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«Verheiratet mit Gott»: Geweihte Jungfrau lebt einsam in Willisau

In der Schweiz leben 66 «geweihte Jungfrauen» – eine davon im Luzerner Hinterland. Vor über zehn Jahren hat sich Christine Demel (51) dazu verpflichtet, ein Leben in Keuschheit und Einsamkeit zu führen. Leicht fällt ihr das nicht immer.
Lucien Rahm
Christine Demel führt ein Leben für Gott – als geweihte Jungfrau. (Bild: Roger Gruetter (Willisau, 12. Juli 2018))

Christine Demel führt ein Leben für Gott – als geweihte Jungfrau. (Bild: Roger Gruetter (Willisau, 12. Juli 2018))

«Geweihte Jungfrau» – den Begriff mag sie nicht sonderlich. Christine Demel spricht von sich lieber als «Virgo consecrata», der lateinischen Variante. Sie ist eine von vieren im Kanton Luzern, die diesen Titel der katholischen Kirche tragen. Nach fast 800-jährigem Unterbruch verleiht die Kirche diesen seit 1970 wieder an Frauen, die sich für ein enthaltsames Leben für Gott entscheiden, welches sie aber nicht hinter Klostermauern verbringen müssen (siehe Box unten).

Vor zwölf Jahren erhielt Demel, die seit 2015 als Pastoralassistentin der katholischen Kirche Willisau tätig ist, vom damaligen Weihbischof des Bistums Basel die Jungfrauenweihe (wir berichteten). Seitdem ist sie angehalten, ihr Leben nach bestimmten Regeln zu gestalten. Nebst den zentralen Geboten der Keuschheit und der Ehelosigkeit empfiehlt die Schweizer Bischofskonferenz den Frauen unter anderem, möglichst in Armut zu leben. Daneben legen die Vorgaben den «Virgines» auch bestimmte Formen des Wohnens nahe: In der Regel leben sie alleine, können aber auch in ihrer Herkunftsfamilie oder zusammen mit anderen geweihten Jungfrauen in einer Wohngemeinschaft leben. Zudem wird ihnen geraten, mehrmals täglich zu beten, idealerweise gar stündlich.

«Ich versuche, mich auch bei alltäglichen Dingen mit Gott abzusprechen.»

Nach diesen Idealen lebte Demel jedoch mehr oder weniger bereits vor ihrer Weihe. «Ich fühlte mich schon von klein auf mit Gott verbunden», sagt die heute 51-Jährige, die in einer kritischen, katholischen Familie im reformierten Wiesbaden aufwuchs. Für sie war daher immer klar, dass sie ihr Leben dem Glauben widmen möchte. «Klar war nur nicht, in welcher Form.» Es wäre für sie durchaus denkbar gewesen, die christlichen Werte als Familienmutter zu leben. Auch ein Dasein als Ordensschwester hätte sie sich vorstellen können. Nachdem sie 2001 aber erstmals von der Möglichkeit gehört hatte, sich der Kirche als geweihte Jungfrau widmen zu können, entschied sich die studierte Theologin nach längerer Bedenkzeit schliesslich für diesen Weg.

Wie eine Ehe, nur mit Gott

Als geweihte Jungfrau ist Christine Demel quasi mit Gott «verheiratet». Wie bei einer Eheschliessung hat sie bei ihrer Weihe einen Fingerring erhalten. Gewisse Jungfrauen tragen dabei auch einen Schleier, in anderen Ländern wie den USA erscheinen die Frauen in einem weissen Brautkleid zu ihrer «Vermählung». Eheähnlich sei auch die Lebensform, sagt Demel: «Man versucht, auf seinen Partner Rücksicht zu nehmen.» Auch bei alltäglichen Entscheidungen wie dem Einkauf versuche sie, sich «mit Gott abzusprechen». Seinen Willen versucht sie dabei in Erfahrung zu bringen, indem sie sich auf ihr Bibelwissen, ihre Vernunft und ihre Intuition berufe. Ob sie so die wahren Wünsche Gottes letztlich richtig erkennt, wisse sie zwar nicht. Aber: «Nicht das Ergebnis ist entscheidend, sondern, dass ich es versuche.»

«Nur wenn man die Sehnsucht nach Gott zulässt, kann er die Einsamkeit auch ausfüllen.»

