Verein setzt sich mit Dankesaktion an Luzerner Bushaltestellen für Gehbehinderte ein

Um Gehbehinderten den Zugang zu Bussen zu erleichtern, führt der Kanton Luzern schrittweise erhöhte Haltekanten ein. Busfahrer stellt dies vor eine neue Herausforderung.

Pablo Mathis
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Der Verein Hindernisfrei Bauen Luzern verteilte am Mittwoch «Nervenfutter» für die rund 800 Busfahrer im Kanton Luzern.

Der Verein Hindernisfrei Bauen Luzern verteilte am Mittwoch «Nervenfutter» für die rund 800 Busfahrer im Kanton Luzern.

Bild: Boris Bürgisser (12.August 2020)

Der Einstieg in einen Bus stellt für Gehbehinderte einen täglichen Hindernisparcours dar. Nach Betätigen des Rollstuhlknopfes klappt der Busfahrer die kleine Rampe zum Bus herunter. Daraufhin schiebt der Chauffeur den Gehbehinderten in den Bus. All dies macht die Busfahrt für Gehbehinderte zu einem zeitintensiven Unterfangen, bei dem sie stets auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Damit soll jetzt Schluss sein. Im Kanton Luzern werden Bushaltestellen schrittweise mit einer 22 Zentimeter hohen Trottoirkante ausgestattet. Mit dieser Massnahme wird versucht, das 2004 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) zu erfüllen. Das BehiG verlangt, dass bis 2024 gehbehinderte Personen selbstständig öffentliche Verkehrsmittel benutzen können. Damit dies gelingt, braucht es neben den höheren Haltekanten auch viel Geschick der Busfahrer. Denn, um den Einstieg für Rollstuhlfahrer zu ermöglichen, müssen die Busfahrer auf mindestens 7,5 Zentimeter an die Haltekante heranfahren. Unter Zeitdruck ist das kein leichtes Unterfangen. Deswegen absolvieren die Busfahrer hierfür eine Weiterbildung.

«Modernes Bauen heisst hindernisfreies Bauen»

Am Mittwoch haben sich Menschen mit einer Gehbehinderung für den Einsatz der Busfahrer bedankt. Barbara Schwegler Peyer, Präsidentin des Vereins Hindernisfrei Bauen Luzern (HBLU), übergab dem Busfahrer Thomas Berger ein Päckchen getrockneter Früchte als «Nervenfutter». Der Verein setzt sich seit 1987 für ein hindernisfreies Bauen im öffentlichen und privaten Bereich ein. Ziel ist es dabei, das Leben behinderter Personen zu erleichtern. Um die durch das BehiG verlangten Ziele zu erreichen, arbeitet der Verein auch mit Behörden zusammen und berät diese. «Modernes Bauen heisst hindernisfreies Bauen», lautet indes auch das Motto von Präsidentin Schwegler Peyer.

Als Dank für die schwierigen Anfahrten erhalten die Busfahrer «Nervennahrung».

Als Dank für die schwierigen Anfahrten erhalten die Busfahrer «Nervennahrung».

Bild: Boris Bürgisser; (12.August.2020)

Spezielle Haltekante soll Abhilfe schaffen

Zurück zu den Bushaltestellen: Beim Heranfahren müssen die Busfahrer eine Gratwanderung vollbringen. Zum einen müssen sie möglichst nahe an den Bordstein heranfahren, zum anderen dürfen sie auch nicht zu nahe sein, da sie sonst die Felgen zerkratzen. Weiter laufen sie bei zu geringem Abstand auch Gefahr, beim Absenken des Busses die Karosserie zu beschädigen.

Das «Zürich Board» an der Haltestelle Langensandstrasse Schönbühlcenter.

Das «Zürich Board» an der Haltestelle Langensandstrasse Schönbühlcenter.

Bild: Stadt Luzern

Um den Busfahrern die Anfahrt zu erleichtern, entschied sich die Stadt Luzern für einen sogenannten «Zürich Board». Das in Zürich entwickelte Modell einer Haltekante ist am Übergang zur Strasse ausgerundet und erleichtert so die Anfahrt. Im Übergang zum Trottoir befindet sich eine Aussparung, welche ein Herabsenken des Busses ohne Beschädigung der Karosserie ermöglicht.

Rückstand trotz 20-jähriger Frist

Der Schein an der Bushaltestelle Industriestrasse in Hochdorf trügt. Ein Blick zur Trottoirkante offenbart: Die Bushaltestelle wurde noch nicht auf die neue Norm umgerüstet. Auch Busfahrer Thomas Berger besitzt noch keine Erfahrungen mit den neuen Randsteinen.

Barbara Schwegler Peyer, Präsidentin des Vereins Hindernisfrei Bauen Luzern, zusammen mit Busfahrer Thomas Berger und Menschen, die von einer höheren Haltekante profitieren.

Barbara Schwegler Peyer, Präsidentin des Vereins Hindernisfrei Bauen Luzern, zusammen mit Busfahrer Thomas Berger und Menschen, die von einer höheren Haltekante profitieren.

Bild: Boris Bürgisser; (12.August.2020)

Ein Blick auf die Zahlen erklärt dies: Von insgesamt 879 Bushaltestellen im Kanton sind erst wenige umgerüstet worden. Auch die Stadt Luzern hinkt hinterher. Nach einer umfangreichen Prüfung wurden 81 Bushaltestellen für eine Umrüstung identifiziert. Von diesen wurden lediglich acht umgerüstet. Bei 43 Haltestellen wird auf eine Modifikation verzichtet. Auf eine Umrüstung wird laut Stadt Luzern verzichtet, wenn der hindernisfreie Zugang zur Haltestelle nicht gewährleistet ist oder die Längsneigung der Bushaltestelle über sechs Prozent beträgt.

Stadt rechnet erst 2029 mit letzten Umbauten

Bei solchen Zahlen wundert es also nicht, dass die Stadt Luzern erst 2029 mit der Realisierung der letzten Umbauten rechnet. Die Kosten der behindertengerechten Haltestellen werden mit einer möglichen Abweichung von 30 Prozent auf rund 21,9 Millionen Franken geschätzt.

Auf die Frage hin, weshalb trotz 20-jähriger Frist kaum Haltestellen umgerüstet wurden, antwortete Barbara Schwegler Peyer: «Wahrscheinlich ist gerade die grosszügige Frist von 20 Jahren das Problem. So wurde die Umsetzung immer weiter nach hinten verschoben. Weiter mag wohl auch die Ansicht, dass die Randsteine lediglich Gehbehinderten dienen, eine Rolle gespielt haben.» Doch gerade dies stimme so nicht. Neben Gehbehinderten stellen die hohen Bordsteine auch für ältere Menschen eine Erleichterung dar.