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VERKEHR: Diese Gasse kann Leben retten

Bei Notfällen ist schnelle Hilfe lebenswichtig – die Einsatzkräfte bleiben jedoch oft im Stau stecken. Darum starten Rettungssanitäter nun eine Aufklärungskampagne.
Roger Rüegger
Damit Sanitäter oder Feuerwehrleute innert Kürze zum Unfallort vordringen können, braucht es eine Rettungsgasse. (Bild: PD)

Damit Sanitäter oder Feuerwehrleute innert Kürze zum Unfallort vordringen können, braucht es eine Rettungsgasse. (Bild: PD)

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Wenn im Rückspiegel Blinklichter von Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst auftauchen und das Signalhorn die Musik des Autoradios übertönt, sollten Verkehrsteilnehmer ihre Fahrzeuge an den Strassenrand lenken, um eine Rettungsgasse zu bilden. Hält sich nur ein Lenker nicht daran, ist der Weg für die Retter versperrt und das rasche Erreichen von Unfallstellen, Brandplätzen oder Spitälern erschwert. Das kann sich fatal auswirken. Denn: Ob verletzte Personen rechtzeitig geborgen und medizinisch versorgt werden können, hängt oft von wenigen Minuten ab.

Eine Rettungsgasse zu bilden, scheint einfach und selbstverständlich. Für viele Autofahrer ist es aber offenbar eine fast unlösbare Aufgabe. «Wir machen bei unseren Einsätzen gemischte Erfahrungen. Es gibt Automobilisten, die eine Notfallsituation gut einschätzen können und den Weg sofort freimachen, wenn sie ein Einsatzfahrzeug erkennen. Andere sind mit aussergewöhnlichen Situationen komplett überfordert, oder es fehlt ihnen an Verständnis», sagt etwa Martin Marfurt, Kommandant der Feuerwehr Ebikon-Dierikon, auf Anfrage (siehe Kasten).

Verkehrsteilnehmer blockieren sich selber

Falsches Verhalten verschlimmerte etwa am 27. Oktober die Situation, nachdem ein 20-Tonnen-Sattelschlepper auf der Autobahn in der Blegikurve bei Cham einen Selbstunfall verursacht und dabei 600 Liter Dieselöl verloren hatte. Ein stundenlanger Stau war die Folge. Mit ein Grund war laut Hermann Villiger, Einsatzleiter der Stützpunktfeuerwehr Zug, die sehr schlechte Disziplin der Autofahrer in Sachen Rettungsgasse.

Dabei ist die Sachlage gemäss Strassenverkehrsgesetz grundsätzlich klar: Die Strasse ist «Feuerwehr-, Sanitäts-, Polizei- und Zollfahrzeugen beim Wahrnehmen der besonderen Warnsignale sofort freizugeben». In der Praxis sieht es aber häufig anders aus: Auf Hauptstrassen stehen Autos Stossstange an Stossstange, sodass keiner vorwärts- oder retourfahren kann. Eine Gasse bilden? Unmöglich. In einem solchen Fall muss das vorderste Fahrzeug vorrücken – in Ausnahmen sogar über ein Rotlicht hinaus –, damit es für die folgenden Autos möglich ist, eine Rettungsgasse zu bilden.

Neuer Verein startet nationale Kampagne

Auf Autobahnen wird den Rettungskräften die Arbeit ebenfalls erschwert, weil Verkehrsteilnehmer oft nicht daran denken, eine Rettungsgasse zu bilden, wie Franz-Xaver Zemp sagt. Er ist Chef der Fachstelle Verkehr bei der Luzerner Polizei. «Wir stellen oft fest, dass Patrouillen Mühe haben, zu Unfällen oder Pannenfahrzeugen zu gelangen, weil Autos und schwere Motorfahrzeuge den Weg versperren.» Täglich behindern solche Situationen Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit. Mitarbeiter verschiedener Blaulichtorganisationen, die im Berufsalltag allzu oft aufgehalten werden, haben deshalb im Oktober den gemeinnützigen Verein «Helfen helfen» gegründet. Sie sagen nun der Unwissenheit vieler Verkehrsteilnehmer mit einer nationalen Kampagne den Kampf an. Initiant und Projektleiter Pascal Rey engagiert sich in seiner Freizeit als Rettungstransporthelfer in Härkingen und ist Mitglied einer Rettungsorganisation in Deutschland. «Ich erlebe oft, dass wir im Einsatz im Stau stecken bleiben. In Deutschland mussten letzthin Rettungssanitäter und -ärzte mit ihrer Ausrüstung sogar zwei Kilometer auf der Autobahn zu Fuss zurücklegen, weil sie mit dem Fahrzeug nicht an einen Unfallort gelangen konnten.» Ziel der Kampagne sei es, verunfallten, in Lebensgefahr schwebenden Menschen schnellstmöglich zu helfen. Dabei stehe das Vorrücken der Rettungsdienste und das Verringern der Staustunden im Vordergrund.

Jan Tisato, Mediensprecher des Vereins und selber Rettungssanitäter, präzisiert: «Es geht darum, Verkehrsteilnehmer auf die Wichtigkeit der Rettungsgasse aufmerksam zu machen, da einerseits schneller Leben gerettet werden können, andererseits Staus signifikant schneller aufgelöst werden.» In der gesamten Deutschschweiz sind Standaktionen mit Feuerwehren, Polizeikorps, Rettungs- und Partnerorganisationen geplant.

Die Kampagne soll bis spätestens im nächsten Herbst andauern. Sie wird mit Spendengeldern finanziert. Die Initianten gehen von Kosten in Höhe von mehreren zehntausend Franken aus. Tisato: «Bisher sind 5000 Franken von Privaten eingegangen. Wir haben diverse Bundesämter um finanzielle Unterstützung angefragt.» Leider sei der Ball schon mehrfach weitergegeben worden. Immerhin konnte der Verein schon etliche Politiker dafür gewinnen, sich mit Statements für die Rettungsgassen einzusetzen.

Das Bilden solcher ist aber nur die halbe Miete. Laut Franz-Xaver Zemp von der Luzerner Polizei kommt es häufig vor, dass Autofahrer zwar eine Gasse bilden, diese jedoch nach der Durchfahrt des ersten Einsatzfahrzeugs wieder schliessen. «Dabei müssen fast immer mehrere Einsatzkräfte an eine Unfallstelle gelangen.» Neben der Polizei und dem Rettungsdienst würden oft auch der Räumungsdienst und die Pannenhilfe aufgeboten, um Pannenfahrzeuge von der Unfallstelle zu entfernen und dafür zu sorgen, dass sich der Stau schnell auflöse. Dass die Durchfahrt für diese Organisationen ebenso wichtig sei, werde oft vergessen. Zemp: «Die Leute wissen meistens nicht, was sie auslösen, wenn sie keine Gasse bilden.»

Fehlt bei einem Unfall auf der Autobahn die Rettungsgasse, können Blaulicht-Organisationen nur mit Mühe zum Einsatzort vordringen. (Bild: PD)

Fehlt bei einem Unfall auf der Autobahn die Rettungsgasse, können Blaulicht-Organisationen nur mit Mühe zum Einsatzort vordringen. (Bild: PD)

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