39-Jähriger soll Angestellte vergewaltigt haben – Staatsanwalt beantragt 38 Monate

Ein Italiener soll eine Angestellte aus dem Kanton Luzern vergewaltigt haben. Laut Verteidiger will sie diesen zerstören und sich bereichern.

Roger Rüegger
Hören
Drucken
Teilen

Die Anschuldigung der Anklage und der Vortrag der Verteidigung sind an Verhandlungen nie identisch. Am Luzerner Kriminalgericht haben die Parteien am Montag jedoch «zwei diametral völlig auseinandergehende Geschichten präsentiert», wie der Verteidiger feststellte.

Es ging um Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und Nötigung. Die Protagonisten, ein Italiener (39) und eine Schweizerin (28), waren sich nicht einig, ob sie eine Beziehung miteinander hatten oder nicht. Selbst die Frage, ob der Beschuldigte einen Schlüssel zu ihrer Wohnung besass, konnte nicht klar beantwortet werden.

Zweimal vergewaltigt, einmal versucht

Der Mann hat gemäss der Luzerner Staatsanwaltschaft 2014 seine damalige Angestellte zweimal vergewaltigt. Er soll sie in ihrer Wohnung in einer Luzerner Landgemeinde mit Gewalt oder zumindest gegen ihren Willen zum Beischlaf gedrängt haben. Ein weiteres Mal blieb es in seiner Firma beim Versuch. Ein anderer Vorfall spielte sich ebenfalls dort ab: Nach einem Wortwechsel soll sich die Frau in der Toilette verschanzt haben. Um sie herauszuholen, soll der Beschuldigte eine Lösung aus Ammoniak verschüttet haben. Schliesslich habe er versucht, die Tür aufzubrechen. Er schilderte, er habe sie herausholen wollen, um sie vor den beissenden Dämpfen zu schützen.

Der Staatsanwalt beantragte eine Freiheitsstrafe von 38 Monaten für strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität der Frau. Sie wurde als Auskunftsperson befragt und ist Privatklägerin. Sie fordert eine Genugtuung von 20'000 Franken.

Die beiden lernten sich beim Fussball kennen, darin sind sie sich immerhin einig. Sie arbeiteten in derselben Branche. Bald stellte er sie an. «Er war aufmerksam und gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein», erzählte sie den Richtern. Er habe eine Beziehung mit ihr gewollt, die habe es jedoch nicht gegeben. Der Mann sei zu alt für sie. Zudem sei er verheiratet und Vater von zwei Kindern. «Ich machte ihm immer wieder klar, dass ich nicht interessiert bin. Auch nicht an einer sexuellen Beziehung. Der Sex fand ja ohne meine Einwilligung statt», betonte sie und wischte Tränen von der Wange. Warum sie nach dem ersten Vorfall den Kontakt nicht abgebrochen habe, fragten die Richter: «Weil ich mit der Situation ohne ihn nicht klargekommen wäre. Ich war zu schwach, um zu gehen. Ich wollte ihn nicht verlieren.»

Es entwickelte sich eine Hass-Liebe

Der Beschuldigte beteuerte, dass er die Frau nie vergewaltigt habe. «Ich liebte sie über alles. Ich besuchte sie jeden zweiten Tag. Wir haben gemeinsam viele Dinge erlebt, es ist etwas Schönes entstanden.» So seien sie zweimal zusammen in den Ferien gewesen. «Es schmerzt, Anschuldigungen zu hören, die nicht stimmen.» Als sie das erste Mal Sex gehabt hätten, habe sie ihn aufgefordert, sich auf den Rücken zu drehen, sie werde ihm zeigen, wie es geht. «Dann gab sie mir einen Zungenkuss. Ich war glücklich, weil ich glaubte, dass sie mich liebt», sagt er.

Mit der Zeit habe sich zwischen ihnen eine Hass-Liebe entwickelt, so der Beschuldigte. Sie habe plötzlich Geld gefordert, immer mehr. Insgesamt habe er ihr 18'000 Franken bezahlt. Sie beschuldigte ihn, dass er sie für ihn arbeiten liess, ohne Lohn zu zahlen. Deshalb habe sie gedroht, seine Frau und die Kinder zu informieren.

Der Italiener wiederum gibt an, dass die Privatklägerin Aufträge auf eigene Rechnung angenommen und durchgeführt habe. Er habe ihr dafür Material zur Verfügung gestellt. Deshalb habe er ihr keinen Lohn bezahlt. Im Sommer 2015 gingen sie im Streit auseinander.

Seit der Anklage, die drei Jahre nach dem ersten Vorfall erhoben wurde, haben sich die Frau und die Kinder vom Beschuldigten abgewendet. Seine Firma existiert ebenfalls nicht mehr. «Ich habe keinen festen Wohnsitz und kein Umfeld mehr», sagte er. Der Verteidiger forderte, sein Mandant sei vollumfänglich freizusprechen und die Privatklage abzuweisen. Er habe schon viele Leute vertreten, die nicht unschuldig gewesen seien. «Hier und heute bin ich aber von der Unschuld meines Mandanten überzeugt.» Die Anzeige drei Jahre nach dem Vorfall habe wohl damit zu tun, dass Institutionen und Versicherungen von der Privatklägerin Geld zurück fordern. Ihr Ziel sei, sich an seinem Mandanten zu bereichern.

Laut dem Staatsanwalt hat die Frau die Sache erst spät zur Anzeige gebracht, weil sie nicht früher in der Lage dazu war. Begleitet und unterstützt wurde sie durch die Opferberatung. «Sie fühlte sich zum Beschuldigten trotz der Situation hingezogen. Er verstand es, sie mit Zuckerbrot und Peitsche abhängig zu machen. Sie litt unter Schlaf- und Essstörungen, war gegenüber anderen Leuten zurückhaltend und misstrauisch. Erst mit der Therapie war sie in der Lage, ihre Geschichte anderen Leuten zu erzählen.» Es gäbe keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit des Opfers zu zweifeln.

Das letzte Wort hatte der Beschuldigte: «Ihr ist es gelungen, mich fertig zu machen, wie sie es versprochen hatte. Finanziell und psychisch.» Das Urteil wird schriftlich zugestellt.