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Randale im Asylzentrum «Grosshof»: Kanton räumt Fehler ein

Die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen hat Anfang Jahr viel Kritik im Umgang mit den minderjährigen Asylsuchenden geerntet. Jetzt räumen die Verantwortlichen Fehler ein.
Yasmin Kunz
Blick aufs Asylzentrum Grosshof in Kriens. (Bild: Nadia Schärli, 24. November 2017)

Blick aufs Asylzentrum Grosshof in Kriens. (Bild: Nadia Schärli, 24. November 2017)

Die Sonne scheint auf den Innenhof, auf dem sich zwei Pingpong-Tische befinden. Die Velos stehen in Reih und Glied im Unterstand. Die Jugendlichen sind in der Schule, als wir das Durchgangszentrum Grosshof in Kriens besuchen. Generell sei die Atmosphäre deutlich entspannter, sagt Michael Untersee, der Zentrumsleiter ad interim, bei einem Rundgang durch die drei Trakte.

Vor wenigen Wochen war das noch ganz anders. Rückblick: Mitte Januar randalierten rund 20 von 90 minderjährigen Asylsuchenden (MNA), weil ihnen die wirtschaftliche Sozialhilfe gekürzt wurde. Grund für die Reduktion war ein anderes Verpflegungssystem. Neu wurde für die Jugendlichen gekocht. Weil sie für die Mahlzeiten nicht mehr selber aufkommen mussten, brauchten sie auch weniger Geld.

Die Luzerner Polizei musste wegen der Ausschreitungen mit mehreren Einsatzkräften zweimal in Folge ausrücken. In ihrer Unzufriedenheit haben die Jugendlichen mehrere Gegenstände demoliert und einen Sachschaden in unbekannter Höhe angerichtet. Auf Wunsch der MNA fand nach den Ausschreitungen ein Gespräch mit Silvia Bolliger, der Dienststellenleiterin Asyl und Flüchtlingswesen (DAF), statt. Das Hauptanliegen der Jungen: mehr Mitspracherecht (wir berichteten).

Bolliger: «Anpassungen brauchen Zeit»

Was hat sich seither geändert? Noch vor Wochen hiess es seitens der Jugendlichen, es sei alles noch beim Alten. Doch nun hat sich einiges geändert, wie ein Blick hinter die Kulissen zeigt. «Die Anliegen der Teenager haben wir ernst genommen, Anpassungen brauchen aber Zeit und können nicht von heute auf morgen realisiert werden», erklärt Bolliger. «Das haben wir auch den Bewohnern gegenüber so kommuniziert.»

Die Jugendlichen wünschten sich etwa eine neue Zimmereinteilung. So, dass jene, die früh aufstehen müssen, im gleichen Raum untergebracht sind. Seit kurzem sind die Gruppen neu und nach den Wünschen der minderjährigen Asylsuchenden eingeteilt. «Nicht alle wollten neue Gspändli, aber jene, die das wollten, sind nun zufrieden», bilanziert Untersee diese Anpassung.

Warum brauchte die Umteilung so viel Zeit? Untersee: «Mit der neuen Zimmereinteilung haben wir absichtlich zugewartet, bis jene, die in den Monaten Januar und Februar ihre Volljährigkeit erreichten – was einige betraf – ausgezogen sind. Der Auszug von 16 volljährigen MNA hat neue Möglichkeiten geschaffen.» Ausserdem habe man noch den Frühlingsputz abgewartet, fügt Untersee mit einem Lachen an.

Man will nun aber nicht alles beschönigen. Michael Untersee und Silvia Bolliger sind sich bewusst, dass nach dem Umzug im November nicht alles rund gelaufen ist – und sie räumen auch Fehler ein: «Nach der Züglete in den Grosshof, wo zwei Zentren zusammengelegt wurden, hatten wir uns zu wenig Zeit genommen für die Anliegen der Jugendlichen», sagt Bolliger. Fehlende Zeit seitens Betreuer sei die Hauptursache für die angespannte Stimmung gewesen. «Der Umzug hat uns alle sehr gefordert, da er innerhalb einer Woche über die Bühne musste.» Man habe den Kopf zu wenig frei gehabt, sich um die Bedürfnisse der MNA zu kümmern, geben sie zu.

