noch ein Schweizer Pärchen auf einem Campingplatz.

Gab es in Tsumeb denn keine Einschränkungen?

Nein, da konnte man sich noch frei bewegen. Wir erreichten den Ort mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Polizist sass neben uns und bot uns an, dass wir auch zu ihm kommen könnten. Wie gesagt: Die Freundlichkeit war immer wieder grossartig.

Ihr wart also da im Kupferquellen Resort. Was passierte dann?

Der Besitzer bot uns an, dass wir uns ohne Aufpreis in einem Apartmentzimmer einquartieren können. Doch dann kam der eingangs erwähnte Anruf vom Konsulat. Am nächsten Morgen mussten wir abreisen.

Wie seid ihr nach Windhoek gekommen, da war jetzt ja alles zu?

Das Schweizer Pärchen fuhr auch in den Süden, da konnten wir mitfahren bis zum Checkpoint. Sonst wäre es schwierig geworden. Am Checkpoint wurden wir abgeholt und nach Windhoek gebracht.

Wann war der Rückflug geplant?

Das wussten wir nicht. Es hiess, dass am nächsten Tag noch einer gehe, wir dort aber keinen Platz hätten. Es waren nur noch Flüge nach Frankfurt und München möglich. Diese wurden mit gestrandeten Deutschen gefüllt und falls es noch Plätze hatte, konnten Schweizer mit, von denen angeblich noch rund 50 im Land waren. Wir waren also eigentlich Stand-by am Flughafen.

Wann konntet ihr fliegen?

Wenige Tage danach erfuhren wir, dass wir im (wohl) zweitletzten Flugzeug Platz haben werden.

Wie verlief der Flug?

Die Maschine war vielleicht zu drei Vierteln gefüllt, davon rund 15 bis 20 Schweizer. Neben uns sass ein Deutscher, der seit drei Jahren in Namibia lebte, aber dessen Visum nicht mehr verlängert wurde. Er musste ausreisen, obwohl er in Deutschland nichts mehr hat. Das ist brutal, gab uns aber auch das Gefühl, richtig entschieden zu haben. Unser Visum wäre im Juni abgelaufen. Was, wenn es dann nicht verlängert worden wäre? Und wenn die allgemeine Stimmung kippt, könnte es gefährlich werden.

Und wie war's emotional?

Schwierig. Vier Tage vor dem Abflug war die Rückreise für uns kein Thema. Wir wurden aus unserem zweijährigen Abenteuer rausgerissen. Du kommst zwar heim, aber weisst, dass du deine Angehörigen und Freunde doch nicht einfach wiedersehen und umarmen kannst.

Wie ging es in Frankfurt weiter?

Wir mussten die Heimreise selbst organisieren, das Ticket war aber auch für den Zug gültig. Da dieser erst am nächsten Morgen fuhr, übernachteten wir in einer Ecke im Transitbereich des Flughafens. Da war praktisch niemand mehr. Übrigens: Fabian wäre fast nicht über die Grenze gekommen. Weil eigentlich müssen Ausländer am gleichen Tag wieder aus Deutschland ausreisen, unser Zug ging aber erst am nächsten Tag. Die Zöllner drückten dann ein Auge zu.

Bild: cape2cape.org

Und wie waren die ersten Stunden und Tage zurück in der Schweiz?

Wir waren überrascht, wie wenig am Flughafen kontrolliert wurde und dass wir nie auf Fieber getestet wurden. Wie gesagt: In Afrika lief das alles viel strikter.

Wie geht es jetzt weiter?

Gute Frage. (lachen). Wir sind noch am Ankommen. Vor unserem Abenteuer haben wir unsere Habseligkeiten bei den Eltern eingestellt. Fabian wohnt jetzt bei seiner Schwester, Adrian bei den Eltern.

Und wie fühlt sich das an?

Eigentlich ist uns hier ja alles vertraut, aber es ist schon eine spezielle Situation. Allerdings haben wir es uns schlimmer vorgestellt. Zum einen erwarteten wir nach dem radikalen Umgang mit Massnahmen in Afrika hier auch eine strengere Handhabung. Zum anderen verzichteten wir in den letzten zwei Jahren auf sehr viel Luxus. Unsere Kollegen sahen wir ja vorher auch nicht und hätten sie erst im Juni wieder gesehen.

Bild: PD

Aber es ist schon doof: Jetzt seid ihr da, aber könnt nichts machen.

Ja, klar würden wir gerne in eine Bar gehen uns mit Leuten treffen. Aber vielleicht ist dieses «langsame Ankommen» auch gut. Wir sind auf der Reise extrem anpassungsfähig geworden durch die vielen Wechsel von Ländern, Sprachen und Kulturen. Das hilft jetzt sehr.

Ihr seht es positiv. Hilft da auch die Afrika-Erfahrung, dass überspitzt gesagt nichts funktioniert, aber am Ende alles möglich ist?

Ja, positives Denken haben wir vor allem in Afrika gelernt. Wir wissen, dass es immer einen Weg gibt.

Und wie geht euer Weg nach Kapstadt weiter?

Klar fuchst es uns, dass wir nur noch einen Katzensprung vor dem Ziel gestoppt wurden. Aber es betrifft alle, wir sitzen alle im gleichen Boot. Und wir waren wenigstens zuvor zwei Jahre unterwegs und erlebten extrem viel. Wir hörten von einem, der jetzt gerade ein ähnliches Abenteuer hätte starten wollen. Der hat alles gekündigt und ist abgereist – nur um wenige Tage später wieder mit Nichts zurückzukehren.

Es hätte euch schlimmer treffen können.

Auf jeden Fall. Auch ist Namibia ein Land, in welchem wir gut wieder anfangen können. In Nigeria oder dem Kongo wäre dies wohl umständlicher geworden. Wir freuen uns auf jeden Fall auf den letzten Teil unserer Reise ans Kap Agulhas (südlichster Punkt Afrikas) und Kapstadt.