Um die «Liebe Gottes» empfangen zu können, legt die Bischofskonferenz den Jungfrauen in ihren Empfehlungen eine «innere Einsamkeit» nahe. Da sie alleine lebt, verspüre sie diese Einsamkeit immer wieder, sagt Demel. Die Idee sei es dann, den «Schmerz des Alleinseins» nicht sofort zu übertönen, indem man beispielsweise den Fernseher anmacht. «Nur wenn man die Sehnsucht nach Gott zulässt, kann er die Einsamkeit auch ausfüllen.» Ertrage man diese Sehnsucht, bis sich Gott wahrnehmen lässt, erlebe man letztlich die grössere Genugtuung. Und auch mit ihrer Keuschheit verhalte es sich so: «Die langfristige Treue gibt mir mehr, als wenn ich kurzfristigen Freuden nachgehen würde.»

Keuschheit ist eine Herausforderung

Zwar sei es nicht immer einfach, enthaltsam zu sein, sagt Demel. «Ich bin auch ein Lebewesen.» Doch findet sie, in einer Ehe – nach kirchlichem Vorbild – wäre es auch nicht so, dass man stets umgehend seinen körperlichen Bedürfnissen nachgehen kann. Es sei ihr jedoch nicht verboten, sich an an einem Mann rein optisch zu erfreuen.

Mehr als das hat Demel in ihrem Leben auch nie getan. Für sie wären Intimitäten mit einem Mann erst innerhalb einer Ehe denkbar gewesen. «Ich habe mich hierbei immer an die kirchliche Norm gehalten.» Die Haltung der katholischen Kirche mache in ihren Augen angesichts der Risiken unehelichen Intimverkehrs – wie einer ungewollten Schwangerschaft – Sinn. «Da ist die Kirche vielleicht gar nicht so weltfremd, wie einige denken.»

Ob man auch tatsächlich sein bisheriges Leben enthaltsam verbracht haben muss, um zur geweihten Jungfrau werden zu können, würde sie mit anderen «Virgines» des Bistums bei ihren jährlichen Treffen immer wieder diskutieren. Demel selbst ist der Meinung, die Jungfräulichkeit sei Voraussetzung für eine Weihe. Anders sieht es mittlerweile der Vatikan, der Anfang Juli neue Regeln für den Stand der Weihjungfrauen erlassen hat. Darin hält er fest, dass die Keuschheit keine zwingende Voraussetzung für eine Weihe ist. Entscheidend sei die Gesamtverfassung einer Kandidatin, welche auch ihre Psyche und Spiritualität beinhalte.

Versprechen soll ewig halten

An ein vorzeitiges Ende ihres Gelübdes lebenslanger Jungfräulichkeit denkt Demel nicht. Die Schweizer Bischofskonferenz sah in ihren Richtlinien von 2006 vor, dass eine Jungfrau um Entlassung aus dem Stand bitten kann. In den neuen vatikanischen Vorgaben ist dies nicht vorgesehen.

Man wisse zwar nie, was das Leben bringt, sagt Demel. «Aber momentan möchte ich diese Einsamkeit weiterhin aushalten.» Eine Einsamkeit, die sie mit einem Marathonlauf vergleicht. Auch dort würde es Streckenabschnitte geben, bei welchen einem die Beine schmerzen. Trotzdem würde man weiterlaufen wollen, um das Rennen zu beenden.

Geweihte Jungfrauen gab es schon im 3. Jahrhundert

Der Weg der geweihten Jungfrau ist eine von mehreren Möglichkeiten, um in einer von der katholischen Kirche anerkannten öffentlichen Form Gott zu dienen, heisst es in den Empfehlungen der Schweizer Bischofskonferenz. Bereits in den frühzeitlichen Christengemeinden lebten gewisse Mitglieder in Keuschheit. Schon Quellen aus dem 3. Jahrhundert berichten von der geweihten Jungfrau als eigenem Stand der Kirche. Ihre Verpflichtungen waren damals bereits dieselben wie heute.

In späteren Jahrhunderten wurde die Jungfrauenweihe zunehmend durch das Ordensgelübde der Nonnen abgelöst, bis sie 1139 gänzlich abgeschafft wurde. 1970 wurde sie als Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils wieder eingeführt.

In der Schweiz leben derzeit gemäss dem Katholischen Medienzentrum 66 geweihte Jungfrauen, 13 davon im Bistum Basel. Manche von diesen sind beispielsweise als Schulbusfahrerin oder Krankenschwester tätig, sagt Christine Demel. Im Kanton Luzern gibt es laut Demel vier «Virgines».

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