Die Zeit des «Einlebens» ist nach einem halben Jahr vor­über, die Wogen sind geglättet, Ruhe ist eingekehrt. Doch Zeit allein kittet keine Gräben, die während des Umzugs zwischen den Betreuern und den MNA entstanden sind. Das wussten auch Silvia Bolliger und Michael Untersee.

Jugendliche können Fragen deponieren

Für beide war klar, dass sie den jungen Menschen mehr Mitspracherecht einräumen müssen. So hat man den sogenannten Bewohnerrat eingeführt. In den Wohngruppen deponieren die Asylsuchenden nun einmal monatlich ihre Wünsche und Probleme samt Lösungsvorschlägen. Themen wie Ämtli, Waschen und Putzen stehen auf dieser Liste, welche in der Cafeteria hängt. «Dieses System kommt bei ihnen gut an und führt uns auch vor Augen, was sie beschäftigt», hält Untersee fest. Ein Jugendlicher wollte etwa wissen, warum er während seines Spitalaufenthalts kein Essensgeld bekommen hat. Solche Fragen werden in dieser Runde geklärt. Falls nötig werden Dolmetscher hinzugezogen. Der Einbezug der MNA in Entscheidungen und Abläufe in ihrer Unterkunft war vor den Ausschreitungen kaum vorhanden. Nun scheint das zentrale Anliegen der Jugendlichen erfüllt, wie auch Bolliger und Untersee bestätigen: «Die Jugendlichen sind besser in Entscheidungen eingebunden, können mehr mitgestalten – haben also mehr Mitspracherecht.»

Auch der Betreuungsschlüssel sei in den vergangenen Wochen gestiegen, weil bei weniger Asylsuchenden noch gleich viel Betreuungspersonen vor Ort sind. Nicht nur unter der Woche sind sie enger betreut, auch an den Wochenenden werden nun gemeinsam Ausflüge gemacht. Kürzlich waren die Teenager auf der Rigi und im Tierpark Goldau. Finanziert werden solche Anlässe über Spendengelder und aus dem Topf der DAF.

Neues Sanktionssystem

Auch bei den Sanktionen gibt es Änderungen: Der zweiseitige Bussenkatalog, welcher beim Haupteingang hängt, soll überarbeitet werden, sagt Dienststellenleiterin Silvia Bolliger. Genauere Erklärungen zu den Hintergründen gibt Judith Koch. Sie ist Fachspezialistin bei der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen. «Wir wollen neu mit einem Anreizsystem arbeiten. Kinder und Jugendliche können durch ein gutes Verhalten und abhängig von der individuellen Reife in eine höhere Stufe aufsteigen und sich Vorteile erarbeiten.» Heisst: Je höher die Stufe ist, auf der sie sich befinden, desto mehr persönliche Privilegien können ihnen gewährt werden.» Wer die Regeln befolgt, darf etwa länger in den Ausgang. Bricht er dann eine Regel, kann ihm als Sanktion die zusätzliche Zeit wieder gestrichen werden. Dieses Sanktionssystem, betont Koch, wurde nicht aufgrund der Vorfälle im Januar umgesetzt. «Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitarbeitenden des Grosshofs, ist schon länger dabei, ein System zu realisieren, welches auf Anreizen basiert. Die Erarbeitung und anschliessende Umsetzung braucht allerdings Zeit.» Einige MNA konnten bereits länger in den Ausgang «und das hat mit wenigen Ausnahmen auch gut funktioniert», fügt Zentrumsleiter Michael Untersee an. Stellt sich die Frage, ob Geldstrafen bald ganz aus dem «Grosshof» verschwinden werden. «Nein», sagt Bolliger. «Es wird auch künftig Vergehen geben, die mit Bussen geahndet werden.» Der Konsum von Drogen etwa habe weiterhin Sackgeldkürzungen zur Folge. Man hoffe aber, künftig weniger oft monetär sanktionieren zu müssen. «Grundsätzlich ist es so, dass die Betreuer immer zuerst das Gespräch suchen», hält Untersee fest. Des Weiteren weiss er, dass «die meisten sich an die Hausregeln halten». (kuy)

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